• 11.11.2010, 10:53:54
  • /
  • OTS0120 OTW0120

EU-Zuckerbranche befürchtet Quotendiskussion durch Optionenpapier

Marihart warnt wegen Volatilität des Weltmarktes vor Zuckerknappheit in der EU

Wien (OTS) - Die europäische Zuckerbranche befürchtet, dass mit
dem von der Europäischen Kommission kommende Woche erwarteten
Optionenpapier zur Gestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik, GAP, nach
2013 der Fortbestand der EU-Zuckerquoten in Diskussion geraten wird.

Dies wurde dieser Tage am Rande einer Tagung des europäischen
Verbandes der Zuckerrübenanbauer, CIBE, in Wien deutlich. Die
geltende Zuckermarktordnung in der EU (ZMO) läuft zwar noch bis
2014/15, doch verdichten sich die Vermutungen, dass die Europäische
Kommission analog zum Ende der Milchquoten ab 2015 auch den
Zuckerquoten an den Kragen will. So sprach der Generaldirektor des
österreichischen Zuckerindustrieunternehmens AGRANA und Präsident des
Verbandes der europäischen Zuckerindustrie, Johann Marihart, vor den
CIBE-Delegierten im Hinblick auf die anstehende GAP-Reform und deren
Auswirkung auf das Zuckerregime davon, dass die Zuckerwirtschaft ihre
Reform-Aufgaben erledigt hat und die Weltmarktentwicklungen den Wert
der Zuckermarktordnung unterstreichen werden. Marihart machte
deutlich: "Wir wollen das Quotensystem behalten."

Marihart warnt wegen Volatilität des Weltmarktes vor Zuckerknappheit
in der EU

Er erinnerte zur Begründung für diese Forderung an die jüngsten
Preissprünge am Zuckerweltmarkt. "In der Reform der
Zuckermarktordnung (Anmerkung: Die aktuelle ZMO-Reform der EU von
2006, die bis 2009 umgesetzt wurde) war offensichtlich nie eine
Situation vorgesehen, in der die Weltmarktpreise den Preis am
Binnenmarkt übertreffen. Und nun passiert es zum zweiten Mal
innerhalb eines Jahres, dass wir ein 30-Jahres-Hoch beim Zuckerpreis
haben." Dies habe zur Folge, dass sich wegen dieser hohen
Rohstoffpreise für europäische Zuckerraffineure die Verarbeitung
überseeischen Rohzuckers zu EU-Quotenzucker nicht rechne und die von
der EU mit Zollfreiheit für Zuckerlieferungen bedachten Gruppen der
ärmsten Entwicklungsländer (LCD) und der AKP-Staaten Europa nicht
mehr versorgten, weil sie in ihrer Nähe ertragreichere Märkte ohne
die hohen Transportkosten nach Europa fänden. "Und nun setzt der
85%ige Selbstversorgungsgrad der EU mit Rübenzucker nach der Reform
die EU unmittelbar der Weltmarktlage aus", so Marihart. Die
Zuckerimporte in die EU seien von 3 auf 2 Mio. t zurückgegangen und
die Reserven von 2 auf 1,5 Mio. t Zucker abgeschmolzen.

Der CEFS-Präsident warnte deutlich vor den Folgen von
Liberalisierung: "Nur wenn 2010/11 3 Mio. t Zucker importiert werden
können, werden die Zuckerreserven zum 30.09.2011 bei 1,2 Mio. t
(gemessen an einem Jahresverbrauch von 16 Mio. t) gehalten werden
können."

Zuckerproduktion kann mit Volatilität nicht mitschwanken - Isoglucose
keine Alternative

Der Verband der europäischen Zuckerraffineure, also jene Firmen,
die den normalerweise billigen Rohzucker vom Weltmarkt in die EU
bringen und hier zu Quotenzucker verarbeiten, habe kürzlich erst
wieder einen Vorstoß bei der EU-Kommission unternommen, den
Außenschutz durch Zölle auf diese Einfuhren fallen zu lassen und die
Zucker- sowie Isoglucosequoten abzuschaffen. Aus Mariharts Sicht -
"und ich sage das selbst als größter Isoglucoseproduzent in Europa" -
sei die quotenfreie Isoglucoseproduktion als Zuckersubstitut "ein
Element extremer Volatilität am EU-Süßstoffmarkt". Denn, so Marihart,
die Wirtschaftlichkeit und der Umfang der aus Mais erfolgenden
Herstellung des Süßstoffs Isoglucose hänge maßgeblich von den
Rohstoffkosten ab. Seien die Getreide- und Maispreise niedrig, würden
rund 3 Mio. t Zucker durch Isoglucose substituiert werden, erreichten
sie wie zurzeit EUR 200,- pro t und mehr, so würde der
Substitutionsgrad auf 500.000 t abfallen. "Und wenn irgendwer
annimmt, dass Rübenzucker oder sogar Raffination (Anmerkung:
überseeischen Rohzuckers) ein solches Auf und Ab ausgleichen könnten,
dann können wir nur sagen: das ist wirtschaftlich nicht machbar." Die
Quoten-Zuckererzeugung in der EU könne einfach nicht Jahr für Jahr
zwischen 10 und 13 Mio. t variiert werden und Isoglucose könne, weil
nicht lagerfähig, auch nicht als Zuckerreserve gehalten werden. "So
lautet die wichtigste nun auszusendende Botschaft, ein Quotensystem,
wie immer es auch benannt wird, beizubehalten", resümierte Marihart.

Karpfinger: Außenschutz als Voraussetzung für funktionierende Quoten
ist damit bewiesen

Für den Präsidenten des Berufsverbandes "Die Rübenbauern", Ernst
Karpfinger, "ist mit diesen Zusammenhängen bewiesen, dass nur mit
einem weiterhin aufrechten Außenschutz für den europäischen
Zuckermarkt die Voraussetzung für ein funktionierendes System von
Quoten und Mindestpreis gegeben sein kann". Die Zuckermarktreform von
2006 und die Entwicklungsinitiativen der EU mit Zollfreikontingenten
für die LDC sowie die AKP-Staaten ließen die EU zum Nettoimporteur
von Zucker werden und den Selbstversorgungsgrad auf 85% sinken.
"Diese Initiativen kamen wenigstens Entwicklungsländern zugute und
können wegen der Unsicherheit der internationalen Märkte und der
starken Volatilität der Preise von diesen nur zeitweise und nicht
einmal zur Gänze genutzt werden. Mit Zucker importiert die EU aber
Abhängigkeit und Preisschwankungen. Das wirft eine staatspolitische
Grundfrage auf: Will der Staat ein gewisses Maß an
Lebensmittelautarkie, das heißt Ernährungssicherheit, für seine
Bürgerinnen und Bürger aufrechthalten? Oder will er sich in
Abhängigkeiten von Dritten begeben?"

Karpfinger sagte dies mit Blick auf die Verhandlungen der EU mit
dem südamerikanischen Mercosur über neue Zollfreiabkommen und die
WTO-Verhandlungen. Hier stünden Staaten wie Brasilien vor der Tür,
die nicht mehr als Entwicklungsländer gelten. "Die Frage hier muss
lauten: Will Europa Brandrodung, GVO-Produktion mit dem Einsatz der
schlimmsten Chemiekeulen und die Ausbeutung von rechtlosen
Landarbeitern importieren?", so Karpfinger.

Er warnte auch mit Blick auf extreme Sprünge der
Verbraucherpreise davor, dass "das ausschließliche Ausleben des
freien Spiels der Kräfte auf einem Markt mit der primären Aufgabe der
Landwirtschaft, die Weltbevölkerung zuverlässig, regelmäßig und auf
eine stetig wachsende Nachfrage hin zu stabilen Preisen zu ernähren,
unvereinbar ist".
(Schluss) pos

Rückfragehinweis:
aiz.info - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst,
Tel.: 01/533 18 43
mailto:[email protected]
www.aiz.info

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | AIZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel