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"Die Presse" Leitartikel: Wir sollten das Richtige auch für die falschen Zuwanderer tun, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 10.11.2010
Wien (OTS) - Die undiplomatischen Aussagen des türkischen
Botschafters könnten und sollten den Anstoß für eine neue Qualität in
der Integrationsdebatte geben.
Zu den alten internen Regeln der "Presse"-Redaktion gehört es, dass
Interviews nicht in derselben Ausgabe kommentiert werden. Der
bewusste Regelverstoß, den dieser Kommentar darstellt, ist die
unmittelbare Reaktion auf einen Regelverstoß des Interviewpartners:
Kadri Ecvet Tezcan, der türkische Botschafter in Wien, hat im
Gespräch mit meinem Kollegen Christian Ultsch gegen jede
diplomatische Usance agiert und in geradezu aufregender Weise
Klartext gesprochen.
Dafür gebührt ihm unser aller Dank. Seine direkte Art, das neue
Großmachtbewusstsein seines Landes mit klaren Vorstellungen über das,
was in Österreich an Integrationsmaßnahmen notwendig wäre, zu
verknüpfen, könnte und sollte die österreichische Integrationsdebatte
auf ein neues Niveau heben.
Es wäre die vierte und entscheidende Phase in dieser Debatte: Die
erste dauerte am längsten und war von der Illusion geprägt, dass es
sich bei den türkischen Gastarbeitern um Migranten auf Zeit handeln
würde.
In der zweiten Phase behielten die Blockwarte der politischen
Korrektheit die Übersicht und scheuchten jeden, der schüchtern das
Vorhandensein eines Problems melden wollte, zurück in die
PC-Baracken.
In der dritten Phase brachen die Dämme. Das äußerte sich politisch im
Erfolg rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa und intellektuell
durch neue Akzente wie Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich
ab".
Botschafter Tezcan hat ein neues Sprechen über das Verhältnis
zwischen Österreich und der Türkei eingeleitet, besonders im Hinblick
auf die Integrationsprobleme, mit denen türkische Zuwanderer
signifikant stärker als andere zu kämpfen haben. Seine Rede besticht
dadurch, dass er seine Kritik ebenso offen vorträgt wie die
selbstkritischen Aspekte seiner Einschätzung. Genau so müssten auch
österreichische Politiker, müsste auch die österreichische
Öffentlichkeit mit dem Thema umgehen.
Der richtige Einstieg in eine solche neue Offenheit ist die
Feststellung des Faktums, dass der überwiegende Teil der Menschen,
die in den vergangenen 20 Jahren aus der Türkei nach Österreich
gekommen sind, nur hier ist, weil dieses Land nie eine gesteuerte
Zuwanderungspolitik betrieben hat. Hätte es in Österreich eine
Zuwanderungspolitik gegeben, die mit jener von Vorbildländern wie
Kanada oder Australien vergleichbar ist, wären die meisten von ihnen
nicht hier.
Es sind, in der offenen Sprache des türkischen Botschafters gesagt,
die falschen Zuwanderer. Aber jetzt geht es darum, für die falschen
Zuwanderer das Richtige zu tun. Denn dass dieses Land keine
Zuwanderungspolitik hatte und hat, ist nicht die Schuld jener, die
legal, aber mit ernsthaften Integrationsproblemen hier leben.
Wer verhindern will, dass Populisten allein mit dem Hinweis auf die
Probleme, die lange Zeit aus Gründen der politischen Korrektheit
verdrängt und kleingeredet wurden, Wahlen gewinnen, wird sich um
substanzielle Maßnahmen zur richtigen Integration auch der falschen
Zuwanderer kümmern müssen.
Der Hinweis von Botschafter Tezcan, dass die perfekte Beherrschung
der türkischen Sprache eine entscheidende Voraussetzung für die
erwünschte Zweisprachigkeit sei, ist vollkommen korrekt. Ob der
Import türkischer Sprachlehrer die ideale Lösung für das Problem ist,
mag man angesichts der eher nicht beglückenden Erfahrungen mit
importierten Religionslehrern diskutieren.
Zentral ist das Grundprinzip, das der Botschafter anspricht:
Offenheit. Es wird ein Maßstab für die Ernsthaftigkeit seiner Kritik
sein, wie sehr er diese Offenheit auch in der Diskussion über die
Bringschulden der türkischen Immigranten - etwa bei den Stichwörtern
Kindergartenbesuch und Frauenrechte - zu schätzen weiß. Kritik an den
Defiziten der österreichischen Integrationspolitik ist angebracht und
notwendig. Die Defizite in der Integrationsbereitschaft vieler
türkischer Zuwanderer bedürfen genauso der Diskussion. Wer Interesse
daran hat, dass Integration gelingt, muss dafür sorgen, dass auch für
die falschen Zuwanderer das Richtige getan wird. Die Voraussetzung
dafür ist schonungslose Offenheit.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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Tel.: (01) 514 14-445
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