• 04.11.2010, 18:25:04
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DER STANDARD-KOMMENTAR "Wie der ORF ruiniert wird" von Alexandra Föderl-Schmid

Der Einfluss der Parteien und Machtspiele der Führung gefährden den Sender - Ausgabe vom 5.11.2010

Wien (OTS) - "Warum dreht sich alles nur um Sex?", wollte Barbara
Karlich am Donnerstagnachmittag wissen. Die ORF-Talkshow war
langweilig im Vergleich zu dem, was sich in diesen Stunden am
Küniglberg abspielte: Es geht um Geld und Macht, um Intrigen und
Beziehungen. Ein Duell zweier Herren.
Die Vorgänge in der ORF-Spitze rund um die von Generaldirektor
Alexander Wrabetz nun per Antrag betriebenen Ablöse von Info-Chef
Elmar Oberhauser überbieten jede Daily Soap. Wer geglaubt hat, noch
tiefer gehe es nicht, wurde durch die jetzige Schlammschlacht eines
Besseren belehrt. Es geht nicht mehr "nur" um den ORF oder um
Oberhauser oder die Wiederwahl von Wrabetz als ORF-General. Auf dem
Spiel steht viel mehr: die journalistischen Unabhängigkeit durch die
Zugriff der Parteien und der Fortbestand der größten Medienanstalt
des Landes durch unternehmerische und programmplanerische Fehler.
Dass sich Politiker wie selbstverständlich herausnehmen,
Führungspositionen nach Gusto und Parteibuch zu besetzen und die
Qualifikation eine untergeordnete Rolle spielt, ist ein
demokratiepolitisches Problem. Zumal in einem Land, in dem sich die
Medienkonzentration auf einem für die demokratische Kultur
bedenklichen Niveau befindet, mit einer dominierenden elektronischen
Medienorgel und einem kampagnenerfahrenen Boulevardblatt. Zwischen
der Politik und diesen Medien gibt es ein dichtes Geflecht von
Einflussnahme und Werbung auf Kosten der Steuerzahler.
Als öffentlich-rechtliche Anstalt gehört sich der ORF selbst.
Parteifunktionäre und Mitglieder sogenannter Freundeskreise gehen
aber davon aus, die wahren Herrscher über den ORF zu sein. Woher
nehmen SPÖ und ÖVP das Recht, zu bestimmen, wer Chefredakteur der
Informationssendungen im Fernsehen oder kaufmännischer
Geschäftsführer werden soll? Wieso verhandeln die Parteien über die
Vorververlegung der Generaldirektorswahl? Warum wird Parteinähe
zumindest als Voraussetzung für eine Leitungsfunktion im
Informationsbereich angesehen und ist dagegen nicht Anlass zur
Skepsis, ob ein parteipolitisch deklarierter Journalist tatsächlich
unabhängig und objektiv berichten oder entscheiden kann? Warum ziehen
sich die politischen Platz- und Steigbügelhalter nicht aus den
Aufsichtsgremien zurück? Warum lässt man nicht Journalisten ihren Job
machen und setzt fähige Programmplaner an die richtige Stelle?
Journalisten, die die FPÖ-Einmischung in die Am Schauplatz-Gestaltung
als Eingriff in die Pressefreiheit anprangern, sollten sich auch
gegen parteipolitisch motivierte Postenbesetzung zur Wehr setzen.
Die Mischung aus unfähigen Managern, Programmplanern und Zuträgern
sowie parteipolitisch punzierten Journalisten führt dazu, dass der
ORF nicht nur seinen über die Grenzen hinausgehenden guten Ruf
verspielt, sondern auch seinem Auftrag nicht nachkommt: für ein gutes
Informations- und Unterhaltungsprogramm zu sorgen. Dass Monat für
Monat die Zuschauerquoten zurückgehen, ist ein quantitatives
Spiegelbild für qualitatives Versagen des ORF. "So richtet man einen
Sender zugrunde", überschrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung
ihren ORF-Bericht. Wer Daily Soaps in der Anstalt und auf dem Schirm
bietet, darf sich nicht wundern, wenn auch die Gebührenfinanzierung
infrage gestellt wird.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70 DW 445

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