• 15.10.2010, 10:02:05
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Armutskonferenz warnt davor, sozialen Abstieg tausender Menschen zu ignorieren

UN-Tag gegen Armut: Wo die soziale Schere aufgeht, dort herrscht mehr Angst und weniger Vertrauen.

Wien (OTS) - "Früher hatten die Eltern zu ihren Kindern gesagt, du
sollst es einmal besser haben. Jetzt sagen sie, hoffentlich hast du
es nicht schlechter", warnt die Armutskonferenz im Vorfeld des
UN-Tags gegen Armut davor, soziale Abstiegsprozesse zu wenig ernst zu
nehmen. "Schichten, die bislang für sich und ihre Kinder nur die
Perspektive des Aufstiegs kannten, sind nun plötzlich mit dem Abgrund
des Abstiegs konfrontiert.", so Sozialexperte Martin Schenk.
Sie alle haben sozialen Abstieg erlebt: beruflichen Abstieg vom
Metallarbeiter zum Straßenreiniger, Lohnverlust, erzwungene
Frühpensionierung. Die Begleitfolgen sozialen Abstiegs machen sich
mit sozialer Disqualifizierung, verletzten Gerechtigkeitsgefühlen
und Ohnmachtserfahrungen bemerkbar. Die Betroffenen haben
Entlassungen, Wiedereinstellungen und wieder Entlassungen erlebt. Sie
berichten von unsicheren, schlecht bezahlten Jobs, langen Phasen der
Erwerbslosigkeit und der Schwierigkeit, Beruf und Familie zu
vereinbaren.

Wo die soziale Schere aufgeht, dort herrscht mehr Angst und
weniger Vertrauen. "Das Vertrauensniveau fällt geringer aus, Menschen
sind weniger dazu bereit, anderen zu vertrauen." zitiert die
Armutskonferenz aktuelle sozialwissenschaftliche Ergebnisse: "Es
liegt etwas im Argen mit den sozialen Beziehungen in sozial
polarisierten Gesellschaften. Lerne ich den Geschmack vom zukünftigen
Leben als Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Gewalt? Oder habe
ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, Vertrauen und Empathie
gemacht? Werde ich schlecht gemacht und beschämt oder geschätzt und
erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit, Angst
und Stress geprägt, oder von Vertrauen und Planbarkeit? Je ungleicher
Gesellschaften werden, desto defizitärer sind die psychosozialen
Ressourcen. Es gibt weniger Inklusion, das heißt häufiger das Gefühl
ausgeschlossen zu sein. Es gibt weniger Partizipation, also häufiger
das Gefühl, nicht eingreifen zu können. Es gibt weniger Reziprozität,
also häufiger das Gefühl, sich nicht auf Gegenseitigkeit verlassen zu
können", so Schenk.

Die soziale Ungleichheit wird in und nach Wirtschaftskrisen
größer, wie der renommierte britische Sozialwissenschafter Tony
Atkinson anhand von vierzig Wirtschaftskrisen beobachtet hat. Der
World Wealth Report berichtet bereits wieder von einem Anstieg des
Reichtums der Reichsten um 1%, bei gleichzeitiger steigender Armut
und Arbeitslosigkeit. Wir sehen eine zunehmende Ungleichheit
innerhalb der Arbeitseinkommen und gleichzeitig eine wachsende Schere
durch wieder steigende Vermögenseinkommen bei wenigen ganz oben.

Die Stimmen der Verdrängung, die gerade jetzt Schikanen gegen
Arbeitslose fordern, werden freilich schon laut. Oder auch
Riesensparpakete in Gesundheit, Bildung und Sozialem. Wir können uns
die Zukunft aber nicht ersparen. Es muss europaweit richtig
investiert werden, der Konsum stabil gehalten und von den Profiteuren
der letzen Jahre, den obersten 10 Prozent, ein Beitrag zu den
Krisenkosten einverlangt werden. Allein eine Anpassung
vermögensbezogener Steuern auf das EU-Niveau brächte in Österreich 4
Milliarden Euro. Das heißt: In die Zukunft investieren mit Bildung,
Forschung, Kinderbetreuung und Pflege, Konjunktur nicht abwürgen,
Jobs schaffen, Budget konsolidieren, Schwächen des Sozialstaats
korrigieren, Stärken optimieren. Wer sozialer Polarisierung mit all
ihren negativen Folgen für die ganze Gesellschaft gegensteuern will,
muss nicht nur für die Stabilisierung des Finanz- und Bankensektors
eintreten, sondern auch für die Stabilisierung des sozialen
Ausgleichs.

Die Auswirkungen auf die Konjunktur, auf die Arbeitslosenzahlen
und auf die soziale Lage können sonst verheerend sein. Wenn man jetzt
zu wenig vom Richtigen und zu viel vom Falschen tut.

Quellen:

- Richard Wilkinson & Kate Picket (2009): The Spirit Level. Why 
   equal societes almost always do better.
 - OECD (2008): Growing Unequal? 
 - Die Armutskonferenz (2010): Geld.Macht.Glücklich. 
   Verteilungskämpfe, Verwirklichungschancen und Lebensqualität in 
   Zeiten der Krise.
 - Martin Schenk & Michaela Moser (2010): Es reicht! Für alle! Wege 
   aus der Armut.

Rückfragehinweis:
Die Armutskonferenz.
Die Mitgliedsorganisationen betreuen und unterstützen 500 000 Hilfesuchende im Jahr.
www.armutskonferenz.at
Koordinationsbüro Tel.: 01/ 402 69 44 oder 0664/ 544 55 54

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