Armutskonferenz warnt davor, sozialen Abstieg tausender Menschen zu ignorieren

UN-Tag gegen Armut: Wo die soziale Schere aufgeht, dort herrscht mehr Angst und weniger Vertrauen.

Wien (OTS) - "Früher hatten die Eltern zu ihren Kindern gesagt, du sollst es einmal besser haben. Jetzt sagen sie, hoffentlich hast du es nicht schlechter", warnt die Armutskonferenz im Vorfeld des UN-Tags gegen Armut davor, soziale Abstiegsprozesse zu wenig ernst zu nehmen. "Schichten, die bislang für sich und ihre Kinder nur die Perspektive des Aufstiegs kannten, sind nun plötzlich mit dem Abgrund des Abstiegs konfrontiert.", so Sozialexperte Martin Schenk.
Sie alle haben sozialen Abstieg erlebt: beruflichen Abstieg vom Metallarbeiter zum Straßenreiniger, Lohnverlust, erzwungene Frühpensionierung. Die Begleitfolgen sozialen Abstiegs machen sich mit sozialer Disqualifizierung, verletzten Gerechtigkeitsgefühlen und Ohnmachtserfahrungen bemerkbar. Die Betroffenen haben Entlassungen, Wiedereinstellungen und wieder Entlassungen erlebt. Sie berichten von unsicheren, schlecht bezahlten Jobs, langen Phasen der Erwerbslosigkeit und der Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Wo die soziale Schere aufgeht, dort herrscht mehr Angst und weniger Vertrauen. "Das Vertrauensniveau fällt geringer aus, Menschen sind weniger dazu bereit, anderen zu vertrauen." zitiert die Armutskonferenz aktuelle sozialwissenschaftliche Ergebnisse: "Es liegt etwas im Argen mit den sozialen Beziehungen in sozial polarisierten Gesellschaften. Lerne ich den Geschmack vom zukünftigen Leben als Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Gewalt? Oder habe ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, Vertrauen und Empathie gemacht? Werde ich schlecht gemacht und beschämt oder geschätzt und erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit, Angst und Stress geprägt, oder von Vertrauen und Planbarkeit? Je ungleicher Gesellschaften werden, desto defizitärer sind die psychosozialen Ressourcen. Es gibt weniger Inklusion, das heißt häufiger das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Es gibt weniger Partizipation, also häufiger das Gefühl, nicht eingreifen zu können. Es gibt weniger Reziprozität, also häufiger das Gefühl, sich nicht auf Gegenseitigkeit verlassen zu können", so Schenk.

Die soziale Ungleichheit wird in und nach Wirtschaftskrisen größer, wie der renommierte britische Sozialwissenschafter Tony Atkinson anhand von vierzig Wirtschaftskrisen beobachtet hat. Der World Wealth Report berichtet bereits wieder von einem Anstieg des Reichtums der Reichsten um 1%, bei gleichzeitiger steigender Armut und Arbeitslosigkeit. Wir sehen eine zunehmende Ungleichheit innerhalb der Arbeitseinkommen und gleichzeitig eine wachsende Schere durch wieder steigende Vermögenseinkommen bei wenigen ganz oben.

Die Stimmen der Verdrängung, die gerade jetzt Schikanen gegen Arbeitslose fordern, werden freilich schon laut. Oder auch Riesensparpakete in Gesundheit, Bildung und Sozialem. Wir können uns die Zukunft aber nicht ersparen. Es muss europaweit richtig investiert werden, der Konsum stabil gehalten und von den Profiteuren der letzen Jahre, den obersten 10 Prozent, ein Beitrag zu den Krisenkosten einverlangt werden. Allein eine Anpassung vermögensbezogener Steuern auf das EU-Niveau brächte in Österreich 4 Milliarden Euro. Das heißt: In die Zukunft investieren mit Bildung, Forschung, Kinderbetreuung und Pflege, Konjunktur nicht abwürgen, Jobs schaffen, Budget konsolidieren, Schwächen des Sozialstaats korrigieren, Stärken optimieren. Wer sozialer Polarisierung mit all ihren negativen Folgen für die ganze Gesellschaft gegensteuern will, muss nicht nur für die Stabilisierung des Finanz- und Bankensektors eintreten, sondern auch für die Stabilisierung des sozialen Ausgleichs.

Die Auswirkungen auf die Konjunktur, auf die Arbeitslosenzahlen und auf die soziale Lage können sonst verheerend sein. Wenn man jetzt zu wenig vom Richtigen und zu viel vom Falschen tut.

Quellen:

  • Richard Wilkinson & Kate Picket (2009): The Spirit Level. Why equal societes almost always do better.
  • OECD (2008): Growing Unequal?
  • Die Armutskonferenz (2010): Geld.Macht.Glücklich. Verteilungskämpfe, Verwirklichungschancen und Lebensqualität in Zeiten der Krise.
  • Martin Schenk & Michaela Moser (2010): Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut.

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