• 28.09.2010, 12:45:02
  • /
  • OTS0211 OTW0211

Armutskonferenz bei Bundespräsident Fischer: "Soziale Investitionen zahlen sich aus, für alle!"

Wien (OTS) - Übergabe Publikation "Geld.Macht.Glücklich": Die
soziale Schere
droht nach Krisen weiter auseinander zu gehen - deshalb müssen wir
gegensteuern.

"Wer in den frühkindlichen Bereich investiert, sozial integrative
Schulen fördert und Menschen in der Pflege nicht allein lässt,
leistet einen entscheidenden Beitrag zur Armutsbekämpfung", so die
Armutskonferenz, die heute am Vormittag Bundespräsident Heinz Fischer
ihre aktuelle Publikation "Geld.Macht.Glücklich" überreichte.
"Soziale Investitionen zahlen sich aus", betonten die VertreterInnen
von Caritas, Diakonie, Erwerbsarbeitsloseninitiative "Gutes Leben für
alle", Neustart, Samariterbund, Straßenzeitung Augustin und
Volkshilfe: "Die soziale Schere droht nach Krisen weiter auseinander
zu gehen - deshalb müssen wir gegensteuern". Themen des Gesprächs mit
dem Bundespräsidenten waren die Notwendigkeit vermögensbezogener
Steuern für den sozialen Ausgleich, die wichtigen
Zukunftsinvestitionen in soziale Dienstleistungen, erste
Einschätzungen zur Mindestsicherung und die Erkenntnis, dass Freiheit
und Gleichheit in einer Gesellschaft, die allen Entwicklungschancen
bieten soll, einander bedingen.

Die Armutskonferenz fasste die Inhalte der Publikation in vier
Punkte zusammen:

Die soziale Schere bringt mehr Gewalt, mehr Stress, weniger Leben und
weniger Vertrauen.

Noch mehr soziale Ungleichheit heißt noch mehr Krankheiten und
noch geringere Lebenserwartung, mehr Teenager-Schwangerschaften, mehr
Status-Stress, weniger Vertrauen, mehr Gewalt und mehr soziale
Ghettos. Eine sozial polarisierte Gesellschaft bringt Nachteile nicht
nur für die Ärmsten, sondern auch für die Mitte. Es stehen nicht nur
die unterprivilegierten Mitglieder schlechter da, sondern auch die
Wohlhabenderen. Es konnte aber ein erstaunlich hoher Zusammenhang
zwischen Lebenserwartung und dem Anteil am Volkseinkommen, den die
ärmeren Haushalte beziehen, nachgewiesen werden. Die Ausgewogenheit
von Einkommensverhältnissen und Statusunterschieden wurde als jener
Faktor identifiziert, der am stärksten die höhere Erkrankung Ärmerer
erklärt. Der Anstieg der Lebenserwartung in einem Zeitraum fiel umso
größer aus, je
größer der relative Zuwachs an Einkommen der ärmeren Haushalte war.
Nicht wie reich wir insgesamt sind, ist hier der entscheidende Punkt,
sondern wie stark die Unterschiede zwischen uns sind.
Wer arm ist und sich materiell verbessert, erhält einen deutlichen
Anstieg der Zufriedenheit. Die Effekte sind bei Ärmeren besonders
stark. Insgesamt sind Menschen mit höherem Einkommen zufriedener und
äußern höheres Wohlbefinden. Allerdings erfolgt ab einem gewissen
Einkommen keine Steigerung mehr (Sättigung). Anders bei Gesundheit
und Lebenserwartung: Gesundheit und Lebenserwartung steigt mit
höherem Einkommen und sozialen Status linear.

Die soziale Schere ist teuer und verursacht Kosten für alle.

Mehr chronische Krankheiten, mehr Schulabbrecher, mehr
Gefängnisinsassen, mehr Gewalt, mehr soziale Probleme verursachen
volkswirtschaftliche Kosten anderswo. Mehr Armut und soziale
Ungleichheit ist teuer und schadet (fast) allen. Eine höhere
Schulabbrecher-Quote beispielsweise verursacht durch steigende
Sozialausgaben, höhere Gesundheitskosten und entgangene
Steuereinnamen Kosten: 3 Milliarden Euro bei 10.000 Drop-Outs in
Österreich.

Soziale Investitionen zahlen sich aus. Für alle.

Wer in den frühkindlichen Bereich investiert, sozial integrative
Schulen fördert und Menschen in der Pflege nicht allein lässt,
leistet einen entscheidenden Beitrag zur Armutsbekämpfung.
Investition in Zukunftssektoren, zu denen die Armutskonferenz Kinder,
Schule und Bildung sowie die Pflege am Lebensende rechnet, zahlen
sich aus. Soziale Dienstleistungen sind eine Produktivkraft. Die
Hilfen für die Pflege der Oma und der Betreuung des kleinen
Sprösslings sorgen für Wachstum, stabilisieren die Wirtschaft und
stiften sozialen Ausgleich. Sie haben Wachstumsfunktion bei
Beschäftigung. Sie haben stabilisierende Funktion, weil sie Teilhabe
sichern und Nachfrage über den Konjunkturzyklus bereitstellen. Und
sie erfüllen die Funktion des sozialen Ausgleichs.

Besonders die Dienstleistungen in Pflege, Kinderbetreuung und
Bildung reduzieren das Armutsrisiko und verteilen zu den Schwächeren
um. Österreich liegt mit seinen Sozialdienstleistungen unter dem
EU-Durchschnitt. Hier gibt es viel ungenütztes Potential, das brach
liegen gelassen wird.

Die soziale Schere droht nach Krisen weiter auseinander zu gehen -
deshalb müssen wir gegensteuern.

Die soziale Ungleichheit wird in und nach Wirtschaftskrisen
größer, wie der renommierte britische Sozialwissenschafter Tony
Atkinson anhand von vierzig Wirtschaftskrisen beobachtet hat. Wir
sehen eine zunehmende Ungleichheit innerhalb der Arbeitseinkommen und
gleichzeitig eine wachsende Schere durch wieder steigende
Vermögenseinkommen bei wenigen ganz oben. Der Word Wealth Report
berichtet bereits wieder von einem Anstieg des Reichtums der
Reichsten um 1% bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit und Armut.

Bei Reichtum ist vorrangig nicht Lohneinkommen das Thema, sondern
Vermögen. Der Gini-Koeffizient, ein Maß für Ungleichheit zwischen 0
und 1 (0 heißt alle haben genau gleich viel, 1 heißt einer hat alles)
beträgt bei den Haushalteinkommen europaweit geringe 0,33. Da
schlagen sich die sozialstaatlichen Sozial- und Dienstleistungen
nieder. Bei den Geldvermögen springt der Gini-Koeffizient auf hohe
0,66 hinauf, bei Immobilienvermögen auf 0,76, bei
Unternehmensbeteiligungen auf 0,88 und bei der angeblichen
Mittelschichtssache "Erbschaften" auf 0,94. Vererben tun ganz wenige
fast alles an ganz wenige. Wer Leistung belohnen will, muss Vermögen
stärker besteuern, und den Faktor Arbeit entlasten. Wer sozialer
Polarisierung mit all ihren negativen Folgen für die ganze
Gesellschaft gegensteuern will, muss nicht nur für die Stabilisierung
des Finanz- und Bankensektors eintreten, sondern auch für die
Stabilisierung des sozialen Ausgleichs.

Was jedenfalls nicht hilft: Die Opfer der Wirtschaftskrise und der
Arbeitslosigkeit zu Schuldigen ihres Schicksals zu stempeln. Was
nicht hilft für eine Gesellschaft mit sozialer Balance ist die
untersten Einkommensschichten aufeinander zu hetzen", warnt die
Armutskonferenz davor, die Verteilungsdebatte gegen die Ärmsten zu
richten.

Dokumentation: Geld.Macht.Glücklich.

Verteilungskämpfe, Verwirklichungschancen und Lebensqualität in
Zeiten der Krise, 2010.

Bestellungen an [email protected]

Rückfragehinweis:
Die Armutskonferenz.
Koordinationsbüro: 01/ 402 69 44 oder 0664/ 544 55 54
www.armut.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | ARM

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel