• 27.09.2010, 18:15:29
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DER STANDARD-Kommentar "Die steirischen Welten wanken" von Walter Müller

Mit der FPÖ-Karte in der Hand kann Voves die ÖVP nun billiger haben // Ausgabe vom 28.9.2010

Wien (OTS) - Es war einigermaßen gespenstisch. In der
Parteizentrale der ÖVP am Grazer Karmeliterplatz hüpften junge
Funktionäre wie verrückt in die Höhe, schwangen grüne Tafeln und
skandierten "Schützi, Schützi, Schützi". Ein triumphaler Wahlsieg
wurde soeben abgefeiert. ÖVP-Spitzenmann Hermann Schützenhöfer war
gerührt und strahlte.
Zu diesem Zeitpunkt war aber längst klar, dass die Rechnung nicht
aufgegangen war, dass Franz Voves SPÖ-Landeshauptmann bleiben wird.
Es war eine skurrile Darbietung kollektiver Realitätsverweigerung.
Am nächsten Morgen stieg allerorten _Katerstimmung auf. Man
realisierte, dass die ÖVP doch die Wahl verloren hatte und nun
strategisch so schlecht wie noch nie dasteht: keine Mehrheit mit den
Blauen und schon gar keine mit den Grünen.
Hermann Schützenhöfer sagte ein paar Stunden nach der Siegesfeier
schon etwas kleinlaut, er strecke der SPÖ die Hand zur Zusammenarbeit
und Versöhnung aus. Vergessen sind die letzte fünf Jahre voller
Streit und Hader, Schwamm drüber. Die Großen sollten wieder
zusammenarbeiten.
Es muss Schützenhöfer gedämmert haben, dass er den Preis etwas senken
wird müssen, um weiter im Amt bleiben zu können. Denn SPÖ-Wahlsieger
Franz Voves hat noch ein Trumpf in der Hand: die blaue Karte.
Es könnte jetzt schnell gehen. Wenn die ÖVP klar signalisiert, dass
sie künftig konstruktiv mit der SPÖ regieren will, dürfte Voves rasch
handeln. Ein neuer Pakt mit der ÖVP noch vor der Wien-Wahl käme auch
Michael Häupl äußerst gelegen.
Schützenhöfer drängt auch aus einem anderen Grund. Sein Verbleib an
der Parteispitze und auch jener seiner Getreuen ist noch nicht
ausgemacht. Schützenhöfer, der diese Wahl verlor und dessen Strategen
sie werbetechnisch vergeigt haben - in einem urbanen Umfeld wie Graz
kam die "Steirerduselei" mit Lederhose und Gamsbart nicht gut an -,
scheint auch innerparteilich unter Druck zu kommen. Schützenhöfer
gilt intern nicht länger als der "Mann der Zukunft".
Teile der ÖVP fragen sich, ob eine Neuaufstellung nicht schon jetzt,
am Beginn der Periode, besser wäre als etwa erst zur Halbzeit.
Schützenhöfers Sattel sitzt jedenfalls nicht mehr sehr stabil. Lässt
sich die ÖVP aber wider Erwarten doch Zeit und spielt auf beleidigt,
wird Franz Voves, der von der ÖVP in den letzten Jahren nie ernst
genommen worden ist, die Schwarzen zappeln lassen und sich ein
Quäntchen Demütigung leisten.
Und da ist ja nicht nur die ÖVP, die anklopft. FPÖ-Chef Gerhard
Kurzmann hat bereits den Schafspelz angezogen. Er beeilt sich zu
betonen, wie sehr die FPÖ etwa in Sozialfragen eins mit der SPÖ sei.
Für die FPÖ gilt ein Regierungsübereinkommen mit der SPÖ als ganz
wichtiger Meilenstein, um aus der selbstgewählten Isolation
herauszukommen. Für Parteichef Heinz-Christian Strache wäre ein
steirischer rot-blauer Pakt ein erster her-zeigbarer politischer
Erfolg.
Ob sich Voves das wirklich antun wird, ist fraglich. Er hat mit der
FPÖ im Landtag nur ein Mandat Überhang. Auch würde diese Partei der
extrem rechten Recken sein Image schwer beschädigen. Er, der angibt,
in die Moderne zu wollen, hätte die Ewiggestrigen am Hals - mit all
ihren Phobien.
Auf die ÖVP, die 60 Jahre das Land regiert hatte, wartet jedenfalls
ein sehr langer Weg zurück an die Macht. Hermann Schützenhöfer sagte
einmal, in der Regel dauert dieser 20 Jahre.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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