• 26.09.2010, 10:00:10
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Tag der Allgemeinmedizin: Hausarzt in Österreich - wohin geht der Weg?

Österreicherinnen und Österreicher mit hausärztlicher Versorgung sehr zufrieden - zukunftsweisende Modelle gefragt - Feminisierung des Berufs schreitet voran

Wien (OTS) - Eine Renaissance des Haus- bzw. Vertrauensarztes als
Lotsen und Drehscheibe durch das Gesundheitssystem unter den
Anforderungen einer zeitgemäßen medizinischen Versorgung stand im
Zentrum der Referate und Diskussionen beim Tag der Allgemeinmedizin,
der am Samstag in Wien abgehalten wurde. Grundtenor: Betonung und
Stärkung des hausärztlichen Prinzips zum Vorteil der Patienten.
Zudem muss der Beruf für Jungmedizinerinnen und -mediziner wieder
attraktiver gemacht werden, nicht zuletzt, um Engpässen in der
Gesundheitsbetreuung vorzubeugen. Weitere Notwendigkeiten sehen die
Experten in der Reduzierung der Bürokratie und der
patientenfreundlicheren Gestaltung der Ordinationszeiten. Zusätzlich
ist der zunehmenden Feminisierung Rechnung zu tragen.

Für das alles brauche es aber neue, zukunftsweisende und flexible
Modelle. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft
für Allgemeinmedizin (ÖGAM), schlug etwa das Modell des "patient
centered medical home" vor, das eine enge Kooperation zwischen
Arztpraxis, Hauskrankenpflege, Sozialarbeit und Apotheke vorsieht.
"Kernpunkte sind in jedem Fall eine stabile, auf Vertrauen basierende
Arzt-Patienten-Beziehung, Bevölkerungsnähe und ein niederschwelliger
Zugang", betonte Glehr. Lange Wartezeiten in den Ordinationen
gehörten zu den Hauptkritikpunkten der Patientinnen und Patienten;
hier seien Lösungsansätze erforderlich, wie beispielsweise die
Ausweitung der Ordinationszeiten im Rahmen von Gruppenpraxen.

Das von der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) entwickelte
Hausarztmodell soll ebenfalls zur Aufwertung des Hausarztes beitragen
sowie Vorteile für die Patienten und das Gesundheitssystem bringen,
erläuterte Jörg Pruckner, Obmann der Sektion Allgemeinmedizin in der
ÖÄK: "Der Vertrauensarzt lotst seine Patientinnen und Patienten durch
das Gesundheitssystem. Bei ihm laufen alle Befunde zusammen,
gemeinsam wird die weitere Vorgehensweise besprochen. Anstatt ziellos
von einem Arzt zum nächsten zu laufen, werden die Patientenströme
gesteuert. Das spart Zeit und Geld." Haus- oder Vertrauensarzt
könnten sowohl Allgemeinmediziner als auch Fachärzte sein - diese
würden sich vor allem im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde
finden, aber auch für chronisch Kranke sei ein Facharzt als
Vertrauensarzt von Vorteil. Aber auch das Gesundheitssystem als
Ganzes könne vom Hausarztmodell profitieren: "Die Spitäler werden
entlastet, unnötige Mehrfachuntersuchungen entfallen, die Diagnose-
und Therapiewege werden effizienter", so Pruckner.

Zustimmung zum Hausarztmodell kam auch von Gesundheitsökonom Ernest
G. Pichlbauer, der darauf pochte, dass Allgemeinmediziner ihren
fachärztlichen Kolleginnen und Kollegen finanziell gleichgestellt
werden müssten. Außerdem sei es unerlässlich, dass alle
gesundheitlichen Leistungen - also auch pflegerische,
sozialarbeiterische und psychologische Leistungen - der Bevölkerung
unentgeltlich zur Verfügung stünden.

Das Hausarztmodell sei auch eine Chance, Ressourcen zu schonen, sagte
Wolfgang Routil, Präsident der Ärztekammer Steiermark. Er möchte die
Allgemeinmedizin als integratives Fach begründet sehen und wehrte
sich einmal mehr gegen die immer wieder erhobene Kritik, das
Gesundheitswesen sei zu teuer. "Von einer Kostenexplosion kann
überhaupt keine Rede sein", so Routil, der sich ebenfalls für eine
Stärkung des Hausarztes aussprach. Das Hausarztmodell der ÖÄK müsse
rasch umgesetzt werden; es bedürfe aber auch neuer
bildungspolitischer Konzepte, insbesondere der Installation eines
Facharztes für Allgemeinmedizin. Wichtig sei auch eine zunehmende
Vernetzung: "Die Zeit des Einzelkämpfertums ist vorbei", betonte
Routil.
Besonders effektiv seien Modelle mit freiwilliger Teilnahme, ergänzte
Gottfried Endel vom Hauptverband der Österreichischen
Sozialversicherungsträger. Er verwies auch darauf, dass sich die
Zufriedenheit der Patienten durch Teilnahmeanreize seitens der
Leistungserbringer deutlich erhöhe.

Der Beruf des Allgemeinmediziners bzw. Hausarztes müsse wieder
attraktiver werden und der zunehmenden Feminisierung Rechnung tragen,
forderten Julia Baumgartner, Vorsitzende der Jungen Allgemeinmedizin
Österreich (JAMÖ), und Susanne Rabady, Vizepräsidentin der ÖGAM: "Der
Einsatz für den Beruf darf nicht zu Lasten der Familie gehen, und er
darf nicht ins Burnout führen", warnte Rabady. Vor allem für jüngere
Kolleginnen und Kollegen müsse der Beruf attraktiver werden, ergänzte
Baumgartner: "Allgemeinmediziner müssen aufgewertet und den
Fachärzten gleichgestellt werden. Und ihre Leistungen müssen endlich
adäquat abgegolten werden", sagte Baumgartner, die sich darüber
hinaus für flexiblere Arbeitszeiten aussprach. Allgemeinmediziner
dürften aber über allen Forderungen nicht auf ihre Pflichten
vergessen: Die Würde der Patienten müsse gewahrt bleiben,
kontinuierliche Fortbildung solle zur Selbstverständlichkeit werden.
Schlussendlich wagten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch einen
Blick über die Grenzen: Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des
Deutschen Hausärzteverbands, stellte das neue Modell der fünfjährigen
Ausbildung vor, wovon zwei Jahre in einer qualifizierten Praxis
abzuleisten seien. Eine Vernetzung von Haus- und Fachärzten habe
Vorteile für die Patienten, schloss Weigeldt.(sl)

Rückfragehinweis:
Pressestelle der Österreichischen Ärztekammer
Mag. Martin Stickler
Tel.: 0664/522 68 25

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