• 16.07.2010, 14:26:36
  • /
  • OTS0179 OTW0179

Ernteaussichten verdorren in Hitze oder zerrinnen im Regen

Österreich wie Weltweite Top-Produzenten und Exporteure betroffen - Rallye der Preise

Wien (OTS/aiz) - Die ursprünglich optimistischen Aussichten für
die Getreideernte 2010 verdorren entweder mit jedem weiteren Hitzetag
oder zerrinnen mit jedem weiteren Starkregen und Gewittersturm. Mit
diesen Problemen ist der gesamte eurasische Raum mit globalen
Top-Getreideanbau- und Exportregionen wie die EU - und hier natürlich
auch Österreich -, Russland, Ukraine oder Kasachstan betroffen.
Praktisch täglich nach unten revidierte Ernteprognosen machen die
Märkte nervös und beschleunigten die seit Wochen rollende Rallye der
Getreidenotierungen an den internationalen Warenterminbörsen auf ein
zuletzt rasantes Tempo. Beispielsweise schnalzte am Donnerstag dieser
Woche der als Benchmark für die Bewertung der Ernte 2010 geltende
europäische Weizenfutures für den Liefertermin November 2010 an der
Pariser Liffe Nyse Euronext im Tagesabstand um mehr als 6% auf EUR
176,75 pro t in die Höhe. Die europäische Leitnotierung für Weizen
erreichte damit ein 22 Monate-Hoch und stieg im Monatsabstand um
27,4% an.

Der Pariser Kursrallye wird von Beobachtern auch ein spekulatives
Moment eingeräumt, sie bremste sich heute, Freitag, auch wieder etwas
ein. Am österreichischen Kassamarkt lassen außer für Raps weitere
Notierungen für Getreide aus der laufenden Ernte 2010 an der Börse
für Landwirtschaftliche Produkte in Wien nach wie vor auf sich warten
- und werden es wahrscheinlich weiterhin auch noch ein Weilchen. Die
dramatischen Wetterkapriolen, Revisionen der internationalen
Ernteschätzungen und auch enttäuschende heimische Druschergebnisse
sowie die Bocksprünge der Notierungen an den internationalen
Terminbörsen lassen die Teilnehmer des heimischen Kassamarktes am
Spielfeldrand in Abwartehaltung verharren. Es wird praktisch keine
Ware gehandelt.

Österreichischer Kassamarkt: Verharren in Abwartehaltung am
Spielfeldrand

Die Gründe für die Zurückhaltung differieren je nach Branche: Die
Landwirte zeigen keine Abgabebereitschaft, weil sie glauben, die
Angebotsverknappung werde sich weiter verschärfen und damit der Preis
weiter steigen. Am anderen Ende der Wertschöpfungskette halten die
Verarbeiter die jüngsten Preissteigerungen für eine Blase - sie
sagen, angebotsgetriebenen Kursrallyes gehe viel leichter die Luft
aus als von der Nachfrage getriebenen - und wollen deren Platzen
abwarten. In der Mitte sitzt der Handel, wo man das Risiko bei der
Kalkulation von Aufkaufspreisen abwägt und lediglich kryptisch meint,
"die letzte Schätzung der globalen Versorgungsbilanz des
US-Landwirtschaftsministeriums USDA und die aktuellen Meldungen von
Ernteverlusten lassen einen Preisanstieg gegenüber der Vorjahresernte
nicht unbegründet erscheinen".

Beim einzig schon notierten Produkt aus der Ernte 2010, dem Raps,
stieg die Wiener Notierung diese Woche neuerlich an, und zwar um EUR
20,- pro t auf EUR 310,- bis 330,- pro t. Dies gibt zumindest einen
Anhaltspunkt für mögliche Weizenpreise, die bei "einer normalen
Parität", so Experten, laut Faustregel bei etwa der Hälfte des
Rapspreises liegen sollten. Ein Großteil der Rapspreise ist zwar
schon in Vorverträgen fixiert, doch profitiert frei gehandelte Ware
nun neuerlich von der Entwicklung an den internationalen Märkten und
von den getrübten Ernteaussichten im Inland.

Ernteergebnisse in Österreich immer weiter hinter den optimistischen
Erwartungen

In Österreich werden zurzeit Wintergerste, Sommergerste, Raps und
auch schon Weizen gedroschen. Auch im Inland bleiben die Ergebnisse -
Erträge und Qualitäten - hinter den Erwartungen zurück. Die Hitze
lässt die Bestände unter hohem Stress zu schnell abreifen und
schädigt Ertrag wie Qualität. Dazu kommen Probleme auf schweren
Böden, die noch unter Staunässe der allzu üppigen
Frühjahrsniederschläge leiden und aktuell Unwetter. Wintergerste -
verwendet als Futtergerste - enttäuscht oft vom Ertrag und von
schwachem Naturalgewicht her, Sommergerste - gedacht als Braugerste -
ebenfalls mengenmäßig und bei der Siebung, die große Mengen nur als
Futtergerste statt für die Biererzeugung eignen lässt. Raps bleibt Im
Ertrag oftmals 20% hinter den Erwartungen und beim Weizen zeichnen
sich ebenfalls schwächere Erträge als erhofft ab. Den Weizen zeichne
zumindest noch eine halbwegs normale Verteilung der Proteingehalte
mit oft hohen Werten zwischen 15 und 16% aus, wobei aber bisweilen
auch Hektolitergewichte beziehungsweise Fallzahl nicht entsprächen.
Zudem sorgten die Unwetter der Nacht von Donnerstag auf Freitag im
niederösterreichischen Weinviertel strichweise für Totalausfälle etwa
in Rapskulturen.

EU und andere weltweite Top-Produzenten sowie Exporteure ebenfalls
betroffen

Nicht nur in Österreich schwindet die Hoffnung der Landwirte auf
eine gute Ernte: Die angesehene französische, monatlich erscheinende
Getreideanalyse "Strategie Grains" revidierte in ihrer am Donnerstag
veröffentlichten Juli-Ernteprognose die gesamte Getreideproduktion
der EU-27 im heurigen Jahr gegenüber ihrer Juni-Schätzung um 7 Mio. t
auf 281 Mio. t (2009: 293 Mio. t) herunter. Beim Weizen beträgt das
Minus im Monatsabstand bei einer aktuellen Prognose von 129,5 Mio. t
(2009: 129,8 Mio. t) ganze 3,6 Mio. t, bei Gerste mit 54,1 Mio. t
(2009: 61,8 Mio. t) sind es 1,5 Mio. t weniger als vor einem Monat
und beim Mais mit 58,1 Mio. t (2009: 57,2 Mio. t) noch um 200.000 t
weniger als bei der letzten Schätzung. "Das Ende des Wachstumszyklus
der europäischen Weizen wurde im Westen und im Norden (Anmerkung:
unter anderem in den Kornkammern Frankreich und Deutschland) von
einer übermäßigen Hitze gestört und im Osten von zu reichlichen
Niederschlägen. Das drückt sich in erheblichen Rückgängen der
erwarteten Produktion in diesen unterschiedlichen Zonen aus." Wie
schnell die dramatischen Ereignisse Prognosen überholen, zeigt das
Beispiel Bulgariens: Die Regierung in Sofia revidierte mittlerweile
die noch vor wenigen Tagen in die Juli-Prognose von Strategie Grains
eingegangene Schätzung der Weizenernte des Balkanstaates von 4,09
Mio. t auf 3,5 Mio. t hinunter und die Regierung des Nachbarn
Rumäniens ihre von 6,76 Mio. t auf 6 Mio. t. Ursache in beiden
Ländern: Unwetter mit sintflutartigen Regenfällen und
Überschwemmungen.

Zudem setzt die EU ihren schon 2009/10 wegen der Euro-Abwertung
schwunghaften Getreideexport auf den Weltmarkt auch im zwei Wochen
alten neuen Wirtschaftsjahr 2010/11 fort. Zwar hat der Wert des Euro
gegenüber dem US-Dollar zuletzt wieder zugenommen, was die Ausfuhren
erschwert, aber die Weltmarktpreise haben deutlich zugelegt. Die
EU-Kommission berichtete am Donnerstag im Verwaltungsausschuss in
Brüssel, dass zwischen dem 01. und 13.07. Ausfuhrlizenzen für 516.000
t Weichweizen beantragt wurden. In den USA hat der Preis für den soft
red winter in den vergangenen drei Wochen einen Sprung um USD 20,-
(EUR 15,59) pro t auf USD 221,61 (EUR 172,76) pro t fob Golf nach
oben gemacht. Auch die Kommission nannte die sinkenden
Ernteerwartungen in Russland, Kasachstan und Kanada als Gründe für
den Preisanstieg. Auffällig positiv haben sich auch die
Gerstenausfuhren aus der EU entwickelt. Seit Saisonbeginn wurden für
263.000 t Gerste Ausfuhrlizenzen beantragt - rund doppelt so viel wie
im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Russland und Ukraine revidieren Ernten nach unten

Drastisch nach unten schrauben muss auch der weltweite
Top-Five-Getreideexporteur Russland seine Ernteerwartungen.
"Sukhovei" heißt hier das Wetterphänomen, das Mensch, Tier und
Pflanzen seit Mitte Juni unter rekordverdächtiger Hitze und Dürre
stöhnen lässt. Meteorologen definieren Sukhovei als heißen, trockenen
Wind aus dem Osten. Derartige Witterungsverhältnisse habe es im Land
seit gut einem Jahrzehnt nicht gegeben, konstatierte Staatspräsident
Dmitrij Medwedew. Die bisherige Ernteerwartung von 85 Mio. t Weizen
müsse nun nach unten korrigiert werden, berichtete
Landwirtschaftsministerin Jelena Skrynnik, ohne noch eine neue
Prognose zu benennen. Auf 9,5 Mio. ha gingen die landwirtschaftlichen
Kulturen verloren. Wahrscheinlich senkt die Regierung in Moskau die
Ernteprognose um 10 Mio. t. Eine Ernteschätzung von 75 Mio. t stehe
seit Donnerstag im Raum, berichtet der Branchendienst "Black Sea
Grain". Manche Analysten wie "F.O.Licht" halten sogar nur 56 Mio. t
für möglich, sollte die trockene Hitze anhalten. Im Vorjahr waren
rund 94 Mio. t geerntet worden und hat die letzte schwere
Dürrekatastrophe 2006/07 die russische Weizenernte auf 45 Mio. t
eingedörrt. Das Ministerium schätzt den russischen Inlandsbedarf an
Getreide auf 77 Mio. t. Wegen der hohen Anfangsbestände 2010/11 von
24 Mio. t weist aber Skrynnik Befürchtungen zurück, dass Russland ein
Versorgungsengpass drohen könnte. Fest stehe jedoch, dass Russland in
diesem Wirtschaftsjahr weniger Getreide exportieren kann als die
geplanten 20 Mio. t.

Die Regierung in Moskau will nun den betroffenen Agrarproduzenten
mit Kreditstundungen unter die Arme greifen. Ministerpräsident
Wladimir Putin kündigte weiters die Bereitstellung von Futtergetreide
aus den mit etwa 9,5 Mio. t gefüllten Interventionslagern an
bedürftige Landwirtschaftsbetriebe an. Die jüngste Entwicklung habe
gezeigt, dass sich die hohen Kosten für die Interventionsankäufe von
Getreide in den zurückliegenden Jahren und für deren Lagerung doch
gelohnt hätten, so Putin. Obwohl der Staat den Agrarproduzenten die
Hälfte der entrichteten Prämien erstatte, sei die Versicherung der
Bestände landwirtschaftlicher Kulturen landesweit noch immer eher
Ausnahme als Regel, beklagte er weiters.

Ebenso senkte diese Woche das Agrarministerium in Kiew die
Prognose für die Getreideernte der Ukraine 2010 von zuletzt 45 Mio. t
auf 42 Mio. t (2009: 48 Mio. t). Die Weizenerträge fallen nach
verheerenden Unwettern zurück - Regen stoppte die Ernte - und Raps
bringt unverändert wenig.

Übersee: Flächenausfälle in Kanada und Heuschrecken in Australien

In Übersee beklagt Kanada, dass wegen der anhaltenden
Frühjahrsregen große Flächen Sommerweizen nicht haben bestellt werden
können und leidet Argentinien unter Trockenheit und drohen in
Australien Heuschrecken über die Weizenbestände herzufallen.
(Schluss) pos/mö/pom

Rückfragehinweis:
aiz.info - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst
Tel.: 01/533 18 43 , Fax: 01/535 04 38
Web: aiz.info, mailto: [email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | AIZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel