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Die Presse - Leitartikel: "Europa, ein Pulverfass mit Rauchverbot", von Karl Gaulhofer
Ausgabe vom 09.07.2010
Wien (OTS) - Europas Banken sind ein Risiko für die
Weltwirtschaft. Darüber spannen wir den Schutzschirm des Schweigens.
Europäische Patrioten mit einem Hang zur Paranoia finden in diesen
Zeiten viel Nahrung für ihre Obsession. Jeder Puzzlestein, so scheint
es, fügt sich zum Gesamtbild der Verschwörung. Erst wurden die Banken
in der EU "unschuldige Opfer" der US-Subprime-Krise. Kaum waren die
Wunden verheilt, jaulten die Finanzmärkte auf, weil sich in der
Hundehütte des europäischen Hauses (Griechenland macht gerade einmal
zwei Prozent der Eurozonen-Wirtschaft aus) ein paar Bretter als
morsch erwiesen. Brav spannte man, wie scheinbar gewünscht, einen
Schutzschirm über die südlichen Brüder in Not. Seither geloben, wie
allseits gefordert, die Staatskanzleien von Helsinki bis Lissabon
tagtäglich eiserne Sparsamkeit, während Washington und Tokio weiter
so tun, als könne man auch auf Pump bestens leben.
Und was ist der Dank der Märkte, dieser "dunklen, anonymen Macht"?
Sie zucken mit den Schultern, lassen die Risikoaufschläge für
Südeuropas Staatsanleihen weiter klettern, den Rest der Welt aber in
Ruhe. Die USA sind eben ein unsinkbares Schiff, der Dollar die
Leitwährung, und Japan hat sich praktischerweise direkt bei seinen
geduldigen Bürgern verschuldet.
Parallel zu dieser Misere reibt uns eine Prognose nach der anderen
unter die Nase, wie prächtig sich die Wirtschaft weltweit entwickelt,
nur leider nicht bei uns. So sieht es nun auch der Internationale
Währungsfonds (IWF) - und setzt noch eins drauf. Erfrischend ehrlich
gibt er zu, dass sein Modell in so bewegten Zeiten alles Mögliche
berechnen kann, nicht aber die Zukunft. Die globalen Erwartungen hebt
er nur deshalb an, weil es heuer bisher besser läuft als vermutet.
Das lässt sich fortschreiben für den Fall, dass nichts Schlimmes
passiert. Dass aber bald Schlimmes passieren wird, wird laut IWF
immer wahrscheinlicher. Schuld seien - erraten - die europäische
Schuldenkrise und Europas Banken, die sich wegen der Staatsanleihen
in ihren Büchern gegenseitig misstrauen.
Das trocknet vielleicht die Liquidität aus, erhöht - wer weiß - die
Finanzierungskosten für die Realwirtschaft und führt womöglich in
eine zweite Rezession. Nicht nur zu Hause: Europa hat nun das Zeug
zum Pulverfass, dessen Explosion alle ins Minus reißt. Als wichtiger
Abnehmer von Chinas Waren, als führender Kapitalgeber in
Schwellenländern und ein wenig auch als Financier der US-Defizite.
Wir sollen also schuld sein, sollte es krachen. Klingt ungerecht,
stimmt aber leider. Die angesehene Gedankenschmiede CEPS in Brüssel
liefert die Erklärung dazu: Unser Problem ist, dass wir Probleme
nicht zugeben. Europas Zentralbanker befolgen ein Schweigegelübde:
Griechenland, beteuern sie, sei außer Gefahr, so wie Spaniens
Bankensektor. Der Schutzschirm behüte ja beide. Nur glauben das die
Märkte nicht - zu Recht.
Das Worst-Case-Szenario scheint nur auf den ersten Blick bewältigbar:
Ein Ausfall der Hälfte der hellenischen Anleihen und drastische
Abschreibungen der Kredite an spanische Immobilienentwickler kosten
immer noch weniger als die 750 Mrd. Euro des Schutzschirms. Nur
blöderweise - und das ist die Lunte des Pulverfasses - sind Europas
Banken massiv unterkapitalisiert: Mit jedem Euro an Eigenkapital, der
flöten geht, stehen 20 Euro an Verbindlichkeiten auf dem Spiel, die
eine Bank der anderen schuldet.
Das ergibt ein unspezifisches Risiko von neun Billionen Euro, das
kein Schutzschirm der Welt mit Blankogarantien für jedermann abdecken
kann. Wäre es doch klüger gewesen, Griechenland einen Teil seiner
Schuld zu erlassen? Die Probleme ganz bestimmter Banken wären offen
zutage getreten, die Regierungen ihrer Stammsitze hätten sie gezielt
aufgefangen und temporär verstaatlicht. Ein Horror für die
Direktoren. Aber genau das haben die USA in ihrer Krise erfolgreich
vorgemacht.
Wie auch immer: Es ist nicht zu spät. Bankenstresstests stehen vor
der Tür. Hoffentlich fallen sie schonungslos und transparent aus.
Noch hat es nicht den Anschein: Erst sollte der Gedanke an einen
Ausfall von Staatsanleihen verboten werden, jetzt setzt man die
schlimmstmögliche Ausfallsquote unrealistisch niedrig an.
Wenn wir aber wissen, wer welche Leichen im Keller hat, ist auch
klar, wer dringend Kapital aufstocken muss - notfalls unter Zwang.
Und an Basel III, den strengeren Eigenkapitalvorschriften für alle
Institute, führt kein Weg vorbei, der massiven Gegenwehr der
Bankenlobby zum Trotz. Sonst sitzt Europa weiter auf einem
Pulverfass, um das herum zur Beruhigung schlichter Gemüter ein
Rauchverbot gilt - und alle hoffen, dass niemand zündelt.
Rückfragehinweis:
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