• 02.07.2010, 13:04:54
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Zuerst Kälte und Nässe sowie nun Hitze setzen Ernteerwartungen zu

Giftiger Wettercocktail treibt "Wetterbörsen" auf Terminmärkten in die Höhe

Brüssel/Wien (OTS/aiz) - Zuerst Kälte und Nässe sowie nun eine
Hitzewelle setzen den Erwartungen in die Getreideernte 2010 auf der
nördlichen Halbkugel - von Europa, der Ukraine bis Russland, die USA
und Kanada - zunehmend zu, so auch in Österreich, wo mit zunehmendem
Erntefortschritt die bisher optimistischen Prognosen immer stärker
relativiert werden. Die "Wetterbörsen" an den internationalen
Terminmärkten reagierten darauf prompt mit einer Rallye der
Getreidenotierungen, nachdem diese zuletzt von ihrem jüngsten Hoch
wegen der frischen Versorgung der Märkte aus der Ernte heraus wieder
etwas heruntergekommen waren. Der November-Futures für den Mahlweizen
an der europäischen Leitbörse Euronext in Paris - das ist der für die
neue Ernte 2010 preisbestimmende Liefertermin - schloss am Donnerstag
dieser Woche auf einem Elfmonatshoch bei EUR 148,50 pro t und
übersprang heute, Freitag, am Vormittag die 150-Euro-Marke. Die
Terminnotierungen kämpfen dabei aber auch immer wieder mit externen
Faktoren wie den unsicheren Aktienmärkten, dem Ölpreis und
Währungsschwankungen.

Näherte sich die EU-Kommission schon Ende der vorigen Woche den
vorsichtigeren Ernteprognosen der Landwirte- und
Getreidehandelsverbände COPA und COCERAL von 286 beziehungsweise 284
Mio. t, indem sie ihre Schätzung praktisch über Nacht von 290 auf
286,7 Mio. t nach unten revidierte, trafen ähnliche Korrekturen auch
aus der Ukraine mit einer Revision von 46 bis 47 Mio. t auf 45 bis
45,5 Mio. t (2009: 46 Mio. t) und dieser Tage erst aus Russland mit
82 bis 86 Mio. t (2009: 97 Mio. t) anstatt der bisher erhofften 87
Mio. t ein. In den Prognosen der EU dürften aber die jüngsten
Entwicklungen wie die Hitzeschäden noch gar nicht eingerechnet sein.
Kanada legt die nächste Prognose erst im August vor, spricht aber von
deutlichen Ausfällen und in den USA zeigt die Ernte des
Qualitätsweizens Hard Red Winter ziemlich durchwachsene Ergebnisse
beim Proteingehalt.

Österreich: Raps als erste Frucht 2010 notiert - EUR 290,- bis 300,-
erfüllen hohe Erwartung

Mit Raps notierte am Mittwoch dieser Woche die erste Frucht der
neuen Ernte 2010 an der Wiener Produktenbörse. Das Preisband von EUR
290,- bis 300,- pro t entspricht durchaus den zuvor gehegten
zuversichtlichen Erwartungen von Produzenten und Handel. Notierungen
für anderes Getreide, vor allem Weizen, werden wohl noch auf sich
warten lassen, weil die Marktbeteiligten ob der großen Unsicherheiten
sowohl bei der Qualitätsstreuung als auch bei den Erträgen noch keine
Positionen eingehen wollen. Unter Händlern heißt es nach der
Erstnotierung vom Raps nur: "Sehr schön, aber die EUR 150,- pro t für
den Premiumweizen haben wir damit aber leider noch nicht in der
Tasche." Sie spielen damit auf die Faustregel am Markt an, dass eine
"normale" Preisparität zwischen Weizen und Raps bei eins zu zwei
liegen sollte.

Mit Erntefortschritt werden optimistische Ertragsaussichten in
Österreich relativiert

Die Landwirtschaftskammern legten dieser Tage ihre Ernteprognose
für Österreich mit mehr als 5 Mio. t inklusive Mais vor. Das wären um
4% oder 200.000 t mehr als 2009. Sie stützten ihren Optimismus unter
anderem auf erste Wintergersten-Druschergebnisse auf leichten
Schotterstandorten des nördlichen Burgenlandes. Dort seien
Hektarerträge von 50 bis 70 dt eingefahren worden, wo in
Trockenjahren nicht einmal die Hälfte erzielbar war. Mit dem
Einsetzen des Gerstendruschs auch auf schwereren Standorten
relativieren aber Experten zunehmen diese Euphorie. So hätte die
Wintergerste auf Böden mit höherer Wasseraufnahmekapazität oft nur
enttäuschende 30 dt pro ha gebracht, im Schnitt ist von nicht
rekordverdächtigen 50 bis 55 dt pro ha bei teilweise geringem
Hektolitergewicht die Rede. Sommergerste soll ebenfalls unter der
Witterung gelitten haben, wobei sowohl die Ertragsschätzungen als
auch die Erwartungen in die Siebung von Braugerste in den letzten
Wochen ständig zurückgenommen wurden.

Handel: Überschuss bei Futtergerste keinesfalls als gegeben anzusehen

Der Handel sieht daher eine neuerliche Überschusssituation bei der
Futtergerste keinesfalls als gegeben an. Damit wird es auch bis zur
Preisbildung noch etwas dauern, nachdem dem Vernehmen nach erste
Futtergerstenimporte aus den östlichen Nachbarstaaten auch sehr
schnell wieder zu versiegen begonnen hätten, als man auch dort
registriert habe, dass von Futtergerste in Hülle und Fülle keine Rede
sein könne.

Giftiger Wettercocktail aus Kälte, Trockenheit, Nässe und Hitze auf
der Nordhalbkugel

Pflanzenbauer führen die Ertragsprobleme auf schweren Böden auf
Staunässe und dadurch verursachte Probleme wie taube Ähren zurück,
auch die Gefahr von Fusarien- und Mykotoxinbefall steige damit.
Sogenannte Laternenblütigkeit - durchsichtige, leere Ähren - lasse
auf schlechte Bedingungen zur Befruchtung der Pflanzen schließen. Ein
Pflanzenbauexperte erklärte aiz.info: "Fast alles Getreide - außer
eigentlich nur Reis - verträgt nasse Füße nicht. Das Wasser drückt
außerdem die Luft aus dem Boden und kühlt diesen zusätzlich ab. Das
sind alles abträgliche Faktoren."

"Zurzeit zeigt sich ein ungewöhnlicher Trend zu besseren Erträgen
auf leichten Böden und schlechteren Erträgen auf schwereren Böden.
Damit sind Riesenerträge keine sichere Bank mehr, die Ergebnisse -
sowohl in Bezug auf Menge als auch auf Qualität - werden heuer kreuz
und quer differenziert ausfallen", so ein anderer Pflanzenbauer zu
aiz.info.

Hitze schmilzt Verzögerung der Ernte ab - Pflanzen unter Stress

Aber auch die Aussicht auf eine zehn bis 14 Tage verzögerte Ernte
und damit auf die Gelegenheit für die Bestände in Ruhe, stressfrei
abreifen zu können, schmilzt mit jedem weiteren Hitzetag unter der
sengenden Sonne dahin. Damit liegt nun wieder ein "normaler"
Erntezeitpunkt in Griffweite. "Eine zu rasche Abreife, wie sie beim
Anhalten der Hitze über das kommende Wochenende hinaus zu befürchten
sein wird, bringt die Pflanzen unter Stress und ist Erträgen sowie
Qualität ebenfalls abträglich", heißt es. Weizen zum Beispiel würde
für eine optimale Abreife Temperaturen von maximal 25 Grad C
benötigen.

Pflanzenbauer: Auch Maisbestände haben definitiv schon gelitten

Auch die heimischen Maisbestände hätten definitiv schon gelitten.
Zuerst habe die Kälte die Pflänzchen verspätet und nur bescheiden
aufgehen lassen, dann seien sie im wahrsten Sinn des Wortes im
Schlamm stecken geblieben und nun würde die Hitze den geschwächten
Pflanzen zu schaffen machen. Es bestehe aber noch Potenzial, sich
über den Sommer zu erholen. Dies spricht ebenfalls nicht für einen
überversorgten heimischen Futtergetreidemarkt und einen Verfall der
Maispreise.

In Ungarn gelten rund 4% der heuer ohnehin schon leicht von 1,179
auf 1,151 Mio. ha reduzierten Maisfläche als Totalverlust, nachdem
dort "Land unter" geherrscht hat. Für die Ernte im Herbst herrscht
noch große Unsicherheit. "Es ist nicht eins, ob der Hektarertrag 50,
60 oder 70 dt ausmacht", so ein ungarischer Pflanzenbauexperte der
Getreideproduzentenorganisation. Auch international haben sich die
Maisterminmärkte zuletzt befestigt, unter anderem wegen der regen
Nachfrage aus dem Ethanolsektor und auch, weil in den USA der Zuwachs
der Maisfläche gegenüber 2009 - übrigens auf Kosten von einer auf 32
Mio. ha ausgedehnten Sojafläche - mit 2% geringer als ursprünglich
gedacht ausfiel.

Ertragsausfälle reduzieren die Mengenziele der großen
Getreideexporteure

Der giftige Wettercocktail des Jahres 2010 ist auch Ursache für
die Revision der Ernteaussichten nach unten in anderen Regionen. In
Westeuropa von den britischen Inseln über Frankreich bis Deutschland
machen die Ingredienzien dieses Cocktails eine lange
Frühjahrstrockenheit, dann Starkregen und nunmehr die Hitze aus. In
Osteuropa mischen sich Auswinterungen mit langer Frühjahrskälte und
letztlich wie bei uns Staunässe und Hitzestress. Der unabhängige
russische Analyst SovEcon relativierte seine jüngst auf 82 bis 86
Mio. t geschmälerte Ernteprognose für das Riesenreich im Osten
Europas sogar insoweit, dass das Anhalten der extremen Hitze über
weitere zwei Wochen sogar einen weiteren Schnitt auf 80 Mio. t nach
sich ziehen könne. 2009 erntete Russland 97 Mio. t. Premierminister
Vladimir Putin äußerte dieser Tage die Befürchtung, die russische
Getreideernte 2010 werde um 3 bis 6 Mio. t hinter einer früheren
Regierungsschätzung von 90 bis 93 Mio. t bleiben.

Geringere Ernten bei Exportgrößen wie Russland, Ukraine oder
Kanada beziehungsweise Qualitätsprobleme wie in den USA stellen aber
auch die ehrgeizigen Exportziele dieser Ausfuhr-Giganten am Weltmarkt
zunehmend in Frage. So sieht SovEcon die geplanten 20 Mio. t
Getreideexport Russlands 2010/11 als nicht mehr erreichbar an und
schraubte die Ukraine ihre Exportambitionen 2010/11 von 22 bis 24
Mio. t auf 21 Mio. t zurück. Das Moskauer Landwirtschaftsministerium
reduzierte am Donnerstag prompt das Getreideexport-Plansoll Russlands
für 2010/11 auf 19,8 bis 21 Mio. t nach 21,1 Mio. t in 2009/10.

EU erteilte 2009/10 Exportlizenzen für 23,4 Mio. t Getreide - 2010/11
ähnlich viel erwartet

Laut am Donnerstag von der EU-Kommission veröffentlichter
Statistiken hat die Union im abgelaufenen Wirtschaftsjahr 2009/10
(01.07.2009 bis 30.06.2010) Exportlizenzen für 23,379 Mio. t Getreide
ausgestellt, an Importen waren es 7,671 Mio. t. Die
Weichweizenlizenzen inklusive Mehlexporten machten davon 19,383 Mio.
t aus, wovon in der letzten Woche Exportlizenzen über 182.000 t
Weichweizen und Mehl hinzugekommen waren. Wegen der Ernteausfälle in
Osteuropa und der durch den schwachen Euro günstigen Währungsparität
zum US-Dollar, wodurch am Weltmarkt die Konkurrenzfähigkeit
"Euro-Weizen" gegenüber "Dollar-Weizen" steigt, rechnet die EU auch
2010/11 mit ähnlich starken Exporterfolgen.
(Schluss) pos

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