- 02.07.2010, 11:00:14
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Wirtschaft des Euro-Raumes profitiert verzögert von Abwertung und starkem Welthandel
Prognose für 2010 und 2011
Wien (OTS/WIFO) - Der Welthandel erholte sich in den ersten
Monaten 2010 weiter, sein Volumen nähert sich mittlerweile wieder dem
Niveau vor der Krise. Getragen von der starken Dynamik in Asien, der
Erholung in den USA und der Abwertung des Euro sollten sich die
Exporte im Euro-Raum gut entwickeln. Aufgrund einer weiterhin
schwachen Binnennachfrage wird der Aufschwung im Euro-Raum vorerst
dennoch verhalten bleiben. Risken bestehen in den makroökonomischen
Ungleichgewichten und der Nervosität der Finanzmärkte. Für Österreich
erwartet das WIFO 2010 ein Wirtschaftswachstum von real 1,2% und 2011
von 1,6%.
Der Welthandel gewann in den ersten Monaten des Jahres 2010 weiter
an Dynamik und erreicht mittlerweile nahezu wieder das Niveau vor der
Krise (Frühjahr 2008). Zum einen brachte der Aufbau der Lagerbestände
in den Industrieländern seit Herbst 2009 einen regen Warenaustausch
mit sich. Zum anderen hielt die weiterhin starke Expansion in Asien
die Importnachfrage dieser Region hoch. Sie ist damit derzeit eine
treibende Kraft der Weltkonjunktur. Sowohl in den USA als auch im
Euro-Raum profitiert die Wirtschaft davon in Form gesteigerter
Exportzuwachsraten.
In den USA verbesserte sich die Konjunkturlage seit Herbst 2009
deutlich. Ausrüstungsinvestitionen und privater Konsum zogen merklich
an. Mit dem Auslaufen der Konjunkturpakete könnte sich die Dynamik
allerdings 2011 neuerlich abschwächen. Im Euro-Raum stagnierte die
Binnennachfrage hingegen bis zuletzt. Eine Verzögerung des
Aufschwungs gegenüber den USA entspricht durchaus dem üblichen Muster
früherer Konjunkturzyklen: In der Vergangenheit erreichte die
Konjunktur im Euro-Raum ihren Tiefpunkt etwa 2 bis 4 Quartale nach
den USA. Auch diesmal werden die Erholung des Welthandels und die
Abwertung des Euro (nominell-effektiver Wechselkurs des Euro seit
Jahresbeginn etwa -10%) weiter zur Stabilisierung des Wachstums im
Euro-Raum beitragen.
Die jüngsten Turbulenzen auf den Anleihemärkten, welche durch
makroökonomische Ungleichgewichte und hohe Staatsschulden einiger
Länder ausgelöst wurden, bilden eine zusätzliche Belastung. Der
Aufschwung wird im Euro-Raum daher uneinheitlich verlaufen. Seit
Anfang Mai haben mehrere Euro-Länder Sparprogramme vorgestellt. In
den Defizitländern der Mittelmeerregion fielen diese unter dem Druck
der Verhältnisse massiv aus und werden das Wirtschaftswachstum 2010
und 2011 merklich dämpfen. Die Auswirkungen dieser Programme auf das
Wirtschaftswachstum im übrigen Euro-Raum dürften aber gering bleiben.
In den anderen Ländern des Euro-Raumes werden die Erholung des
Welthandels und die Abwertung des Euro den Aufschwung stärken. Die
Sparmaßnahmen sind derzeit nur vage definiert, dürften aber meist
maßvoll ausfallen. In Deutschland ist das Sparpaket für 2011 mit 0,5%
des BIP recht gering und wird die Nachfrage daher nur wenig
beeinträchtigen.
Übersicht 1: Hauptergebnisse der Prognose - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12)
Der Aufschwung wird im Euro-Raum aber trotz starker Exporte
vorerst verhalten bleiben. Das WIFO rechnet mit einem Wachstum von
0,9% im Jahr 2010 und 1,2% im Jahr 2011, für Deutschland von 1,3%
bzw. 1,7%. Zum einen werden sich die Anlageinvestitionen wegen der
nach wie vor ausgesprochen niedrigen Kapazitätsauslastung nur langsam
beleben. Zum anderen bilden die Verwerfungen auf den Finanzmärkten
und die allgemeine Verunsicherung der Wirtschaftsakteure weiterhin
einen Risikofaktor. Die Prognose unterstellt, dass sie die Erholung
nur geringfügig dämpfen werden. Mit der Erholung der Weltwirtschaft
und einer verbesserten wirtschaftspolitischen Koordination innerhalb
des Euro-Raumes wird jedenfalls die Gefahr neuerlicher Turbulenzen
immer geringer. Sollte sich mit dem Fortschritt der
Konsolidierungsbemühungen die Verunsicherung auflösen, so könnte der
Wachstumsimpuls der Weltwirtschaft durchaus auch rascher auf den
Euro-Raum durchschlagen. Gleichzeitig sollten die
Konsolidierungsmaßnahmen Bedacht auf die kurzfristige
Nachfrageentwicklung im Euro-Raum nehmen und die langfristigen
Wachstumskräfte stärken.
In den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOEL) wird sich die
Wirtschaft uneinheitlich entwickeln. Die benachbarten MOEL werden
weiterhin an der Erholung im Euro-Raum teilhaben. In den Ländern mit
hoher Verschuldungsquote der privaten Haushalte (z. B. Ungarn,
Rumänien, Baltikum) und in der Balkanregion dürfte das BIP aber
zumindest 2010 noch stagnieren.
Für 2011 plant die österreichische Bundesregierung Maßnahmen zur
Budgetkonsolidierung im Gesamtausmaß von 4,0 Mrd. Euro (1,4% des
BIP). Damit dürfte die Defizitquote von 4,6% im Jahr 2010 auf 3,8%
2011 gesenkt werden. Die Maßnahmen sind aber noch nicht im Detail
spezifiziert. Die Prognose trifft daher vorläufige technische
Annahmen über die Struktur der Konsolidierungsschritte.
Für Österreich prognostiziert das WIFO für 2010 ein
Wirtschaftswachstum von 1,2% und für 2011 von 1,6%. Die Erholung wird
vom Warenexport getragen. Die österreichische Wirtschaft profitiert
vom günstigen internationalen Umfeld hauptsächlich indirekt, und
daher mit einer gewissen Verzögerung, über den Export nach
Deutschland und in andere Länder des Euro-Raumes.
Die leichte Abwärtsrevision des BIP-Wachstums für 2010 gegenüber
der März-Prognose ist auf das schwache Ergebnis im I. Quartal
zurückzuführen. Im weiteren Jahresverlauf 2010 wird das BIP um
durchschnittlich etwa 0,5% bis 0,6% gegenüber dem Vorquartal
zunehmen.
Der österreichische Arbeitsmarkt erholt sich seit Jahresbeginn
kräftig. In der Sachgütererzeugung stabilisierte sich die
Beschäftigung in den letzten Monaten im Vormonatsvergleich, lag aber
deutlich unter dem Vorjahreswert. In den öffentlichkeitsnahen
Dienstleistungen (Unterricht und Erziehung, Gesundheits- und
Sozialwesen, Verwaltung) nahm sie unverändert zu. Die Prognose ergibt
für 2010 und 2011 ein Beschäftigungswachstum von jeweils 0,5%. Die
Arbeitslosenquote wird wegen der gleichzeitigen Ausweitung des
Arbeitskräfteangebotes bis 2011 dennoch geringfügig steigen.
Die Nettoreallöhne werden 2010 und 2011 pro Kopf jeweils um 0,5%
zurückgehen. Dazu trägt neben mäßigen Gehaltsabschlüssen auch der
Anstieg der Inflationsrate bei. Wegen der Erhöhung der Importpreise
für Rohöl wird die Teuerung 2010 auf 1,8% und 2011 auf 2,1% anziehen.
Das WIFO nimmt dabei an, dass im Jahr 2011 die Anhebung von
indirekten Steuern 0,4 Prozentpunkte zur Inflationsrate beitragen
wird. Trotz des Reallohnrückgangs und der Konsolidierungsmaßnahmen
werden die verfügbaren Realeinkommen der privaten Haushalte aufgrund
der zyklischen Verbesserung der Vermögenseinkommen in beiden Jahren
geringfügig zunehmen. Begünstigt von einem Rückgang der Sparquote
sollte der private Konsum real 2010 um 0,9% und 2011 um 0,6%
expandieren.
Die Unternehmensgewinne werden sich im Zuge des Aufschwungs
erholen. Die nach wie vor niedrige Kapazitätsauslastung lässt dennoch
eine vorerst schwache Entwicklung der Investitionen erwarten. Die
Ausrüstungsinvestitionen sollten sich - auch wegen des Auslaufens der
vorzeitigen Abschreibungen mit Ende 2010 - in der zweiten
Jahreshälfte stabilisieren. Aufgrund des negativen Übertrags aus dem
Jahr 2009 und des schwachen I. Quartals 2010 ergibt sich für das
gesamte Jahr 2010 noch ein erheblicher Rückgang (-6,0%). Die
Bauinvestitionen werden sich über den gesamten Prognosezeitraum
schwach entwickeln.
Methodische Hinweise und Kurzglossar
Periodenvergleiche
Zeitreihenvergleiche gegenüber der Vorperiode, z. B. dem
Vorquartal, werden um jahreszeitlich bedingte Effekte bereinigt. Dies
schließt auch die Effekte ein, die durch eine unterschiedliche Zahl
von Arbeitstagen in der Periode ausgelöst werden (etwa Ostern). Im
Text wird von "saison- und arbeitstägig bereinigten Veränderungen"
gesprochen.
Die Formulierung "veränderte sich gegenüber dem Vorjahr . . ."
beschreibt hingegen eine Veränderung gegenüber der gleichen Periode
des Vorjahres und bezieht sich auf unbereinigte Zeitreihen.
Die Analyse der saison- und arbeitstägig bereinigten Entwicklung
liefert genauere Informationen über den aktuellen Konjunkturverlauf
und zeigt Wendepunkte früher an. Die Daten unterliegen allerdings
zusätzlichen Revisionen, da die Saisonbereinigung auf statistischen
Methoden beruht.
Reale und nominelle Größen
Die ausgewiesenen Werte sind grundsätzlich real, also um
Preiseffekte bereinigt, zu verstehen. Werden Werte nominell
ausgewiesen (z. B. Außenhandelsstatistik), so wird dies eigens
angeführt.
Inflation, VPI und HVPI
Die Inflationsrate misst die Veränderung der Verbraucherpreise
gegenüber dem Vorjahr. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein
Maßstab für die nationale Inflation. Der Harmonisierte
Verbraucherpreisindex (HVPI) ist die Grundlage für die vergleichbare
Messung der Inflation in der EU und für die Bewertung der
Preisstabilität innerhalb der Euro-Zone (siehe auch
http://www.statistik.at/).
WIFO-Konjunkturtest und WIFO-Investitionstest
Der WIFO-Konjunkturtest ist eine monatliche Befragung von rund
1.100 österreichischen Unternehmen zur Einschätzung ihrer aktuellen
und künftigen wirtschaftlichen Lage. Der WIFO-Investitionstest ist
eine halbjährliche Befragung von Unternehmen zu ihrer
Investitionstätigkeit (http://www.itkt.at/). Die Indikatoren sind
Salden zwischen dem Anteil der positiven und jenem der negativen
Meldungen an der Gesamtzahl der befragten Unternehmen.
Arbeitslosenquote
Österreichische Definition: Anteil der zur Arbeitsvermittlung
registrierten Personen am Arbeitskräfteangebot der Unselbständigen.
Das Arbeitskräfteangebot ist die Summe aus Arbeitslosenbestand und
unselbständig Beschäftigten (gemessen in
Standardbeschäftigungsverhältnissen). Datenbasis: Registrierungen bei
AMS und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.
Definition gemäß ILO und Eurostat: Als arbeitslos gelten Personen,
die nicht erwerbstätig sind und aktiv einen Arbeitsplatz suchen. Als
erwerbstätig zählt, wer in der Referenzwoche mindestens 1 Stunde
selbständig oder unselbständig gearbeitet hat. Personen, die
Kinderbetreuungsgeld beziehen, und Lehrlinge zählen zu den
Erwerbstätigen, nicht hingegen Präsenz- und Zivildiener. Die
Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an allen
Erwerbspersonen (Arbeitslose plus Erwerbstätige). Datenbasis:
Umfragedaten von privaten Haushalten (Mikrozensus).
Begriffe im Zusammenhang mit der österreichischen Definition der
Arbeitslosenquote
Personen in Schulungen: Personen, die sich zum Stichtag in
AMS-Schulungsmaßnahmen befinden. Für die Berechnung der
Arbeitslosenquote wird ihre Zahl weder im Nenner noch im Zähler
berücksichtigt.
Unselbständig aktiv Beschäftigte: Zu den "unselbständig
Beschäftigten" zählen auch Personen, die Kinderbetreuungsgeld
beziehen, sowie Präsenz- und Zivildiener mit aufrechtem
Beschäftigungsverhältnis. Zieht man deren Zahl ab, so erhält man die
Zahl der "unselbständig aktiv Beschäftigten".
Rückfragehinweis:
Dr. Gerhard Rünstler
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-234 * Fax. +43 1 798 93 86
mailto:[email protected]
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