• 26.06.2010, 18:09:24
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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Krone, Schöpfung, Evolution", von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 27.06.2010

Wien (OTS) - Der Kardinalerzbischof von Wien und die Staatsspitzen
verabschiedeten sich am Samstag von Hans Dichand.
Es zeigt sich, dass die Überlebenden das Problem sind, nicht der
Tote.

Christoph Schönborn und die Medien, das ist eine ganz eigene
Geschichte. Es ist nicht leicht, ein Interview mit ihm zu bekommen,
denn er hat wenig Zeit. Sowohl für die "Kronen Zeitung" als auch für
"Heute" schreibt der Erzbischof von Wien Kolumnen, und der Tag hat
eben auch für einen Kardinal nur 24 Stunden.
Nach dem Tod seines Arbeitgebers Hans Dichand hat Schönborn, der den
Ruf eines theologischen Intellektuellen genießt, etliche
Journalistenkollegen vor den Kopf gestoßen, indem er ostentativ die
positive Rolle der "Kronen Zeitung" als Hort der medialen Frömmigkeit
würdigte. Dass er in jener Zeitung schreibt, die einen Teil ihres
Gewinns als größte Vermittlungsplattform zwischen Prostituierten und
ihren Kunden macht, stört den Kardinal seit jeher deutlich weniger
als die höfliche Kritik, die er in manchen Medien für seine Thesen
zum "Intelligent Design" erfährt.
Vielleicht ist es ja tatsächlich die Schöpfungstheologie, die den
Kardinal und die "Krone" so eng aneinanderbindet. Für Schönborn ist
der Homo sapiens nicht der vorläufige Endpunkt eines ohne göttliches
Zutun ablaufenden evolutionären Prozesses, sondern die Krone der
Schöpfung. Der Homo austriacus hingegen entpuppt sich, und zwar ganz
ohne intelligentes Design, immer deutlicher als Schöpfung der
"Krone".
Dieser Homo austriacus fand sich am Samstagnachmittag in großer Zahl
im Stephansdom ein, um mit einem Gottesdienst Abschied von Hans
Dichand zu nehmen. Besonders gut vertreten war der Phänotyp des
Politikers, die markanteste Ausprägung des Homo austriacus:
anpassungsfähig, mut-asketisch, wahrhaftigkeitsresistent. Hans
Dichand hat ihn mit Macht erschaffen, durch Zuneigung großgezogen und
durch Liebesentzug auf den rechten Weg zurückgeholt. Ein Vater, nicht
nur seiner Redaktion.
Dass sie alle zu diesem Gottesdienst zusammengekommen sind, um sich
in einem religiösen Rahmen von dem Mann zu verabschieden, der sie zu
dem gemacht hat, was sie sind, soll man ihnen nicht zum Vorwurf
machen, im Gegenteil: Es ist eine Form von Anstand, die man
respektieren muss.
Der Anstand und das Bemühen um ein angemessenes Andenken gebieten es
auch, Hans Dichand von der Alleinverantwortung für den deplorablen
Zustand der politischen Kultur in Österreich freizusprechen: Nicht
der Tote ist das Problem, es sind die Überlebenden. Jeder Journalist
und Verleger würde wohl tun, was Hans Dichand getan hat: die
Beeinflussung des politischen Geschehens gewinnbringend mit der
Steuerung der öffentlichen Meinung zu verbinden. Kaum jemand konnte
es so wie er. Weder berechtigte Kritik an den Methoden noch billiger
Neid auf den Erfolg können daran etwas ändern.
Dennoch wäre es nun in Österreich an der Zeit für so etwas wie die
Evolution einer reifen Öffentlichkeit. Vielleicht kann der Wiener
Kardinal zumindest in diesem Bereich von seinem Schöpfungsglauben
lassen. Es wäre ein frommes Werk.

Rückfragehinweis:
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