• 25.06.2010, 12:00:11
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Ernteprognosen 2010: Weniger Anbau als Konsequenz aus schlechtem Preis

Bauern ziehen Konsequenzen - Feilschen um Preise 2010 - Wirbel um Bio-Vermarktung

Brüssel/Wien (OTS/aiz) - Durch die Köpfe in der Getreidebranche
geistert praktisch nur mehr die kommende Ernte 2010, die alte Ernte
2009 gilt als abgehakt und ist - bis auf die Frage, wie viel an
Überlager wird in die Saison 2010/11 mitgenommen und wirkt sich auf
die Preise aus - kein Thema mehr.

Dementsprechend blieben diesen Mittwoch auf dem Kursblatt der
Wiener Produktenbörse die Felder für die Notierungen von Weizen,
Roggen, Mais, Raps und Sonnenblume leer. Dem Vernehmen nach verhandle
der heimische Getreidehandel mit Mühlen schon erste Weizengeschäfte
aus der neuen Ernte, wobei die Anbieter vor allem für bessere
Qualitäten um bis zu EUR 7,- pro t höhere Preisvorstellungen als
zuletzt äußern würden, diese aber von den Verarbeitern noch nicht zur
Gänze akzeptiert worden seien. Die Landwirte hätten aber, so die AMA
nach der Auswertung der Mehrfachanträge 2010, aus der
unbefriedigenden Erlössituation zur Ernte 2009 bei der Aussaat für
die kommende Ernte schon ihre Konsequenzen gezogen. Gut 4% weniger
Fläche wurden demnach mit Getreide bestellt, während der Maisanbau
einen Deut ausgeweitet wurde. Wirbel gibt es in der heimischen
Biogetreide-Szene um drückende Überschüsse und nicht eingehaltene
Erzeuger-Mindestpreise. Vor einem Verfall der europäischen
Getreideproduktion als Folge unbefriedigender, nicht kostendeckender
Erzeugerpreise warnten indes in Brüssel auch die EU-Landwirte- und
Genossenschaftsverbände COPA und COGECA.

Feilschen um Preise für die Ernte 2010 - Anbieter wollen mehr

Von den heimischen Preisgesprächen erfuhr aiz.info informell, dass
noch viel in der Luft hänge, weil sich vor allem die
Qualitätsverteilung der kommenden Weizenernte bisher nur sehr
spekulativ abschätzen lasse. Jedenfalls aber deuteten auch die
aktuellen Notierungen am europäischen Terminmarkt auf eine
Befestigung des Preisniveaus zur Ernte 2010 hin. So befestigte sich
der für die neue Ernte maßgebliche November-Weizenfutures an der
Pariser Euronext in den vergangenen Wochen kontinuierlich auf ein
Niveau um EUR 140,- pro t. Damit notiere in Paris Weizen laut
Beobachtern kurz vor Erntebeginn so hoch wie schon viele Jahre nicht
mehr und vor allem fester als aus der alten Ernte, während
normalerweise mit dem Herannahen einer neuen Ernte und damit mit
frischer Versorgung des Marktes die Notierungen nachgeben würden. Die
Befestigung beruht nicht nur auf der guten Exportkonjunktur für
europäischen Weizen, sondern auch auf Meldungen etwa aus Kanada, dass
dort große, für den Anbau von hochwertigem Sommerweizen vorgesehene
Flächen wegen der anhaltenden Frühjahrsniederschläge nicht hätten
bestellt werden können.

Die ausgiebigen Frühjahrsniederschläge lassen zwar die Größe des
Anteils an Aufmischqualität an der heimischen Weizenernte auch noch
im Ungewissen, doch hoffen Anbieter speziell für bessere Qualitäten
heuer auch höhere Preise lukrieren zu können als im Vorjahr. Bei
einfachen Mahlweizenqualitäten, von denen es heuer ausreichend geben
werden dürfte, geht man zumindest von einem Halten der Preis aus. Ein
Marktteilnehmer formuliert es drastisch einfach: "Wenn wir ein
Fallzahlproblem (Anmerkung: Als Folge des Regens) bekommen, dann ist
die derzeitige Pariser Weizennotierung im Vergleich zu unseren
Breiten verdammt niedrig, bekommen wir kein Fallzahlproblem haben wir
wieder Top-Qualitäten in Hülle und Fülle und werden uns wie zuletzt
wieder enger an der Euronext orientieren."

COPA/COGECA: Zur Ernte 2010 2,2% weniger Getreideanbau in der EU

COPA/COGECA sieht in der EU-27 zur kommenden Ernte 2010 gegenüber
dem Vorjahr einen Rückgang der Getreideanbaufläche um 1,289 Mio. ha
oder 2,2% auf 56,939 Mio. ha. Bei leicht steigenden Hektarerträgen
soll demnach die Erntemenge der EU an Getreide und Mais 2010 mit
286,044 Mio. t um 3,752 Mio. t oder 1,3% geringer ausfallen als 2009.
Leicht im Plus sehen die Landwirtevertreter die kommende europäische
Weichweizenernte mit 132,938 Mio. t (plus 3,3%) bei einer um 1,2%
ausgeweiteten Anbaufläche. Den Maisertrag erwarten sie mit 55,231
Mio. t um 2,9% im Minus (Fläche: minus 1,9%). Absolute Verlierer im
Match der Kulturen werden 2010 Gerste (minus 7,4% Fläche und minus
7,1% Ertrag), Roggen (minus 5,3% Fläche und minus 8,2% Ertrag) und
Hafer (minus 7,5% Fläche und minus 5,3% Ertrag) sein. Die
Hartweizenfläche ist mit plus 0,3% zwar annähernd stabil geblieben,
wegen eines Abfalls der Hektarerträge um 7,7% soll aber auch die
Ernte um 7,3% schrumpfen.

Eindringliche Warnung vor Produktionsverfall wegen nicht
kostendeckender Preise

Der Druck auf die Landwirte aus volatilen und gleichzeitig unter
den - von steigenden Betriebsmittelpreisen und Kreditkosten
getriebenen - Gestehungskosten liegenden Getreidepreisen in der EU
könnte die Produzenten im kommenden Jahr zu einer weiteren
Einschränkung des Anbaus bewegen und als Konsequenz aus dem
verringerten Angebot die Preisvolatilität noch weiter anheizen,
warnten die Verbände weiter. Schon heuer hätten die Europäischen
Bauern deswegen 1 Mio. ha Land nicht mehr mit Ackerfrüchten bestellt,
gaben COPA/COGECA anlässlich der Vorstellung ihrer Juni-Ernteprognose
zu bedenken.

Dabei, so Paul Temple, Vorsitzender der
COPA/COGECA-Getreidearbeitsgruppe, "war die Getreideerzeugung,
insbesondere angesichts der global wachsenden Lebensmittelnachfrage,
noch nie so wichtig wie jetzt". Die Bauern benötigten das Vertrauen
in ausreichende Markterlöse, appellierte er an die gesamte
Lebensmittelkette, um das Produktionsniveau zu erhalten, die
Verbraucher vor Preissprüngen zu bewahren und die tierische
Veredelungsproduktion mit preislich wettbewerbsfähigen Futtermitteln
zu versorgen. Nachdem 60% der europäischen Getreideproduktion in der
Tiermast verbraucht würden, wandte sich Temple eindringlich an die
EU-Kommission, dass diese keine weiteren Zugeständnisse für
Fleischimporte aus dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur
eingehen dürfe. Jede zusätzliche Konzession bringe den
EU-Getreidemarkt aus dem Gleichgewicht und würde bedeuten, die eigene
Landwirtschaftsproduktion an Drittstaaten zu verkaufen.

COCERAL sieht 2010/11 Verringerung der Getreideendbestände in der EU

Der europäische Dachverband des Getreidehandels legte am Mittwoch
in Brüssel weiters auch eine Bilanz vor, nach der sich die nach dem
auslaufenden Wirtschaftsjahr 2009/10 erwarteten Endbestände von 65
Mio. t bis zum Ende des Wirtschaftsjahrs 2010/11 auf knapp 59 Mio. t
verringern werden. Das liege hauptsächlich an der um 10 Mio. t
geringeren Getreideernte, vermutet der Verband. 25 Mio. t Getreide
sollen Händler in der kommenden Saison aus der EU in Drittländer
ausführen und damit die gleiche Menge wie im Wirtschaftsjahr 2009/10
erreichen können. Die EU konnte sich zuletzt wegen der Abschwächung
des Euros gegenüber dem US-Dollar schon über eine rege
Exportkonjunktur freuen. So berichtete die Kommission am Donnerstag,
dass in der abgelaufenen Woche weitere Exportlizenzen für 233.000 t
Weizen vergeben worden sind. Die Schwäche des Euros lasse hoffen,
dass die EU auch im kommenden Jahr beim Weizenexport wettbewerbsfähig
bleibe. Viel hänge allerdings von der Qualität der kommenden Ernte
ab, über die man bisher wenig wisse, schränkte COCERAL im Beratenden
Ausschuss der EU-Kommission am Mittwoch ein.

Auch in Österreich rückläufiger Getreideanbau als Folge schlechter
Preise

Auch die AMA bestätigt mit der Auswertung der Mehrfachanträge
2010, dass die nicht kostendeckenden Preise aus der Ernte 2009 den
Bauern die Freude am Getreideanbau für die Ernte 2010 vergällt haben:
Demnach haben sie um gut 4% weniger Fläche mit Getreide bestellt und
die Maisfläche lediglich einen Deut ausgeweitet. Der jüngst erfolgte
Ausbau der Maisverarbeitungskapazitäten in Österreich, so die AMA,
"trug zur Stabilität des Erzeugerpreises bei".

Absoluter Verlierer dabei ist Sommergerste mit einem Flächenminus
von 11,5%, gefolgt von Roggen und Triticale mit je knapp minus 6%.
Überraschend schrumpfte auch die Weichweizenfläche leicht um 2,3%.
Der Sieger der in größerem Umfang angebauten Kulturen ist eindeutig
Sojabohne mit einem Flächenzuwachs von 36% und auch Durum bringt es
zumindest noch auf plus 3,7%.

Trotz drückender Überschüsse neuerlicher Anstieg der
Biogetreideflächen

Obwohl in Österreich ein drückender Überschuss an Biogetreide
herrscht, die angebotenen Mengen kaum mehr abgesetzt werden können
und die Preise unter Druck stehen, setzten die Biobauern den Trend
der vergangenen Jahre zu deutlichen Ausweitungen der Anbauflächen
auch für die Ernte 2010 neuerlich fort. Die Biogetreidefläche nimmt
demnach laut AMA heuer um 4,6% zu, die Fläche aller biologischen
Kulturen sogar um 12%.

Wirbel um nicht eingehaltene Mindestpreise der Agentur für
Biogetreide

Aufregung herrscht bei den Bio-Getreidebauern um die Abrechnung
der Ernte 2009 durch ihre Vermarktungseinrichtung "Österreichische
Agentur für Biogetreide GmbH", weil die zugesagten
Mindest-Erzeugerpreise nicht eingehalten werden.

Ein aiz.info vorliegender, mit 23.06.2010 datierter Brief der
Agentur mit der Anrede "Liebe Bio Bäuerin! Lieber Bio Bauer" an die
Erzeuger bringt bei diesen nun das Fass zum Überlaufen. Darin heißt
es: "Für 20.6.2010 haben wir Ihnen die Endabrechnung für diverse, uns
von Ihnen zur Weitervermittlung übergebenen Bio Produkte in Aussicht
gestellt. Aus folgenden Gründen ist es leider nicht möglich, die
Vermittlung zu den vorgesehenen Mindestpreisen für die Ernte 2009 für
Sie durchzuführen..." In der Begründung beruft sich die Agentur dann
darauf, Mengen von Biogetreide der Ernte 2008 "wurden überhöht
eingekauft und konnten nicht komplett abverkauft werden", sowie
darauf, dass Übermengen aus zwei Ernten nicht am Markt unterzubringen
seien und auf Billig-Preisangebote des Mitbewerbs.

Schließlich teilt der von Geschäftsführer Josef Weghaupt und
Gesellschafter Andreas Kocourek gezeichnete Brief mit, nur durch die
Nichteinhaltung der zugesagten Mindestpreise "sichern wir das
Betriebsergebnis und somit den Fortbestand der Österreichische
Agentur für Biogetreide GmbH". Aufgebrachte Biobauern sprachen
gegenüber aiz.info von einer "Bankrotterklärung der
Biogetreidevermarktung der Agentur". Unter den Biobauern heißt es
weiter, eine der Ursachen für den Überschuss- und Preisdruck wäre,
dass die Agentur in der Vergangenheit Getreide von Umstellerbetrieben
zu den selben Konditionen wie zertifiziertes Biogetreide übernommen
und zu vermarkten versucht habe. Agentur-Gesellschafter Kocourek ist
schon in der Vergangenheit in Zusammenhang mit einem Fall von
Falschdeklarierung von Biogetreide wegen Betrugsverdachts vor Gericht
gestanden und rechtskräftig verurteilt worden.

Aus den Ernten der Vorjahre sollen laut Experten noch 40.000 t
Biogetreide unverkauft herumliegen. Dazu wird aus der kommenden Ernte
2010 eine Menge von zusätzlichen 200.000 t Biogetreide und von 50.000
t Getreide sogenannter Umstellerbetriebe, das heißt von noch nicht
zertifizierten Biobetrieben in der Umstellungsphase von der
konventionellen auf die biologische Wirtschaftsweise, erwartet. Das
ergibt in der kommenden Saison ein Angebot von insgesamt 290.000 t
Getreide am Biomarkt, wohingegen laut AMA-Marktbericht die
Marktleistung, das heißt die Aufnahmefähigkeit der heimischen
Verarbeiter von Biogetreide und das Exportpotenzial, nur 194.698 t
betragen wird. Somit drohen 2010/11 rund 100.000 t Überschuss an
Biogetreide in Österreich. Die Marktleistung setzt sich, so Experten,
aus etwa 80.000 bis 100.000 t Futtergetreidenachfrage - allerdings
mit rückläufigem Trend - und 40.000 t Vermahlung für die menschliche
Ernährung zusammen. Etwa 10.000 t Bio-Brotgetreide könnten exportiert
werden und unter Umständen noch ebensoviel Futtergetreide. Allerdings
nur, so ein Marktkenner, "wenn man dabei die Hose runterlässt und
praktisch zum Preis konventionellen Futtergetreides verkauft".
(Schluss) pos/mö

Rückfragehinweis:
aiz.info - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst,
Tel.: 01/533 18 43, Fax: 01/535 04 38,
Web: aiz.info, mailto: [email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | AIZ

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