Ernteprognosen 2010: Weniger Anbau als Konsequenz aus schlechtem Preis

Bauern ziehen Konsequenzen - Feilschen um Preise 2010 - Wirbel um Bio-Vermarktung

Brüssel/Wien (OTS/aiz) - Durch die Köpfe in der Getreidebranche geistert praktisch nur mehr die kommende Ernte 2010, die alte Ernte 2009 gilt als abgehakt und ist - bis auf die Frage, wie viel an Überlager wird in die Saison 2010/11 mitgenommen und wirkt sich auf die Preise aus - kein Thema mehr.

Dementsprechend blieben diesen Mittwoch auf dem Kursblatt der Wiener Produktenbörse die Felder für die Notierungen von Weizen, Roggen, Mais, Raps und Sonnenblume leer. Dem Vernehmen nach verhandle der heimische Getreidehandel mit Mühlen schon erste Weizengeschäfte aus der neuen Ernte, wobei die Anbieter vor allem für bessere Qualitäten um bis zu EUR 7,- pro t höhere Preisvorstellungen als zuletzt äußern würden, diese aber von den Verarbeitern noch nicht zur Gänze akzeptiert worden seien. Die Landwirte hätten aber, so die AMA nach der Auswertung der Mehrfachanträge 2010, aus der unbefriedigenden Erlössituation zur Ernte 2009 bei der Aussaat für die kommende Ernte schon ihre Konsequenzen gezogen. Gut 4% weniger Fläche wurden demnach mit Getreide bestellt, während der Maisanbau einen Deut ausgeweitet wurde. Wirbel gibt es in der heimischen Biogetreide-Szene um drückende Überschüsse und nicht eingehaltene Erzeuger-Mindestpreise. Vor einem Verfall der europäischen Getreideproduktion als Folge unbefriedigender, nicht kostendeckender Erzeugerpreise warnten indes in Brüssel auch die EU-Landwirte- und Genossenschaftsverbände COPA und COGECA.

Feilschen um Preise für die Ernte 2010 - Anbieter wollen mehr

Von den heimischen Preisgesprächen erfuhr aiz.info informell, dass noch viel in der Luft hänge, weil sich vor allem die Qualitätsverteilung der kommenden Weizenernte bisher nur sehr spekulativ abschätzen lasse. Jedenfalls aber deuteten auch die aktuellen Notierungen am europäischen Terminmarkt auf eine Befestigung des Preisniveaus zur Ernte 2010 hin. So befestigte sich der für die neue Ernte maßgebliche November-Weizenfutures an der Pariser Euronext in den vergangenen Wochen kontinuierlich auf ein Niveau um EUR 140,- pro t. Damit notiere in Paris Weizen laut Beobachtern kurz vor Erntebeginn so hoch wie schon viele Jahre nicht mehr und vor allem fester als aus der alten Ernte, während normalerweise mit dem Herannahen einer neuen Ernte und damit mit frischer Versorgung des Marktes die Notierungen nachgeben würden. Die Befestigung beruht nicht nur auf der guten Exportkonjunktur für europäischen Weizen, sondern auch auf Meldungen etwa aus Kanada, dass dort große, für den Anbau von hochwertigem Sommerweizen vorgesehene Flächen wegen der anhaltenden Frühjahrsniederschläge nicht hätten bestellt werden können.

Die ausgiebigen Frühjahrsniederschläge lassen zwar die Größe des Anteils an Aufmischqualität an der heimischen Weizenernte auch noch im Ungewissen, doch hoffen Anbieter speziell für bessere Qualitäten heuer auch höhere Preise lukrieren zu können als im Vorjahr. Bei einfachen Mahlweizenqualitäten, von denen es heuer ausreichend geben werden dürfte, geht man zumindest von einem Halten der Preis aus. Ein Marktteilnehmer formuliert es drastisch einfach: "Wenn wir ein Fallzahlproblem (Anmerkung: Als Folge des Regens) bekommen, dann ist die derzeitige Pariser Weizennotierung im Vergleich zu unseren Breiten verdammt niedrig, bekommen wir kein Fallzahlproblem haben wir wieder Top-Qualitäten in Hülle und Fülle und werden uns wie zuletzt wieder enger an der Euronext orientieren."

COPA/COGECA: Zur Ernte 2010 2,2% weniger Getreideanbau in der EU

COPA/COGECA sieht in der EU-27 zur kommenden Ernte 2010 gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang der Getreideanbaufläche um 1,289 Mio. ha oder 2,2% auf 56,939 Mio. ha. Bei leicht steigenden Hektarerträgen soll demnach die Erntemenge der EU an Getreide und Mais 2010 mit 286,044 Mio. t um 3,752 Mio. t oder 1,3% geringer ausfallen als 2009. Leicht im Plus sehen die Landwirtevertreter die kommende europäische Weichweizenernte mit 132,938 Mio. t (plus 3,3%) bei einer um 1,2% ausgeweiteten Anbaufläche. Den Maisertrag erwarten sie mit 55,231 Mio. t um 2,9% im Minus (Fläche: minus 1,9%). Absolute Verlierer im Match der Kulturen werden 2010 Gerste (minus 7,4% Fläche und minus 7,1% Ertrag), Roggen (minus 5,3% Fläche und minus 8,2% Ertrag) und Hafer (minus 7,5% Fläche und minus 5,3% Ertrag) sein. Die Hartweizenfläche ist mit plus 0,3% zwar annähernd stabil geblieben, wegen eines Abfalls der Hektarerträge um 7,7% soll aber auch die Ernte um 7,3% schrumpfen.

Eindringliche Warnung vor Produktionsverfall wegen nicht kostendeckender Preise

Der Druck auf die Landwirte aus volatilen und gleichzeitig unter den - von steigenden Betriebsmittelpreisen und Kreditkosten getriebenen - Gestehungskosten liegenden Getreidepreisen in der EU könnte die Produzenten im kommenden Jahr zu einer weiteren Einschränkung des Anbaus bewegen und als Konsequenz aus dem verringerten Angebot die Preisvolatilität noch weiter anheizen, warnten die Verbände weiter. Schon heuer hätten die Europäischen Bauern deswegen 1 Mio. ha Land nicht mehr mit Ackerfrüchten bestellt, gaben COPA/COGECA anlässlich der Vorstellung ihrer Juni-Ernteprognose zu bedenken.

Dabei, so Paul Temple, Vorsitzender der COPA/COGECA-Getreidearbeitsgruppe, "war die Getreideerzeugung, insbesondere angesichts der global wachsenden Lebensmittelnachfrage, noch nie so wichtig wie jetzt". Die Bauern benötigten das Vertrauen in ausreichende Markterlöse, appellierte er an die gesamte Lebensmittelkette, um das Produktionsniveau zu erhalten, die Verbraucher vor Preissprüngen zu bewahren und die tierische Veredelungsproduktion mit preislich wettbewerbsfähigen Futtermitteln zu versorgen. Nachdem 60% der europäischen Getreideproduktion in der Tiermast verbraucht würden, wandte sich Temple eindringlich an die EU-Kommission, dass diese keine weiteren Zugeständnisse für Fleischimporte aus dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur eingehen dürfe. Jede zusätzliche Konzession bringe den EU-Getreidemarkt aus dem Gleichgewicht und würde bedeuten, die eigene Landwirtschaftsproduktion an Drittstaaten zu verkaufen.

COCERAL sieht 2010/11 Verringerung der Getreideendbestände in der EU

Der europäische Dachverband des Getreidehandels legte am Mittwoch in Brüssel weiters auch eine Bilanz vor, nach der sich die nach dem auslaufenden Wirtschaftsjahr 2009/10 erwarteten Endbestände von 65 Mio. t bis zum Ende des Wirtschaftsjahrs 2010/11 auf knapp 59 Mio. t verringern werden. Das liege hauptsächlich an der um 10 Mio. t geringeren Getreideernte, vermutet der Verband. 25 Mio. t Getreide sollen Händler in der kommenden Saison aus der EU in Drittländer ausführen und damit die gleiche Menge wie im Wirtschaftsjahr 2009/10 erreichen können. Die EU konnte sich zuletzt wegen der Abschwächung des Euros gegenüber dem US-Dollar schon über eine rege Exportkonjunktur freuen. So berichtete die Kommission am Donnerstag, dass in der abgelaufenen Woche weitere Exportlizenzen für 233.000 t Weizen vergeben worden sind. Die Schwäche des Euros lasse hoffen, dass die EU auch im kommenden Jahr beim Weizenexport wettbewerbsfähig bleibe. Viel hänge allerdings von der Qualität der kommenden Ernte ab, über die man bisher wenig wisse, schränkte COCERAL im Beratenden Ausschuss der EU-Kommission am Mittwoch ein.

Auch in Österreich rückläufiger Getreideanbau als Folge schlechter Preise

Auch die AMA bestätigt mit der Auswertung der Mehrfachanträge 2010, dass die nicht kostendeckenden Preise aus der Ernte 2009 den Bauern die Freude am Getreideanbau für die Ernte 2010 vergällt haben:
Demnach haben sie um gut 4% weniger Fläche mit Getreide bestellt und die Maisfläche lediglich einen Deut ausgeweitet. Der jüngst erfolgte Ausbau der Maisverarbeitungskapazitäten in Österreich, so die AMA, "trug zur Stabilität des Erzeugerpreises bei".

Absoluter Verlierer dabei ist Sommergerste mit einem Flächenminus von 11,5%, gefolgt von Roggen und Triticale mit je knapp minus 6%. Überraschend schrumpfte auch die Weichweizenfläche leicht um 2,3%. Der Sieger der in größerem Umfang angebauten Kulturen ist eindeutig Sojabohne mit einem Flächenzuwachs von 36% und auch Durum bringt es zumindest noch auf plus 3,7%.

Trotz drückender Überschüsse neuerlicher Anstieg der Biogetreideflächen

Obwohl in Österreich ein drückender Überschuss an Biogetreide herrscht, die angebotenen Mengen kaum mehr abgesetzt werden können und die Preise unter Druck stehen, setzten die Biobauern den Trend der vergangenen Jahre zu deutlichen Ausweitungen der Anbauflächen auch für die Ernte 2010 neuerlich fort. Die Biogetreidefläche nimmt demnach laut AMA heuer um 4,6% zu, die Fläche aller biologischen Kulturen sogar um 12%.

Wirbel um nicht eingehaltene Mindestpreise der Agentur für Biogetreide

Aufregung herrscht bei den Bio-Getreidebauern um die Abrechnung der Ernte 2009 durch ihre Vermarktungseinrichtung "Österreichische Agentur für Biogetreide GmbH", weil die zugesagten Mindest-Erzeugerpreise nicht eingehalten werden.

Ein aiz.info vorliegender, mit 23.06.2010 datierter Brief der Agentur mit der Anrede "Liebe Bio Bäuerin! Lieber Bio Bauer" an die Erzeuger bringt bei diesen nun das Fass zum Überlaufen. Darin heißt es: "Für 20.6.2010 haben wir Ihnen die Endabrechnung für diverse, uns von Ihnen zur Weitervermittlung übergebenen Bio Produkte in Aussicht gestellt. Aus folgenden Gründen ist es leider nicht möglich, die Vermittlung zu den vorgesehenen Mindestpreisen für die Ernte 2009 für Sie durchzuführen..." In der Begründung beruft sich die Agentur dann darauf, Mengen von Biogetreide der Ernte 2008 "wurden überhöht eingekauft und konnten nicht komplett abverkauft werden", sowie darauf, dass Übermengen aus zwei Ernten nicht am Markt unterzubringen seien und auf Billig-Preisangebote des Mitbewerbs.

Schließlich teilt der von Geschäftsführer Josef Weghaupt und Gesellschafter Andreas Kocourek gezeichnete Brief mit, nur durch die Nichteinhaltung der zugesagten Mindestpreise "sichern wir das Betriebsergebnis und somit den Fortbestand der Österreichische Agentur für Biogetreide GmbH". Aufgebrachte Biobauern sprachen gegenüber aiz.info von einer "Bankrotterklärung der Biogetreidevermarktung der Agentur". Unter den Biobauern heißt es weiter, eine der Ursachen für den Überschuss- und Preisdruck wäre, dass die Agentur in der Vergangenheit Getreide von Umstellerbetrieben zu den selben Konditionen wie zertifiziertes Biogetreide übernommen und zu vermarkten versucht habe. Agentur-Gesellschafter Kocourek ist schon in der Vergangenheit in Zusammenhang mit einem Fall von Falschdeklarierung von Biogetreide wegen Betrugsverdachts vor Gericht gestanden und rechtskräftig verurteilt worden.

Aus den Ernten der Vorjahre sollen laut Experten noch 40.000 t Biogetreide unverkauft herumliegen. Dazu wird aus der kommenden Ernte 2010 eine Menge von zusätzlichen 200.000 t Biogetreide und von 50.000 t Getreide sogenannter Umstellerbetriebe, das heißt von noch nicht zertifizierten Biobetrieben in der Umstellungsphase von der konventionellen auf die biologische Wirtschaftsweise, erwartet. Das ergibt in der kommenden Saison ein Angebot von insgesamt 290.000 t Getreide am Biomarkt, wohingegen laut AMA-Marktbericht die Marktleistung, das heißt die Aufnahmefähigkeit der heimischen Verarbeiter von Biogetreide und das Exportpotenzial, nur 194.698 t betragen wird. Somit drohen 2010/11 rund 100.000 t Überschuss an Biogetreide in Österreich. Die Marktleistung setzt sich, so Experten, aus etwa 80.000 bis 100.000 t Futtergetreidenachfrage - allerdings mit rückläufigem Trend - und 40.000 t Vermahlung für die menschliche Ernährung zusammen. Etwa 10.000 t Bio-Brotgetreide könnten exportiert werden und unter Umständen noch ebensoviel Futtergetreide. Allerdings nur, so ein Marktkenner, "wenn man dabei die Hose runterlässt und praktisch zum Preis konventionellen Futtergetreides verkauft". (Schluss) pos/mö

Rückfragen & Kontakt:

aiz.info - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst,
Tel.: 01/533 18 43, Fax: 01/535 04 38,
Web: aiz.info, mailto: pressedienst@aiz.info

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AIZ0001