- 10.06.2010, 09:00:40
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Boom in Asien, schleppende Erholung in der EU und in Österreich
Wien (OTS/WIFO) - Die österreichische Wirtschaft stagnierte im I.
Quartal 2010 sowohl gegenüber dem IV. Quartal 2009 (-0,1%) als auch
gegenüber dem Vorjahr (+0,2%). Impulse kamen vom Export nach
Deutschland und damit indirekt von der starken Expansion der
Wirtschaft in Asien und des Welthandels. Die heimische
Konsumnachfrage wächst stetig, allerdings mäßig. Die Investitionen
sind weiterhin rückläufig, eine selbsttragende Investitionskonjunktur
ist bislang nicht in Gang gekommen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt
verbessert sich kontinuierlich. Wegen der Rohstoffverteuerung steigen
die Preise auf Verbraucherebene.
In Asien wächst die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kräftig. Dies
geht vor allem auf die anhaltende Wirkung der expansiven
Konjunkturpolitik in China und ein stabiles Finanz- und Bankensystem
zurück. Die Warenimporte der asiatischen Schwellenländer stiegen im
I. Quartal 2010 gegenüber dem Vorquartal um 10%; sie lagen damit um
50% über dem Tiefstand von Ende 2008 und bereits um fast 15% über dem
Niveau vor der weltweiten Wirtschaftskrise. Damit bildet Asien den
wichtigsten Motor für den Aufschwung des Welthandels, der im I.
Quartal 2010 gegenüber dem Vorquartal um 5% zunahm, damit aber noch
etwas unter dem Vorkrisenniveau blieb.
Von der Erholung der Weltkonjunktur profitieren auch die
Industrieländer merklich: In Japan lag das BIP laut erster Rechnung
trotz Deflation und schwacher Binnennachfrage im I. Quartal 2010 um
gut 4% über dem Niveau des Vorjahres. In den USA trägt der Export
zusammen mit kräftigen Ausrüstungsinvestitionen und - angesichts der
schlechten Lage auf dem Arbeitsmarkt - überraschend robuster
Konsumnachfrage der privaten Haushalte die Konjunktur (BIP I. Quartal
+2,5% gegenüber dem Vorjahr). Im Euro-Raum profitiert die Wirtschaft
nicht nur vom weltweiten Anziehen der Nachfrage, sondern (mit
Verzögerung) auch vom Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar und
dem japanischen Yen. Der Export lag im I. Quartal um 6% über dem
Niveau des Vorjahres. Jedoch bremst die Schwäche der Binnennachfrage
die Konjunkturbelebung erheblich: Die Konsumausgaben der privaten
Haushalte stagnieren, die Bruttoanlageinvestitionen gehen anhaltend
zurück (I. Quartal -5% gegenüber dem Vorjahr). Das BIP war sowohl im
Euro-Raum als auch in der EU 27 im I. Quartal um nur 0,2% höher als
im Quartal zuvor (+0,6% bzw. +0,5% gegenüber dem Vorjahr) Die Krise
ist nicht überwunden: Darauf weisen die hohe Instabilität der
Finanzmärkte, die Labilität des Bankensystems und die zunehmend
nachfragedämpfende Wirkung der Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung in
einzelnen Ländern hin.
Übersicht 1: Ergebnisse der vierteljährlichen Volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12)
Auch die österreichische Exportwirtschaft zieht Nutzen aus dem
Boom in Asien und der Erholung des Welthandels, vor allem indirekt
über eine Ausweitung der Lieferungen an die weltmarktorientierte
deutsche Wirtschaft (Jänner bis März nominell +8% gegenüber dem
Vorjahr). Andere wichtige Handelspartner wie Italien und einige
ostmitteleuropäische Länder haben die Rezession nicht überwunden,
entsprechend schleppend entwickelt sich die Warenausfuhr dorthin.
Insgesamt erhöhte sich der österreichische Export im I. Quartal
gegenüber der Vorperiode leicht (+0,3%), er überstieg das Niveau des
Vorjahres um +1,9%. Sehr uneinheitliche Konjunktursignale gehen von
der Sachgütererzeugung aus: Die Wertschöpfung verringerte sich im I.
Quartal gegenüber dem Vorquartal (-1,2%) und entsprach damit dem
Vorjahreswert; der Produktionsindex lag um etwa ein Fünftel unter dem
Niveau vor der Krise. Hingegen zeigt der WIFO-Konjunkturtest eine
anhaltende und merkliche Verbesserung der Unternehmerstimmung in der
Industrie. Die Produktionserwartungen stiegen auch im Frühjahr weiter
(Saldo aus positiven und negativen Meldungen im Mai +13
Prozentpunkte), die Auftragslage aus dem Ausland weist aufwärts, und
die Geschäftslage in den nächsten sechs Monaten wird optimistisch
beurteilt.
Abbildung 1: Entwicklung des realen Bruttoinlandsproduktes - auf der
WIFO-Website (http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12)
Die leichte Erholung des Exports schlägt sich bislang nicht in
einer Ausweitung der Investitionen nieder. Die
Ausrüstungsinvestitionen sanken im I. Quartal 2010 um 2,4% gegenüber
dem Vorquartal - der achte Rückgang in Folge (-12,3% gegenüber dem
Vorjahr), zurückzuführen auf die anhaltend niedrige
Kapazitätsauslastung. Sie lag in der Industrie im II. Quartal mit 79%
zwar merklich über dem Tiefstand vom Frühjahr 2009, aber noch unter
dem langjährigen Durchschnitt und deutlich niedriger als in der
Hochkonjunktur. Damit ist bislang kein selbsttragender
Konjunkturaufschwung in Gang gekommen.
Die auch während der Rezession stetig steigende Tendenz der
Konsumnachfrage der privaten Haushalte hält an: Im I. Quartal erhöhte
sich der private Konsum gegenüber dem Vorquartal um 1/4% (aufgrund
von Sondereffekten +2,5% gegenüber dem Vorjahr). Die Veränderungsrate
gegenüber dem Vorquartal war damit zwar nur etwa halb so hoch wie im
Durchschnitt der letzten Jahrzehnte, doch deutlich höher als im
Durchschnitt des Euro-Raumes (-0,1%) oder in Deutschland (-0,8%). Das
Anziehen der Teuerung, das primär eine Folge des Rohölpreisanstiegs
auf dem Weltmarkt und nicht konjunkturbedingt ist, schränkt die
verfügbaren Realeinkommen zunehmend ein. Im April betrug die
Inflationsrate 2%, zur Hälfte bedingt durch die Verteuerung von
Mineralölprodukten. Sie war damit etwas höher als der Anstieg der
Bruttotariflöhne der Beschäftigten (+1,7%).
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich verbessert. Im Mai
überstieg die Zahl der Arbeitslosen (einschließlich Personen in
Schulungen) mit 305.000 das Niveau des Vorjahres nur noch leicht. Die
Zahl der unselbständig aktiv Beschäftigten übertraf das
Vorjahresniveau bereits um 26.000. In saisonbereinigter Rechnung lag
die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen (ohne Schulungen) im Mai um
12.000 unter dem Höchststand vom September 2009, allerdings um 48.000
über dem Tiefstand vom März 2008 (zudem waren zuletzt um 22.000
Arbeitslose mehr in Schulungen als im Frühjahr 2008).
Insgesamt hat sich die Konjunktur nach dem tiefen Einbruch von
Mitte 2008 bis Mitte 2009 zwar stabilisiert, doch die Erholung hat
noch nicht Tritt gefasst. Nach zwei Quartalen mäßigen Anstiegs (III.
Quartal 2009 real +0,7% gegenüber dem Vorquartal, IV. Quartal +0,3%)
stagnierte das BIP im I. Quartal 2010 und überschritt damit das
Niveau des Vorjahres kaum (+0,2%). Frühindikatoren wie die
Auftragseingänge und die Produktionserwartungen in der Industrie
lassen für das II. Quartal einen kräftigeren Zuwachs erwarten, doch
ein Aufschwung der Investitionstätigkeit zeichnet sich nicht ab.
Methodische Hinweise und Kurzglossar
Periodenvergleiche
Zeitreihenvergleiche gegenüber der Vorperiode, z. B. dem
Vorquartal, werden um jahreszeitlich bedingte Effekte bereinigt. Dies
schließt auch die Effekte ein, die durch eine unterschiedliche Zahl
von Arbeitstagen in der Periode ausgelöst werden (etwa Ostern). Im
Text wird von "saison- und arbeitstägig bereinigten Veränderungen"
gesprochen.
Die Formulierung "veränderte sich gegenüber dem Vorjahr . . ."
beschreibt hingegen eine Veränderung gegenüber der gleichen Periode
des Vorjahres und bezieht sich auf unbereinigte Zeitreihen.
Die Analyse der saison- und arbeitstägig bereinigten Entwicklung
liefert genauere Informationen über den aktuellen Konjunkturverlauf
und zeigt Wendepunkte früher an. Die Daten unterliegen allerdings
zusätzlichen Revisionen, da die Saisonbereinigung auf statistischen
Methoden beruht.
Reale und nominelle Größen
Die ausgewiesenen Werte sind grundsätzlich real, also um
Preiseffekte bereinigt, zu verstehen. Werden Werte nominell
ausgewiesen (z. B. Außenhandelsstatistik), so wird dies eigens
angeführt.
Inflation, VPI und HVPI
Die Inflationsrate misst die Veränderung der Verbraucherpreise
gegenüber dem Vorjahr. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein
Maßstab für die nationale Inflation. Der Harmonisierte
Verbraucherpreisindex (HVPI) ist die Grundlage für die vergleichbare
Messung der Inflation in der EU und für die Bewertung der
Preisstabilität innerhalb der Euro-Zone (siehe auch
http://www.statistik.at/).
WIFO-Konjunkturtest und WIFO-Investitionstest
Der WIFO-Konjunkturtest ist eine monatliche Befragung von rund
1.100 österreichischen Unternehmen zur Einschätzung ihrer aktuellen
und künftigen wirtschaftlichen Lage. Der WIFO-Investitionstest ist
eine halbjährliche Befragung von Unternehmen zu ihrer
Investitionstätigkeit (http://www.itkt.at/). Die Indikatoren sind
Salden zwischen dem Anteil der positiven und jenem der negativen
Meldungen an der Gesamtzahl der befragten Unternehmen.
Arbeitslosenquote
Österreichische Definition: Anteil der zur Arbeitsvermittlung
registrierten Personen am Arbeitskräfteangebot der Unselbständigen.
Das Arbeitskräfteangebot ist die Summe aus Arbeitslosenbestand und
unselbständig Beschäftigten (gemessen in
Standardbeschäftigungsverhältnissen). Datenbasis: Registrierungen bei
AMS und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.
Definition gemäß ILO und Eurostat: Als arbeitslos gelten Personen,
die nicht erwerbstätig sind und aktiv einen Arbeitsplatz suchen. Als
erwerbstätig zählt, wer in der Referenzwoche mindestens 1 Stunde
selbständig oder unselbständig gearbeitet hat. Personen, die
Kinderbetreuungsgeld beziehen, und Lehrlinge zählen zu den
Erwerbstätigen, nicht hingegen Präsenz- und Zivildiener. Die
Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an allen
Erwerbspersonen (Arbeitslose plus Erwerbstätige). Datenbasis:
Umfragedaten von privaten Haushalten (Mikrozensus).
Begriffe im Zusammenhang mit der österreichischen Definition der
Arbeitslosenquote
Personen in Schulungen: Personen, die sich zum Stichtag in
AMS-Schulungsmaßnahmen befinden. Für die Berechnung der
Arbeitslosenquote wird ihre Zahl weder im Nenner noch im Zähler
berücksichtigt.
Unselbständig aktiv Beschäftigte: Zu den "unselbständig
Beschäftigten" zählen auch Personen, die Kinderbetreuungsgeld
beziehen, sowie Präsenz- und Zivildiener mit aufrechtem
Beschäftigungsverhältnis. Zieht man deren Zahl ab, so erhält man die
Zahl der "unselbständig aktiv Beschäftigten".
Rückfragehinweis:
Mag. Dr. Markus Marterbauer
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-303 * Fax. +43 1 798 93 86
mailto:Markus.Marterbauer@wifo.ac.at
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