• 06.06.2010, 18:07:21
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DER STANDARD-Kommentar: "Schönreden und Selbstmitleid" von Gerald John

"Den Grünen fehlen nicht die Themen, sondern Persönlichkeiten mit Emotionen"; Ausgabe vom 7.6.2010

Wien (OTS) - Die Grünen zogen alle Register der Empörung. Über den
"kompletten ökologischen Wahnsinn" echauffierte sich die
Umwelt-sprecherin und beschrieb den "Giftcocktail", der das Meer
bedrohe, in den grellsten Farben. Die Autofahrer sollten sich gut
überlegen, "welche Zapfsäule sie ansteuern", empfahl die Partei und
rief kurzerhand zum Boykott des schuldigen Konzerns auf.
Das war 1995, als Shell die Ölplattform Brent Spar in der Nordsee
entsorgen wollte. Heute richtet BP im Golf von Mexiko eine viel
größere Sauerei an, doch über einen Boykott diskutieren die
österreichischen Grünen, vermutlich mit gerunzelter Stirn über einem
Packen Meinungsumfragen brütend, nur im stillen Kämmerchen. Ein paar
dürre Sätze über den notwendigen Ölausstieg - das war es, was ihnen
zum Jahrhundertskandal einfiel.
Die verschlafene Reaktion ist typisch für den Umgang der Grünen mit
Katastrophen - auch mit den eigenen. Auf ihre Pleiteserie bei Wahlen
reagieren sie stur wie eine Altpartei: Mit Schönreden und
Selbstmitleid.
Man kann ja ein Stück weit verstehen, dass sich die Partei vom
verführbaren Volk, das ruchlosen Rattenfängern nachläuft, ungerecht
behandelt fühlt. Tatsächlich heben sich die Grünen in manchem
wohltuend von der Konkurrenz ab. Im Gegensatz zur Radauopposition
versprechen sie nicht nur Milch und Honig, sondern haben
differenzierte Konzepte in der Schublade. Als einzige Partei erlagen
sie nie der Versuchung, Ausländer zu Sündenböcken zu stempeln. Und
sie behielten recht, als sie früh vor der Klimaerwärmung und den
Verheerungen des Turbokapitalismus warnten.
Nur leider gewinnt man mit dem Glauben, das Gute werde sich
irgendwann von allein durchsetzen, keine Wahlen. Drollig klangen die
Klagen von Parteichefin Eva Glawischnig nach der Niederlage im
Burgenland, die grünen Leibthemen seien im Schwall des Populismus
untergegangen. Darauf, dass die Rivalen mit ihr gesittet das grüne
Ökosteuermodell diskutieren, wird sie auch in Wien und der Steiermark
lange warten können. Eher heuert Heinz-Christian Strache bei der
Caritas an.
Nicht die Themen fehlen, sondern unverwechselbare Figuren, die diese
mit Emotionen aufladen, statt bieder Konzepte herunterzubeten. Hinter
Glawischnig rührt der ewige Peter Pilz als Aufdecker für eh alles um
- kein abendfüllendes Programm. Gerade die Krise böte einer Partei,
die es immer schon besser gewusst hat, Chancen. Doch Alexander Van
der Bellen, wirtschaftspolitischer Kapazunder mit Strahlkraft über
die Milieugrenze hinaus, lässt sich erfolgreich verstecken.
Das gelingt auch anderen grünen Politikern vortrefflich. Vorbei sind
die Zeiten, als schrille Originale wie Terezija Stoisits die
bedingungslose Haltung der Weltverbessererbewegung in Fahnenfragen
wie der Ausländerpolitik verkörperten. Völlig brach liegt die grüne
Urkompetenz. Wie heißt schnell noch die aktuelle Umweltsprecherin?
Glawischnig hat recht, wenn sie bei der Nachwuchsarbeit ansetzen
will, wiewohl die Einsicht spät kommt. Grüne Kritiker monierten schon
vor Jahren, dass neue Hoffnungsträger gegen die eingesessenen
Funktionärsseilschaften kaum Chancen hätten - und wurden routiniert
abgeschasselt. Zarte Versuche der Öffnung gibt es mittlerweile, ihr
Gelingen ist eine Überlebensfrage. Sonst enden die Grünen als Partei,
die zwar von der Gesellschaft kleinere Revolutionen fordert, an der
eigenen Reform aber scheitert.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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