• 10.04.2010, 18:34:00
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"Die Presse am Sonntag" - Leitartikel: Ohne Fischer keine Rosenkranz, von Rainer Nowak

Ausgabe vom 11.04.2010

Wien (OTS) - Die beiden Plakat-Präsidentschaftskandidaten Fischer
und Rosenkranz lassen den wichtigsten Wert unserer Zeit aus: die
Nachhaltigkeit. Dabei beherrschen SPÖ und ÖVP das langfristige Denken
doch gut.

Barbara Rosenkranz wird die Schlusskundgebung ihres Wahlkampfes also
auf dem Ballhausplatz vor der Hofburg abhalten. Näher wird sie ihrem
Ziel nicht kommen.
Ein ähnliches Schicksal droht dem Kandidaten der Christlichen Partei
Österreichs, Rudolf Gehring. Selbst wenn es ihm noch gelingt, das
Dollfuß-Gemälde aus dem ÖVP-Klub zu entwenden (Karlheinz Kopf schaut
sicher weg): Als Schutzpatron aller frustrierten ÖVP-Anhänger - dem
Vernehmen nach handelt es sich dabei um die größte Wählergruppe -
wird er nur kurz in Erinnerung bleiben. Aber man muss den
Biotop-Politikern dankbar sein: Durch sie haben wir gemerkt, dass
Heinz Fischer zur Wiederwahl antritt. Denn sonst ist wenig zu
bemerken vom Wahlkampf um das - Achtung, hier kommt die Pointe -
höchste Amt im Staate. Die Plakate könnten samt und sonders von alten
Urnengängen übrig geblieben sein, Frau Rosenkranz' von dem in
Niederösterreich, Fischers vom inhaltlich im Vergleich
sachpolitischen Duell mit Benita Ferrero-Waldner. Das war die mit den
Fremdsprachen.
Aber die Regierung hilft Fischer, wo sie nur kann: Nach den
monatelangen dichten Diskussionen, den zahlreichen Reformen - die mit
dem Bundesstaat war hart! - und den leidenschaftlich geführten
Diskussionen um das Vermeiden zukünftiger Wirtschaftskrisen
überlassen die Regierungspolitiker Fischer nun großzügig die Bühne.
Natürlich gibt es kleine Verwerfungen, aber die werden nach Fischers
Triumphzug aus, um und in die Hofburg zurück sicher ausgeräumt
werden: Soll man sich weiterhin auf getrennten Klausuren derart
unterschiedlich, fast distanziert der Öffentlichkeit präsentieren?
Hier die Iss-was-Gescheites-Partie Sepp Prölls und Nikolaus
Berlakovichs, dort die Tranquilizer-Gruppe um Werner Faymann, Alois
Stöger und Norbert Darabos? Inhaltlich geht es doch auch einheitlich:
Steuern erhöhen, Geld ausgeben, einsparen irgendwann nach der
Wien-Wahl.
Erst bei näherem Hinsehen auf den Präsidentschaftswahlkampf erfährt
man von einer geheimnisvollen, interessanten Auseinandersetzung:
"Unser Handeln braucht Werte", heißt es da bei Fischer. Auf welche
Handlungen er anspielt, wissen wir nicht, die Anzahl seiner eigenen
war überschaubar. Barbara Rosenkranz kontert messerscharf mit "Ohne
Mut keine Werte". Ihr Parteisekretär und -denker Herbert Kickl ist
bis heute sehr stolz, dass er bis zur Druckerei darüber gewacht hat,
dass nach dem Wörtchen "Mut" nicht versehentlich ein Punkt gelandet
ist.
Was wären denn die Werte, die beide benötigten, um das politische
Leben ein bisschen besser zu machen: Bei Fischer kämen wohl
"Unabhängigkeit" und "Entschlossenheit" auf die Sollseite, "Güte" und
"Bescheidenheit" stehen auf seiner Habenseite. Rosenkranz würde auf
die berühmte Sternzeichen-Zuckerpackung bei den guten Seiten "Treue"
bringen, bei "Gerechtigkeit" und "Toleranz" kann sie wohl noch
Defizite beseitigen. Was sie vermutlich nicht will. "Gutmensch!",
höhnen ihre Gesinnungsfreunde dafür nur allzu leicht und schnell!
Aber da sind wir schon tief in persönlichen Beschreibungen;
Wertebegriffswolken wie Heimat und Familie funktionieren nur dann als
Code, wenn sich jeder individuell aussuchen kann, was er für das
Alltagspathos grade braucht. Seit Facebook wackelt Freundschaft ein
bisschen.
Der aktuelle, am häufigsten verwendete Wert heißt "Nachhaltigkeit":
Darunter versteht man langfristige Wirkungen einer (politischen)
Handlung auf das System. Wenn etwa Josef Pröll auf den Spuren eines
Vorgängers wandelt, etwas, was Werner Faymann mangels Kenntnis der
seinen nie passieren würde, und die ökosoziale Marktwirtschaft wieder
halbentdeckt. Wenn er die Erhöhung der Mineralölsteuer und die
Einführung einer CO2-Abgabe will. Dann zeugt das von Nachhaltigkeit.
(Die Grünen würden applaudieren, wenn sie könnten, doch in ihren
dreiwöchigen Osterferien lesen sie keine Zeitungen.)
Das österreichische System der leistungsfeindlichen hohen Steuern und
noch höheren Ausgaben wird einbetoniert. Nachhaltigs.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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