Die Presse - Leitartikel: Die Skinheads und die Moral der Geschichte, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 10.04.2010

Wien (OTS) - Nicht, dass man weder Rosenkranz noch Fischer wählt, ist ein Skandal, sondern der Diebstahl an der Zukunft.

Zwei Wochen noch bis zur Bundespräsidentenwahl. Die Spannung ist schon fast unerträglich, Parolen und Slogans prallen mit zunehmender Wucht aneinander vorbei. Die Wahlkämpfer und ihre Helferlein zeigen erste Anzeichen intellektueller Transpiration. Ein frischer Geistesschweißfleck fand sich in der Freitags-"Presse": Alexander Van der Bellen erklärte dort, dass die einzige zulässige Handlung am 25. April darin bestehe, unserem geliebten Herrn Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer erneut die Stimme zu geben. "Da geht es auch um die Moral der Geschichte", doziert Professor Van der Bellen, "es ist nicht wurscht, wie viele Stimmen Fischer und wie viele Rosenkranz bekommt."
Nein, Herr Professor, es geht nicht um die Moral der Geschichte, die hat nämlich keine. Es geht um die Frage, ob man der Wahl fernbleiben, sich für das kleinere Übel entscheiden oder ungültig wählen soll, weil man keinen der zur Wahl stehenden Kandidaten überzeugend findet. Ein vollkommen unspektakulärer Vorgang, alle drei Entscheidungen sind vollkommen legitim, und falls man sich dazu entschließen sollte, das geringere Übel zu wählen, wird man für Heinz Fischer stimmen. Alexander Van der Bellen aber ist "ein Glatzkopf mit SS-Runen auf seiner Jacke, der zu seinen Überzeugungen steht, lieber als solche pseudobürgerlichen Leute", die sich weigern, so wie er Heinz Fischer zu wählen. So lange er nicht daran denkt, renitente Schwarze von Skinheads in die Wahllokale prügeln zu lassen, ist das auch sein gutes Recht: Wir leben in einem freien Land, jeder darf sich seine Freunde aussuchen. Und was die Festigkeit in Glaubensdingen angeht, sind die Grünen den Skinheads ja vielleicht wirklich näher als die Schwarzen dem Heinz Fischer.

Der Bundespräsident, an dessen Stimmenzahl Alexander Van der Bellen die Moral der Geschichte misst, weiß um seine welthistorische Bedeutung. "Unser Handeln braucht Werte", lautet sein Wahlkampfslogan. Seit Freitag wissen wir auch, um welche Werte es sich dabei handelt: "Gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und Chauvinismus". Er versuche, mit diesem seinem "Wertewahlkampf", ein "Vakuum zu füllen". Das ist total nett von ihm, aber was bedeutet es? Dass alle anderen für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Chauvinismus sind?
Und wer sind diese anderen? Alle Menschen außer Heinz Fischer oder nur Barbara Rosenkranz, Rudolf Gehring und alle Nicht-Heinz-Fischer-Wähler, ausgenommen jene Skinheads, die ab sofort unter dem persönlichen Schutz von Alexander Van der Bellen stehen? Außerhalb des Vakuums befinden sich die historisch-moralisch wohlgesinnten Schwarzen. Sie werden angeführt von Othmar Karas, der jene Art von wahrhaft bürgerliche Artigkeit verkörpert, um die es Alexander Van der Bellen zu tun ist. Der EU-Abgeordnete stattet dem Präsidenten wohl seinen Dank dafür ab, dass der damalige Wissenschaftsminister Fischer Karas' Schwiegervater Kurt Waldheim im Präsidentschaftswahlkampf 1986 unterstützte. Damals ging es ja auch schon um die Moral der Geschichte, allerdings waren die Skinheads bei den Grünen etwas weniger wohlgelitten als heutzutage.

Sollten Sie den Eindruck haben, dass dieser Leitartikel vor etlichen Zeilen die Grenze zum Absurden überschritten hat, liegen Sie vollkommen richtig. Das ist das zwingende Ende des Versuchs, diesen Präsidentschaftswahlkampf und die so genannten Wertedebatte, die alle drei Kandidaten führen wollen, Ernst zu nehmen.
Die große moralische Frage, auf die Politik heute eine Antwort zu geben hätte, ist weder, ob Frau Rosenkranz ihren Sohn Wolf oder Kevin nennt noch, wie oft Herr Gehring den Gottesdienst besucht und schon gar nicht, was die Grundsätze Heinz Fischers sind (er hält sich ohnehin an den Ratschlag von Franz Josef Strauß, seine Grundsätze so hoch zu halten, dass er aufrecht darunter durch gehen kann).
Die einzige relevante moralische Frage dieser Tage ist, wie man die Politik daran hindern kann, die Zukunft unserer Kinder zu verspielen. Der Gleichschritt, in dem alle österreichischen Parlamentsparteien derzeit finanzpolitisch in Richtung Griechenland marschieren, ist viel bedrohlicher als das Klappern von ein paar Springerstiefeln, wenn Alexander Van der Bellens Lieblingsglatzen über den Karlsplatz taumeln. Nicht, dass viele Bürgerliche weder Heinz Fischer noch Barbara Rosenkranz wählen werden, ist ein moralischer Skandal. Sondern der Zynismus jener, die den Diebstahl an der Zukunft mit ihren angeblichen Idealen von Gerechtigkeit und Solidarität rechtfertigen.

Rückfragen & Kontakt:

chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001