- 09.04.2010, 18:32:55
- /
- OTS0269 OTW0269
Die Presse - Leitartikel: Die Skinheads und die Moral der Geschichte, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 10.04.2010
Wien (OTS) - Nicht, dass man weder Rosenkranz noch Fischer wählt,
ist ein Skandal, sondern der Diebstahl an der Zukunft.
Zwei Wochen noch bis zur Bundespräsidentenwahl. Die Spannung ist
schon fast unerträglich, Parolen und Slogans prallen mit zunehmender
Wucht aneinander vorbei. Die Wahlkämpfer und ihre Helferlein zeigen
erste Anzeichen intellektueller Transpiration. Ein frischer
Geistesschweißfleck fand sich in der Freitags-"Presse": Alexander
Van der Bellen erklärte dort, dass die einzige zulässige Handlung am
25. April darin bestehe, unserem geliebten Herrn Bundespräsidenten
Dr. Heinz Fischer erneut die Stimme zu geben. "Da geht es auch um die
Moral der Geschichte", doziert Professor Van der Bellen, "es ist
nicht wurscht, wie viele Stimmen Fischer und wie viele Rosenkranz
bekommt."
Nein, Herr Professor, es geht nicht um die Moral der Geschichte, die
hat nämlich keine. Es geht um die Frage, ob man der Wahl fernbleiben,
sich für das kleinere Übel entscheiden oder ungültig wählen soll,
weil man keinen der zur Wahl stehenden Kandidaten überzeugend findet.
Ein vollkommen unspektakulärer Vorgang, alle drei Entscheidungen sind
vollkommen legitim, und falls man sich dazu entschließen sollte, das
geringere Übel zu wählen, wird man für Heinz Fischer stimmen.
Alexander Van der Bellen aber ist "ein Glatzkopf mit SS-Runen auf
seiner Jacke, der zu seinen Überzeugungen steht, lieber als solche
pseudobürgerlichen Leute", die sich weigern, so wie er Heinz Fischer
zu wählen. So lange er nicht daran denkt, renitente Schwarze von
Skinheads in die Wahllokale prügeln zu lassen, ist das auch sein
gutes Recht: Wir leben in einem freien Land, jeder darf sich seine
Freunde aussuchen. Und was die Festigkeit in Glaubensdingen angeht,
sind die Grünen den Skinheads ja vielleicht wirklich näher als die
Schwarzen dem Heinz Fischer.
Der Bundespräsident, an dessen Stimmenzahl Alexander Van der Bellen
die Moral der Geschichte misst, weiß um seine welthistorische
Bedeutung. "Unser Handeln braucht Werte", lautet sein
Wahlkampfslogan. Seit Freitag wissen wir auch, um welche Werte es
sich dabei handelt: "Gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und
Chauvinismus". Er versuche, mit diesem seinem "Wertewahlkampf", ein
"Vakuum zu füllen". Das ist total nett von ihm, aber was bedeutet es?
Dass alle anderen für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und
Chauvinismus sind?
Und wer sind diese anderen? Alle Menschen außer Heinz Fischer oder
nur Barbara Rosenkranz, Rudolf Gehring und alle
Nicht-Heinz-Fischer-Wähler, ausgenommen jene Skinheads, die ab sofort
unter dem persönlichen Schutz von Alexander Van der Bellen stehen?
Außerhalb des Vakuums befinden sich die historisch-moralisch
wohlgesinnten Schwarzen. Sie werden angeführt von Othmar Karas, der
jene Art von wahrhaft bürgerliche Artigkeit verkörpert, um die es
Alexander Van der Bellen zu tun ist. Der EU-Abgeordnete stattet dem
Präsidenten wohl seinen Dank dafür ab, dass der damalige
Wissenschaftsminister Fischer Karas' Schwiegervater Kurt Waldheim im
Präsidentschaftswahlkampf 1986 unterstützte. Damals ging es ja auch
schon um die Moral der Geschichte, allerdings waren die Skinheads bei
den Grünen etwas weniger wohlgelitten als heutzutage.
Sollten Sie den Eindruck haben, dass dieser Leitartikel vor etlichen
Zeilen die Grenze zum Absurden überschritten hat, liegen Sie
vollkommen richtig. Das ist das zwingende Ende des Versuchs, diesen
Präsidentschaftswahlkampf und die so genannten Wertedebatte, die alle
drei Kandidaten führen wollen, Ernst zu nehmen.
Die große moralische Frage, auf die Politik heute eine Antwort zu
geben hätte, ist weder, ob Frau Rosenkranz ihren Sohn Wolf oder Kevin
nennt noch, wie oft Herr Gehring den Gottesdienst besucht und schon
gar nicht, was die Grundsätze Heinz Fischers sind (er hält sich
ohnehin an den Ratschlag von Franz Josef Strauß, seine Grundsätze so
hoch zu halten, dass er aufrecht darunter durch gehen kann).
Die einzige relevante moralische Frage dieser Tage ist, wie man die
Politik daran hindern kann, die Zukunft unserer Kinder zu verspielen.
Der Gleichschritt, in dem alle österreichischen Parlamentsparteien
derzeit finanzpolitisch in Richtung Griechenland marschieren, ist
viel bedrohlicher als das Klappern von ein paar Springerstiefeln,
wenn Alexander Van der Bellens Lieblingsglatzen über den Karlsplatz
taumeln. Nicht, dass viele Bürgerliche weder Heinz Fischer noch
Barbara Rosenkranz wählen werden, ist ein moralischer Skandal.
Sondern der Zynismus jener, die den Diebstahl an der Zukunft mit
ihren angeblichen Idealen von Gerechtigkeit und Solidarität
rechtfertigen.
Rückfragehinweis:
[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






