• 28.03.2010, 18:33:42
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Die Presse - Leitartikel: Lasst die Finger von den Familien, von Doris Kraus

Ausgabe vom 29.03.2010

Wien (OTS) - Barbara Rosenkranz sieht sich als Fürsprecherin von
Vater, Mutter, Kind. Das muss wirklich nicht sein.

Die Präsidentschaftskandidatin der FPÖ, Barbara Rosenkranz, hat ein
Wahlkampfversprechen abgegeben: Sie will sich der Familien annehmen
und macht sogar konkrete Angebote, die gar nicht so unvernünftig
klingen (was ja auch von einer zehnfachen Mutter nicht zu erwarten
war): Streichung der Zuverdienstgrenze beim Kindergeld, Anpassung der
Karenzzeiten an die längste Kindergeldvariante oder den Ausbau der
Kinderbetreuung vor allem im Anschluss an den Kindergarten.
Bisschen teuer sind die Ideen vielleicht. Und möglicherweise auch
nicht ganz logisch, denn die FPÖ war doch von der Idee der
Ganztagsschule noch vor Kurzem nicht so begeistert. Dennoch
Kinderbetreuung in der Schule ausbauen? Aber sei's drum. Sich bei
Wahlkampfversprechen an Details wie Kosten, Durchführbarkeit oder
Konsistenz festzubeißen, ist ohnedies vergebliche Liebesmüh. Egal,
bei welcher Partei.
Das eigentliche Problem ist ein anderes. Und Barbara Rosenkranz gibt
das auch zu: Es gehe ihr um "die Familie als Grundwert unserer
Gesellschaft", sagt sie. Doch dieser "Grundwert" sollte einer Partei
vom ideologischen Zuschnitt der FPÖ nicht kampflos überlassen werden.
Weil sie auch auf diesem Gebiet für Enge, für Kleinlichkeit, für
Intoleranz stehen wird. Und nicht für das bunte, chaotische und
inspirierende Mischmasch, als das viele Familien heutzutage ihren
Alltag erleben.

Sie zweifeln? Dann lauschen Sie doch FP-Kultursprecherin Heidemarie
Unterreiner im O-Ton einer APA-Meldung: "Barbara Rosenkranz ist ein
Garant dafür, dass unsere Traditionen, unsere Sitten, unsere Werte,
unsere Gebräuche, dass unsere Lieder, unsere Gebete, die Werke
unserer Künstler, unserer Dichter, unserer Philosophen und unserer
Musiker gewahrt bleiben und unzerstört an spätere Generationen
weitergegeben werden können." Weltoffenheit, Sinn für Wandel und die
Bereitschaft, neue gesellschaftliche Entwicklungen anzunehmen,
klingen anders.
Es wird bereits seit viel zu langer Zeit sang- und klanglos
akzeptiert, dass sich das konservative (und ganz besonders gern das
erzkonservative) Lager zum Retter des "Wertes Familie" aufschwingt.
Diese Entwicklung hat in einigen Ländern wie den USA die hässlichsten
Blüten getragen. Aber viel wichtiger: Sie hat den Begriff "Familie"
in ein ideologisches Eck gerückt, aus dem er nur mehr sehr schwer
herauszubringen ist. Wer sich heute selbstbewusst zur "Familie" als
Wert bekennen will, muss damit rechnen, dass ihm oder ihr das auch
gleich als politischer Offenbarungseid ausgelegt werden könnte. Also
wäre es höchst an der Zeit, diesen Begriff, der immerhin das
Lebenszentrum von Millionen Menschen beschreibt, auszuschütteln,
abzuputzen und wieder allen zurückzugeben.
Und wenn man schon mal dabei ist, dann kann man sich auch gleich
überlegen, welchen Begriff man hier eigentlich zum Durchlüften an die
frische Luft hängt. Denn das Idealbild der Familie, wie sie
wahrscheinlich der FPÖ vorschwebt - Vater und Mutter verheiratet,
viele Kinder, Mutter daheim -, gibt es schon noch. Aber immer
weniger. Und recht verbreitet ist es ausgerechnet in jener
Wählergruppe, die der FPÖ bei allem Zwang zum Stimmenfang doch noch
irgendwo suspekt bleibt: Österreicher mit Migrationshintergrund, die
auch bei der Partnersuche innerhalb ihrer ethnischen Gemeinde
bleiben.

Das weitergefasste Familienbild aber wandelt sich atemberaubend
schnell. Zu schnell, um es einer Partei mit Rückwärtstendenzen zu
überlassen. Die Zahl der traditionellen Familien schrumpft immer
mehr, viele Paare mit Kindern sind nicht mehr verheiratet, die Zahl
der Alleinerzieherinnen nimmt aufgrund der hohen Scheidungsrate
ebenso zu wie die Zahl der Patchworkfamilien. Frauen bekommen im
Durchschnitt immer weniger Kinder, viele gar keine, andere dafür umso
mehr. Adoptionen nehmen zu, die Diskussionen um die Stellung
gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in dieser Frage ist vorerst
beigelegt, soweit das der derzeitige gesellschaftliche Konsens
zuließ. Sie ist aber mit Sicherheit nicht beendet.
Diesem Regenbogencharakter der modernen Familie sollte Rechnung
getragen werden. Der Begriff "Familie" muss endlich ein
positiv-inklusiver werden. Noch immer geht die Tendenz nämlich leider
dahin, ihn exklusiv zu benutzen, um Wertungen vorzunehmen und ein
Lebensmodell gegen ein anderes auszuspielen. Und deshalb sollte
endlich Schluss sein damit, dass an jedem finanziellen Zuckerl in der
Familienpolitik ein ideologisches Preisschild hängt. Manchmal sieht
man es gleich, manchmal ist es gut versteckt.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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