- 19.03.2010, 10:20:03
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Jeder zweite Arzt in Österreich ist burnout-gefährdet
Schuld daran sind überbordende Bürokratie, Arbeitsdruck und ineffiziente Schnittstellen - Auch junge Ärztinnen und Ärzte bereits betroffen
Wien (OTS) - Aktuelle Studien belegen, dass zumindest 20 Prozent
der Ärztinnen und Ärzte in Österreich manifeste Burnout-Symptome
zeigen, 50 Prozent gelten als gefährdet. Um Übermüdung, Erschöpfung
und Frustration rechtzeitig vorzubeugen, fordert die Ärztekammer nun
die Begrenzung der Arbeitszeiten "auf ein zumutbares Maß" durch
genaue Überprüfung der Arbeitssituation, die Einhaltung der maximal
zulässigen Arbeitszeiten im Spitalsbereich sowie die Möglichkeit vor
allem für ältere Kolleginnen und Kollegen, die Anzahl der
Nachtdienste zu begrenzen. ****
Für den Präsidenten der Ärztekammer, Walter Dorner, stellt sich
die Situation dramatisch dar: "Wir wissen, dass die Frühmorbidität,
die Frühmortalität sowie die Suizidrate bei Ärztinnen und Ärzten
wesentlich höher sind als in der Allgemeinbevölkerung." In kürzlich
erfolgten Umfragen meinte bis zu einem Drittel der Befragten, den
Arztberuf rückblickend nicht mehr ergreifen zu wollen. Und mehr als
die Hälfte gab an, am Ende des Tages "völlig erledigt" zu sein.
Dorner: "Was mich besonders erschreckt ist der Umstand, dass
Entmutigungserscheinungen sich häufig schon bei jungen Kolleginnen
und Kollegen finden." Mit der steigenden Burnout-Gefährdung aber
sinke auch die Qualität der ärztlichen Leistung: "Schlechtere
Kommunikation mit den Patienten, erhöhte Fehleranfälligkeit und
verminderte Effizienz sind nur besonders augenscheinliche Beispiele,
die Folgen von Übermüdung, Erschöpfung und Frustration sein können."
Zwang zur Fließbandmedizin
Ähnlich argumentiert auch der Wiener Neurologe und systemische
Coach Wolfgang Lalouschek, der in der konkreten Arbeitssituation von
Ärztinnen und Ärzten die Hauptgründe für die hohe Burnout-Gefährdung
sieht:
"Ärztinnen und Ärzte arbeiten ständig in einer Situation, die mit dem
englischen Ausdruck 'High demand/low influence', also hohe
Anforderungen bei gleichzeitig subjektiv erlebtem geringen Einfluss
auf die Bedingungen, zu bezeichnen sind." Dazu komme der tägliche
Umgang mit Krankheit, Leiden, Tod und Ängsten.
"Lebensbeeinflussende Entscheidungen, die oft auf Basis
widersprüchlicher Befunde gefällt werden müssen, Nachtdienste und
Notsituationen, in denen Entscheidungen einsam getroffen werden sowie
das in den letzten Jahren immer wichtiger werdende dauernde
Berufsrisiko und Klagsmöglichkeiten schweben wie ein Damoklesschwert
über vielen Ärztinnen und Ärzten", betonte der Experte. Dazu kommen
die für Ärztinnen und Ärzte oft nicht wirklich nachvollziehbaren
Vorgaben des Systems. Lalouschek: "Wichtige gesundheitspolitische
Entscheidungen werden oft aus anderen als fachlich-medizinischen
Gründen getroffen." Und schließlich stelle sich - entgegen dem
Klischee der "reichen Ärzte" - auch für viele Kolleginnen und
Kollegen die Frage, inwieweit Verantwortung und Leistung in einem
vertretbaren Verhältnis zur Entlohnung stünden.
Dabei seien die Anforderungen für Spitalsärzte sowie
niedergelassene Ärztinnen und Ärzte trotz des unterschiedlichen
Arbeitsumfelds sehr ähnlich. "Beide Sparten gemeinsam sind die Last
des ständigen Umgangs mit zunehmend fordernden Patienten, der Zwang
zur Fließbandmedizin, die hohe Verantwortung sowie die oft
ausufernden Arbeitszeiten", so Lalouschek. Im Spitalsbereich kämen
dann noch die Nachtdienste sowie mögliche Konfliktsituationen bis hin
zum Mobbing vor.
Im niedergelassenen Bereich wiederum gebe es die Gefahr der
Vereinsamung sowie die oft schwer lösbare Balance zwischen
wirtschaftlichem Überleben und der ebenso dringend nötigen Erholung.
Maßnahmen gefordert
Beide, Dorner und Lalouschek, sind sich einig, dass eine
effiziente Vorbeugung von Überlastungserscheinungen bis hin zum
Burnout nur unter gemeinsamer Anstrengung aller Beteiligten erzielt
werden könne. Dazu zählten auch die Entscheidungsträger in den
Krankenhäusern, bei den Krankenhausträgern sowie bei den
Krankenkassen und in der Gesundheitspolitik.
Lalouschek: "Viele Verbesserungen ließen sich schon erreichen,
wenn den Teams und Abteilungen die Möglichkeit gegeben wird, gezielt
und strukturiert an Verbesserungen im eigenen Einflussbereich zu
arbeiten. Dies sind oft Themen der berufsgruppen-übergreifenden
Zusammenarbeit, Schnittstellenprobleme, Kommunikation und latente
Konflikte bis hin zum Mobbing." Unter diesen Zuständen litten oft
alle Beteiligten, was zu Frustration bei den Mitarbeitern und zu
ineffizienten Abläufen mit erhöhtem Verbrauch von personellen und
materiellen Ressourcen führe.
Ohne strukturierte Begleitung sei eine Verbesserung für die
Beteiligten oft gar nicht möglich. Die in der Wirtschaft gängigen und
bewährten Methoden, wie Team-Coaching und begleitende Beratung,
steckten im Gesundheitssystem aber noch in den Kinderschuhen.
"Mit dem, auch von der Ärztekammer unterstützten, wienweiten
Projekt 'Burnout-Prävention auf Intensivstationen' konnte die
Effektivität dieses Ansatzes jedenfalls eindrucksvoll belegt werden",
so Lalouschek. Dies äußere sich in einer messbaren Abnahme der
Burnout-Gefährdung, in der Verbesserung der Zusammenarbeit von
Ärztinnen und Ärzten mit den Pflegekräften sowie in Verbesserungen
von Effizienz und Führungsverhalten.
Abgesehen von der Begrenzung der Arbeitszeiten fordert die
Ärztekammer weiters die Reduktion nicht ärztlicher Tätigkeiten sowohl
im Spitals- als auch im niedergelassenen Bereich. Laut
Ärztekammerpräsident Dorner beeinträchtige die überbordende
Bürokratie nicht nur die Verfügbarkeit für die eigentliche ärztliche
Tätigkeit, sondern führe auch zu Frustration und unnötigem
Ressourcenverbrauch hoch qualifizierter Ärztinnen und Ärzte. Die
Leidtragenden der genannten Probleme in diesem Bereich sei zwar
vorerst "nur" die Ärzteschaft, in weiterer Folge aber auch der
Patient, der mit frustrierten und ausgelaugten Ärztinnen und Ärzten
konfrontiert sei, "was zwangsläufig auch in eine Qualitätsdebatte
führen wird", so Dorner abschließend. (hpp)
Rückfragehinweis:
Ärztekammer für Wien - Pressestelle
Dr. Hans-Peter Petutschnig
Tel.: (++43-1) 51501/1223, 0664/1014222, F:51501/1289
mailto:[email protected]
http://www.aekwien.at
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