DER STANDARD - Kommentar: "Es fehlen die Kandidaten" von Michael Völker

Grüne und ÖVP haben mit Rosenkranz ein Problem: Sie haben kein Gegenangebot - Ausgabe vom 6./7. März 2010

Wien (OTS) - Da werden sich ein paar Leute grün und schwarz ärgern - vielleicht auch jene Strategen bei den Grünen und der ÖVP, die leichtfertig darauf verzichtet hatten, eigene Kandidaten für die Präsidentschaftswahl Ende April aufzustellen. Die Grünen - sie haben Barbara Rosenkranz nichts entgegenzusetzen. Ebenso wenig wie die Volkspartei.
Schlau ist das nicht.
Grünen-Chefin Eva Glawischnig hat sich bis dato nicht zur Kandidatur von Rosenkranz geäußert. Vielleicht ist ihr das Thema nicht wichtig genug. Eine Fehleinschätzung: Es ist wichtig. Hier dagegenzuhalten ist mehr als eine gutmenschliche Fleißaufgabe - erst recht für die Klientel der Grünen. Und es ist auch eine Frage der Hygiene.
Zum Wochenende hin rückte immerhin Vorgänger Alexander Van der Bellen aus, um eine klare Empfehlung gegen Frau Rosenkranz und für Heinz Fischer abzugeben. Eine Privatinitiative, wie er betont. Dabei brodelt es bei den Grünen vor Empörung. Das Engagement gegen Rechtsaußen ist dort ein ganz wesentliches Thema, ein Identifikationsfaktor für die überwiegende Zahl der Sympathisanten. Viele Wähler und Funktionäre sind wegen ihres Engagements gegen rechts überhaupt erst bei den Grünen gelandet.
Und jetzt? Wo es wirklich um etwas geht, wo es einen Grund gibt, sich zu Wort zu melden und ein Zeichen zu setzen? Werden sie an Heinz Fischer verwiesen.
Das ist unbefriedigend.
Vor allem, weil die Grünen sonst ja auch nicht viel mitzureden haben, sondern in der Oppositionrolle ständig an der Wahrnehmungsschwelle entlangschrammen.
Bei der ÖVP ist es ähnlich und doch anders gelagert. Viele Funktionäre und Sympathisanten hätten gerne einen eigenen Kandidaten gehabt, den sie leichten Herzens wählen hätten können - auch wenn er letztendlich unterlegen wäre. Manche können wohl auch mit Heinz Fischer, viele aber nicht, weil ihnen der einfach zu rot ist.
Dass Rosenkranz ein Angebot an die bürgerlichen Wähler sein soll, wie FP-Chef Heinz-Christian Strache das behauptet und wie es von Krone-Chef Hans Dichand transportiert wird, ist eine Verhöhnung dieses bürgerlichen Lagers. Frau Rosenkranz ist keine Bürgerliche. Wer sich nicht klar vom Nationalsozialismus abgrenzt, wer es nicht über die Lippen bringt, dass es unter den Nazis Gaskammern gab, ist nicht bürgerlich - und für Bürgerliche auch nicht wählbar. Das haben etliche Proponenten der ÖVP bereits festgestellt _ - im Übrigen aber nicht Parteichef Josef Pröll.
Für die Sozialdemokraten ist das eine kommode Situation. Sie haben ein Angebot - und nicht das Schlechteste, sie haben sich klar positioniert, und um die Mobilisierung brauchen sie sich keine Sorgen mehr zu machen.
Und vielleicht hat auch noch Hans Dichand ein Einsehen, dass mit dem Ewiggestrigen kein Staat und keine Zeitung zu machen sind. Selbst wenn die mancherorts prognostizierten 30 Prozent für Rosenkranz unwahrscheinlich sind: Auch ein Ergebnis um 15 oder nur zehn Prozent wäre fatal, wenn man daraus ableiten kann, dass dieser Prozentsatz über das Kokettieren mit nationalsozialistischem Gedankengut hinwegsieht oder es gutheißt. Das wäre für Österreich extrem schmerzhaft - im Eingeständnis nach innen wie auch im Bild nach außen.

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