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"Die Presse"-LEITARTIKEL: Punktesammeln statt Diskurs, von Martina Salomon
Ausgabe vom 05.03.2010
Wien (OTS) - Die heimlichen Hürden des angeblich freien
Uni-Zugangs: Knock-out-Prüfungen und Studieren nach Schema F.
Zurzeit haben Nostalgiker Hochkonjunktur: Was haben wir in unserer
Studentenzeit doch diskutiert, demonstriert, politische Manifeste
geschrieben - und, ja, auch rauschende Partys gefeiert! Man konnte
noch nach links und nach rechts schauen, und der Bildungsbegriff war
weit gefasst; Humboldt, schau oba. Das sagen Achtundsechziger,
genauso wie die Studenten der Siebziger- und Achtzigerjahre. Manche
von ihnen hielten daher begeistert in dem vor Weihnachten besetzten
Audimax Vorlesungen über effizientes Protestieren.
Ist 2010 alles schlechter? Nein, manches ist sogar besser - zumindest
theoretisch. Zum Beispiel ist es (auch dank EU) selbstverständlicher
geworden, ein Auslandssemester einzulegen. Die Lehrpläne lassen es
nicht mehr zu, dass man zehn Semester über Antifaschismus diskutiert,
aber sonst nicht viel mitkriegt. Es mag weniger Professoren geben,
die mit ihren Studenten auf ein Bier gehen, dafür auch weniger, die
sich schlampig bis gar nicht darum kümmern, dass diese auch
irgendwann ihr Studium beenden. (In der kurzen Ära der
Studiengebühren stieg diesbezüglich übrigens der Druck auf die
Lehrenden.)
Die Studenten der Vor-Bologna-Ära hatten viel Freiheit - für manche
sogar zu viel. Wer nicht genügend Selbstorganisation aufbrachte,
scheiterte - was aber nicht besonders schlimm war, denn
Studienabbrecher fanden ja trotzdem einen Job, der eine Karriere
nicht ausschloss. Heute ist das deutlich schwieriger.
Österreich hat sich mittlerweile Ziele gesetzt, die per se nicht
schlecht sind: höhere Akademikerquote, effizienteres Studieren,
internationale Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse. Manches aber
blieb mehr als dreißig Jahre lang eine Baustelle: Der offene
Hochschulzugang ist ein Mythos, weil man die Studienplätze nie
ausfinanziert hat. Es gibt heimliche Hürden, die mitunter deutlich
härter sind als klar ausgeschilderte: "König" unter den Studenten ist
der, der den längeren Atem hat - ein Problem, das sich durch die
deutschen Numerus-clausus-Flüchtlinge verschärft hat. Überlaufene
Unis wehren sich mit "Eingangsphasen", was oft bedeutet, dass das
Langweiligste und Abschreckendste des Studiums an den Beginn gestellt
wird. Oder es gibt Knock-out-Prüfungen, schlimmstenfalls im
Multiple-Choice-Verfahren. Aber ist es gerecht, wenn man wegen eines
einzigen fehlenden Punktes oder einer fehlgeschlagenen
Seminaranmeldung in der teils völlig chaotisch organisierten
Online-Registrierung ein Jahr verliert? Wird man eine gute
Medizinerin, nur weil man beim Aufnahmetest rasend schnell schwierige
mathematische Aufgaben lösen kann? Keiner weiß es.
Und dennoch wird es ohne (vernünftige!) Aufnahmeverfahren in
Massenstudien wie Publizistik - bei denen die endlose Ausweitung der
Studienplätze, wie es die ÖH fordert, nicht sinnvoll ist - nicht
gehen. Die hat Ministerin Beatrix Karl bereits angekündigt. Die
reflexhafte Ablehnung der Studentenvertretung folgte prompt. Aber ist
es vernünftiger, alle mehr schlecht als recht studieren zu lassen -
oder nur einen Teil, der dafür vernünftige Bedingungen hat? Wohl eher
Letzteres. Fächer mit Aufnahmebeschränkungen haben übrigens drastisch
niedrigere Drop-out-Quoten, siehe Medizin.
Vor dem Hintergrund all dieser Probleme war es kein Wunder, dass die
Angleichung der heimischen Studien an das Bachelor-Master-System das
Fass zum Überlaufen brachte. Jetzt ist Studieren nach Schema F
angesagt, sagen die Kritiker, und sie haben nicht unrecht. Eigentlich
hätte eine einheitliche Studienarchitektur den unschätzbaren Vorteil,
dass Studien europaweit angerechnet werden. Aber aus Angst um ihre
Fächer haben heimische Lehrende so viel Stoff in das neue Studium
hineingestopft, dass nun der Punktesammelwahn bei den Studenten
ausgebrochen ist. An manchen Instituten rechnet sogar der Computer
aus, welche Veranstaltungen noch zu absolvieren sind. Vorlesungen aus
reinem Interesse besuchen? Diesen Luxus kann und will sich kein Hörer
mehr leisten. Paradoxerweise hemmt das sogar die Lust auf ein
Auslandssemester, obwohl doch gerade das Gegenteil beabsichtigt war.
Es ist das Verdienst der Uni-Besetzer, solche Probleme aufgezeigt zu
haben. Aber ab jetzt muss eine konstruktivere Diskussion als bisher
erfolgen. War es beim gestrigen ersten Treffen notwendig, die neue
Ministerin gleich mit Buhrufen zu empfangen? Gemeinsames Ziel ist
doch: Die künftigen Uni-Absolventen sollen sich irgendwann einmal
nicht nur ans Durchbeißen mit aufgesetzten Scheuklappen erinnern.
Rückfragehinweis:
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