Peter Noever zum Ableben von Bruno Gironcoli

Offener Brief

Wien (OTS) - Bruno Gironcoli war ein Ausnahmekünstler mit internationalem Profil. In keiner Weise ist er einer Richtung oder einer Bewegung gefolgt. Selbstständig und autonom zu arbeiten, das behaupten viele Künstler von sich, doch die wenigsten erreichen eine solch kompromisslose Eigenständigkeit, wie sie Bruno Gironcoli gelang.
Eigenständigkeit, etwas, wozu sich jeder Mensch verpflichtet sehen könnte, scheint ja mittlerweile alleinige Aufgabe von Künstlern geworden zu sein. Bruno Gironcoli hörte nie auf, diesen Autonomieverlust zu thematisieren.

Seine aus verfremdeten Fragmenten bestehenden Skulpturen wirken irritierend. Gegenständliche Formen durchdringen einander und verweisen zitathaft auf eine externe Wirklichkeit. Die Beziehungen zu real existierenden Objekten sind bloß assoziativ und können nicht klar zugeordnet, kategorisiert oder gar distanziert gelesen werden, der Betrachter verliert seine autonome Rolle im Sinne einer subjektiven Objektzuordnung und wird Teil einer Mise en scène, die nicht auf ihn ausgerichtet ist.

Ausgerechnet ein Künstler wie Bruno Gironcoli, der nicht vermeintlich "zeitgemäßen" Strömungen folgte, widmete seine Tätigkeiten jenen Themen, die gegenwartsrelevant sind. Bedauernswert, dass einer wie er eine Ausnahme unter den zeitgenössischen Persönlichkeiten darstellte.

Bruno Gironcoli hat in seinen Skulpturen Situationen geschaffen, in denen man der Gegenwärtigkeit von Bedrohung nicht entrinnen, Verfremdung nicht verdrängen kann; im Gegenteil: Durch seine Orientierung an der symbolhaften und formalen Existenz der Dinge ist die Auseinandersetzung mit der Perversion und Fremdheit unserer Wirklichkeit unausweichlich. Dem Künstler ist es gelungen, mit einem vollkommen eigenständigen Formenvokabular Situationen zu schaffen, in denen die Gefahr durch Realitätskonstruktionen konkret wird.

Es ist symptomatisch für eine Gesellschaft, wie gering sie die Verdienste eines Menschen geschätzt hat, der mit einem hochpräzisen Sinn für die Gegenwart künstlerische Situationen geschaffen hat, die diese reflektieren. Es ist symptomatisch, wie wir der Autonomie solch einer künstlerischen Existenz begegnen.

Es ist symptomatisch, dass eine Kunstinstitution wie das MAK, das nicht zuletzt durch zwei Personalen, "Die Ungeborenen" (1997), "Lady Madonna" (1999), in einer außergewöhnlich intensiven Beziehung zu dem Künstler stand und eigentlich die Verpflichtung hätte, einen repräsentativen Querschnitt seines Werks zu sammeln, selbst an dem Ankauf einer einzigen Arbeit scheitern muss und gezwungen ist, Bruno Gironcoli etwas schuldig zu bleiben. Seit über einem Jahr hat das MAK gemeinsam mit der MARS (MAK ART SOCIETY) versucht die Skulptur "Kinderwagen und Taschenlampen" (2001/2002) von Gironcoli um Euro 100.000,- anzukaufen. Es gibt bis jetzt keine finanzielle Ausstattung dafür. Jetzt ist der Künstler tot.

Es ist symptomatisch, wenn selbst jene Institutionen, deren Aufgabe es ist, Menschen wie Bruno Gironcoli die ihnen gebührende Anerkennung zukommen zu lassen, nichts weiter zu bieten haben als vertröstende Worte, die diese nicht mehr hören können.

Bruno Gironcoli hat in einer Selbstverständlichkeit die Gegenwart herausgefordert. Seine Skulpturen haben Konstruktionen nicht nur in Frage gestellt, sondern oftmals gesprengt. So habe ich selbst bei der Ausstellung "Land in Sicht" 1989 miterlebt, wie die massive Steinfassade der Kunsthalle Mücsarnok Budapest Gironcolis Skulptur Platz machen musste. Seine Kunst forderte diese Kompromisslosigkeit ein.

Bruno Gironcoli war kompromisslos in den Forderungen für seine Skulpturen, und wir haben ihm nichts anderes anzubieten als einen schlechten Kompromiss. Ein Ehrengrab, das ihm vergönnt sei, aber dafür keine Vertretung in einem Bundesmuseum. Es ist ein Kompromiss im Zeichen der Verweigerung der Gegenwart, die bedeutet, Künstler zu ignorieren, solange sie am Leben sind.

Das ist symptomatisch.
Aber es ist nicht nur symptomatisch, sondern dramatisch, dass wir der Verpflichtung, Künstler durch Ankäufe zu fördern, nicht nachkommen können, weil unser kulturelles System daran festhält, in realitätsferne, zum Untergang bestimmte Konstrukte zu investieren, statt jene Persönlichkeiten, die deren Gefährlichkeit aufzeigen, gebührend und zu Lebzeiten zu respektieren.

Peter Noever

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