• 23.02.2010, 16:21:15
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Peter Noever zum Ableben von Bruno Gironcoli

Offener Brief

Wien (OTS) - Bruno Gironcoli war ein Ausnahmekünstler mit
internationalem Profil. In keiner Weise ist er einer Richtung oder
einer Bewegung gefolgt. Selbstständig und autonom zu arbeiten, das
behaupten viele Künstler von sich, doch die wenigsten erreichen eine
solch kompromisslose Eigenständigkeit, wie sie Bruno Gironcoli
gelang.
Eigenständigkeit, etwas, wozu sich jeder Mensch verpflichtet sehen
könnte, scheint ja mittlerweile alleinige Aufgabe von Künstlern
geworden zu sein. Bruno Gironcoli hörte nie auf, diesen
Autonomieverlust zu thematisieren.

Seine aus verfremdeten Fragmenten bestehenden Skulpturen wirken
irritierend. Gegenständliche Formen durchdringen einander und
verweisen zitathaft auf eine externe Wirklichkeit. Die Beziehungen zu
real existierenden Objekten sind bloß assoziativ und können nicht
klar zugeordnet, kategorisiert oder gar distanziert gelesen werden,
der Betrachter verliert seine autonome Rolle im Sinne einer
subjektiven Objektzuordnung und wird Teil einer Mise en scène, die
nicht auf ihn ausgerichtet ist.

Ausgerechnet ein Künstler wie Bruno Gironcoli, der nicht
vermeintlich "zeitgemäßen" Strömungen folgte, widmete seine
Tätigkeiten jenen Themen, die gegenwartsrelevant sind. Bedauernswert,
dass einer wie er eine Ausnahme unter den zeitgenössischen
Persönlichkeiten darstellte.

Bruno Gironcoli hat in seinen Skulpturen Situationen geschaffen,
in denen man der Gegenwärtigkeit von Bedrohung nicht entrinnen,
Verfremdung nicht verdrängen kann; im Gegenteil: Durch seine
Orientierung an der symbolhaften und formalen Existenz der Dinge ist
die Auseinandersetzung mit der Perversion und Fremdheit unserer
Wirklichkeit unausweichlich. Dem Künstler ist es gelungen, mit einem
vollkommen eigenständigen Formenvokabular Situationen zu schaffen, in
denen die Gefahr durch Realitätskonstruktionen konkret wird.

Es ist symptomatisch für eine Gesellschaft, wie gering sie die
Verdienste eines Menschen geschätzt hat, der mit einem hochpräzisen
Sinn für die Gegenwart künstlerische Situationen geschaffen hat, die
diese reflektieren. Es ist symptomatisch, wie wir der Autonomie solch
einer künstlerischen Existenz begegnen.

Es ist symptomatisch, dass eine Kunstinstitution wie das MAK, das
nicht zuletzt durch zwei Personalen, "Die Ungeborenen" (1997), "Lady
Madonna" (1999), in einer außergewöhnlich intensiven Beziehung zu dem
Künstler stand und eigentlich die Verpflichtung hätte, einen
repräsentativen Querschnitt seines Werks zu sammeln, selbst an dem
Ankauf einer einzigen Arbeit scheitern muss und gezwungen ist, Bruno
Gironcoli etwas schuldig zu bleiben. Seit über einem Jahr hat das MAK
gemeinsam mit der MARS (MAK ART SOCIETY) versucht die Skulptur
"Kinderwagen und Taschenlampen" (2001/2002) von Gironcoli um Euro
100.000,- anzukaufen. Es gibt bis jetzt keine finanzielle Ausstattung
dafür. Jetzt ist der Künstler tot.

Es ist symptomatisch, wenn selbst jene Institutionen, deren
Aufgabe es ist, Menschen wie Bruno Gironcoli die ihnen gebührende
Anerkennung zukommen zu lassen, nichts weiter zu bieten haben als
vertröstende Worte, die diese nicht mehr hören können.

Bruno Gironcoli hat in einer Selbstverständlichkeit die Gegenwart
herausgefordert. Seine Skulpturen haben Konstruktionen nicht nur in
Frage gestellt, sondern oftmals gesprengt. So habe ich selbst bei der
Ausstellung "Land in Sicht" 1989 miterlebt, wie die massive
Steinfassade der Kunsthalle Mücsarnok Budapest Gironcolis Skulptur
Platz machen musste. Seine Kunst forderte diese Kompromisslosigkeit
ein.

Bruno Gironcoli war kompromisslos in den Forderungen für seine
Skulpturen, und wir haben ihm nichts anderes anzubieten als einen
schlechten Kompromiss. Ein Ehrengrab, das ihm vergönnt sei, aber
dafür keine Vertretung in einem Bundesmuseum. Es ist ein Kompromiss
im Zeichen der Verweigerung der Gegenwart, die bedeutet, Künstler zu
ignorieren, solange sie am Leben sind.

Das ist symptomatisch.
Aber es ist nicht nur symptomatisch, sondern dramatisch, dass wir der
Verpflichtung, Künstler durch Ankäufe zu fördern, nicht nachkommen
können, weil unser kulturelles System daran festhält, in
realitätsferne, zum Untergang bestimmte Konstrukte zu investieren,
statt jene Persönlichkeiten, die deren Gefährlichkeit aufzeigen,
gebührend und zu Lebzeiten zu respektieren.

Peter Noever

Rückfragehinweis:
Presse MAK
Monika Meryn
Tel.: T: (++43-1)711 36-229, F: (++43-1)711 36-227
mailto:[email protected]
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