Armutskonferenz: Die soziale Schere bringt mehr Gewalt, mehr Stress, weniger Leben und weniger Vertrauen

Sozialwissenschafter Richard Wilkinson: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind

Wien (OTS) - "Noch mehr soziale Ungleichheit heißt noch mehr Krankheiten und noch geringere Lebenserwartung, mehr Teenager-Schwangerschaften, mehr Status-Stress, weniger Vertrauen, mehr Gewalt und mehr soziale Ghettos", so der renommierte Epidemiologe Richard Wilkinson, Professor an der Universität von Nottingham und des University College London, auf seinem Referat auf der achte österreichischen Armutskonferenz. "Eine sozial polarisierte Gesellschaft bringt Nachteile nicht nur für die Ärmsten, sondern auch für die Mitte. Es stehen nicht nur die unterprivilegierten Mitglieder schlechter da, sondern auch die Wohlhabenderen", führte Wilkinson aus. Die soziale Schere schadet und zwar fast allen.

Im internationalen Vergleich schneiden die skandinavische Länder sehr gut ab, Großbritannien, Portugal und USA sind abgeschlagen am Schluss, Österreich ist vorne dabei aber nicht top.

Gesellschaften mit größeren Ungleichheiten in Einkommen, Arbeit und Wohnen weisen einen schlechteren gesundheitlichen Gesamtzustand auf als solche mit ausgewogener Verteilung von Einkommen und Lebenschancen. Sobald ein bestimmter Grad an Wohlstand erreicht ist, dürfte die relative Höhe des Einkommens ausschlaggebend für die gesundheitliche Situation sein" erklärte der Wissenschafter. "In den ärmeren Teilen der Erde ist mit höherer Wirtschaftsleistung pro Kopf eine höhere Lebenserwartung verbunden. In den reichen Ländern ist ein derartiger Zusammenhang nicht mehr nachweisbar".

Wilkinson: "Es konnte aber ein erstaunlich hoher Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und dem Anteil am Volkseinkommen, welchen die ärmeren Haushalte beziehen, nachgewiesen werden. Die Ausgewogenheit von Einkommensverhältnissen und Statusunterschieden wurde als jener Faktor identifiziert, der am stärksten die höhere Erkrankung Ärmerer erklärt. Der Anstieg der Lebenserwartung in einem Zeitraum fiel umso größer aus, je größer der relative Zuwachs an Einkommen der ärmeren Haushalte war. Nicht wie reich wir insgesamt sind, ist hier die Frage, sondern wie die Unterschiede zwischen uns sind. Unter den modernen Industriegesellschaften sind nicht die reichsten Gesellschaften die gesündesten, sondern diejenigen mit den geringsten Unterschieden zwischen Arm und Reich", so Professor Wilkinson. Die Verschärfung sozialer Unterschiede hat also konkrete lebensweltliche Auswirkungen.

"Gesellschaften mit größerer Ungleichheit unterscheiden sich von denen mit weniger Ungleichheit auch in anderen Aspekten. Wir haben herausgefunden, dass besonders das Vertrauensniveau geringer ausfällt", zitiert Richard Wilkinson aktuelle Studien. Menschen sind weniger dazu bereit, anderen zu vertrauen. und es gibt weniger Beteiligung an der Gemeinschaft. Es liegt etwas im Argen mit den sozialen Beziehungen in sozial polarisierten Gesellschaften.

Wilkinson wies auf die große Bedeutung von Freundschaften, dem sozialen Status selbst und der frühkindlichen Entwicklung hin. Lerne ich den Geschmack vom zukünftigen Leben als Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Gewalt? Oder habe ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, Vertrauen und Empathie gemacht? Werde ich schlecht gemacht, beschämt oder geschätzt und erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit, Angst und Stress geprägt, oder von Vertrauen und Planbarkeit?

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