• 20.02.2010, 18:10:50
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"Die Presse am Sonntag" - Leitartikel: Die Ikone Johanna Dohnal, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 21.02.2010

Wien (OTS) - Wie immer man zu ihr stand, ihr Anliegen bleibt ein
Auftrag: das Ende der Abhängigkeit der Frauen von den Männern unter
den Bedingungen und Nachwirkungen des politischen Katholizismus

Johanna Dohnal war, ist und bleibt auch nach ihrem Tod eine der
Ikonen der Zweiten Republik. Das beinahe ironische Wesen von Ikonen
besteht ja darin, dass sie den Gläubigen gerade aufgrund der
allgemeinen Bekanntheit ihres bildlichen Programms eine besonders
subjektive spirituelle Erfahrung ermöglichen. Aus Ikonen muss man
nichts herauslesen, aber man kann alles in sie hineinlegen.
Johanna Dohnals Wirken reichte schon während ihrer Amtszeit als
Staatssekretärin und später als Ministerin für sogenannte
Frauenangelegenheiten nahe an den Ikonenstatus heran. Ihr von Franz
Vranitzky erzwungener Abgang aus der Politik 1995 war dann so etwas
wie eine Vernissage: Die vollkommen deplatzierte Helga Konrad
lieferte als Nachfolgerin den Firnis auf dem von da an
unveränderlichen Bild dessen, was man in Österreich unter
"Frauenpolitik" zu verstehen hatte und hat.
Seither tun die Mitglieder der immer kleiner werdenden Gemeinde der
Politikgläubigen das, was man eben mit Ikonen tut: Sie legen ihre
ganz persönlichen Anliegen in das allgemein bekannte Bild hinein.
All jene, die aus guten Gründen den Eindruck haben, dass es in
Österreich mit der Gleichberechtigung der Frauen nicht sehr weit her
ist, seufzen: "Wenn wir noch die Dohnal hätten." Und vergessen einen
der großen, nie korrigierten Irrtümer der Johanna Dohnal: das seit 1.
Jänner 1993 geltende, wegen seiner offensichtlichen
Verfassungswidrigkeit von der Großen Koalition als Verfassungsgesetz
beschlossene unterschiedliche Pensionsalter von Männern und Frauen.
Es gilt bis 2018, von 2019 bis 2033 soll die schrittweise Angleichung
stattfinden.
All jenen, die mit Frauenrechten nicht wirklich etwas anfangen können
(die Mehrheit dieser großen Gruppe bezeichnet sich frecherweise als
"bürgerlich"), gilt Johanna Dohnal als Urheberin eines ins
Grundvokabular der political correctness eingegangenen "linksgrünen
Feminismus", dem ein gendergerechtes Binnen-I wichtiger ist als die
Rechte der Frauen in den muslimischen Mehrheitsgesellschaften.
Für die politisch Nichtgläubigen, die nichts hineinzulegen haben in
die Ikone der Johanna Dohnal, bleibt vor allem eines: das Anliegen
dieser Frau. Und das war die Beendigung jenes
Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Männern und Frauen, das sich in
Österreich unter den Bedingungen und Nachwirkungen eines politischen
Katholizismus hartnäckiger gehalten hat als in vielen anderen Ländern
der westlichen Welt.
Dass sie für dieses Anliegen auch mit untauglichen Mitteln gekämpft
hat: kein Einzelschicksal. Dass manche, die sich als ihre
Nachfolgerinnen legitimieren wollen, wenig mehr zu bieten haben als
hohle PC-Phrasen: Was kann sie dafür?
Interessant ist, dass es, anders als etwa in England (Margaret
Thatcher), Frankreich (Ségolène Royal) und Deutschland (Angela
Merkel), in Österreich noch keine Frau in die erste Reihe der Politik
geschafft hat. Das wäre ein angemessenes Programm für die Meditation
vor der Ikone Johanna Dohnals.

Rückfragehinweis:
[email protected]

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/447

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