Die Presse - Leitartikel: Kopfsprung in den Zaubertrank, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 13.02.2010

Wien (OTS) - Wien gleicht dem gallischen Dorf in den "Asterix"-Comics. Alles andere haben die Zeitgeistlegionen erobert.

Die Wiener SPÖ erinnert immer deutlicher an die Einwohnerschaft des gallischen Dorfes im Comic-Klassiker "Asterix und Obelix". Überall sonst mussten sich die Sozi-Gallier den römischen Heeren geschlagen geben, die mit ihren Zeitgeistlegionen, Rechtspopulistenzenturien und Wirklichkeitskohorten das sozialdemokratische Arbeiterstammesgebiet überrannt haben.
Der einzige, zugegebenermaßen nicht unbedeutende Unterschied: Das gallische Dorf, das noch Widerstand leistet, heißt Rom. Drum hält es sich auch so gut.
Außerhalb der Stadtmauern hat sich die österreichische Sozialdemokratie allerdings in Luft aufgelöst. Es fehlt ihr an den fundamentalen Voraussetzungen einer stabilen Machtbasis: Personal, Struktur, Netzwerke. Die bundespolitische Führungsriege stammt ziemlich vollständig aus der Mietervereinigung des 23. Wiener Gemeindebezirks, das einst stolze Generalsekretariat wird von politischen Fliegengewichten namens Rudas und Kräuter geleitet, die verstaatlichte Industrie, die der Partei einst Geld und Personalreserven zur Verfügung gestellt hat, gibt es nicht mehr. Das inhaltliche, strukturelle und personelle Ausrinnen der österreichischen Sozialdemokratie ist Teil eines internationalen Trends. Es ist nur wenigen Persönlichkeiten wie dem Schweden Göran Persson oder dem Briten Tony Blair gelungen, ihre Parteien den neuen Wirklichkeiten anzupassen: Persson setzte in Schweden den radikalen Reformkurs fort, den der Konservative Carl Bildt 1991 begonnen hatte, Blair trat das Erbe der "eisernen Lady" Margaret Thatcher an.

Österreich hatte in Bruno Kreisky eine solche Führungsfigur. Er hatte es leicht, weil seine 13-jährige Kanzlerschaft in die Zeit des sozialdemokratischen Booms im Gefolge der gesellschaftlichen Umbrüche Ende der 60er-Jahre fiel. Und Kreisky stand in jener alten sozialdemokratischen Tradition, die liberal gesinnte Großbürger als Anführer der politisch mobilisierbaren Arbeiterschaft sah. Diese Tradition endete spätestens mit Franz Vranitzky. Und mit Viktor Klima kam die österreichische Sozialdemokratie gewissermaßen erstmals zu sich selbst. Werner Faymann setzt diese Tradition nach dem Gusenbauer-Intermezzo, dessen Zeit an der Parteispitze durch die überraschend lange Dauer der schwarz-blauen Regierung unnatürlich gedehnt wurde, fort: Zwischen der sozialdemokratischen Klientel und ihrer Führung besteht heute praktisch keine Differenz mehr. Man könnte das als Authentizitätsgewinn verbuchen, es ist aber vor allem ein Problem.
Die Wien-Wahl ist für die österreichische Sozialdemokratie eine Schicksalsfrage: Sie kann dort zwar den Bürgermeistersessel nicht verlieren, aber die letzte wirkliche Machtbasis. Dass Michael Häupl in Wien über die absolute Mehrheit verfügt und über keinerlei Bedenken, das Wort "absolut" absolut wörtlich zu nehmen, ist auch die Geschäftsgrundlage der Kanzlerpartei auf Bundesebene. Finanziell, personell, machttechnisch und intellektuell.

Dass die Abgeschiedenheit einer letzten Bastion das Entstehen von Schrullen und Absonderlichkeiten begünstigt, weiß der "Asterix"-Leser nur zu gut: Der volkstümliche Chef hat Angst, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Der Barde bemerkt als Einziger nicht, wie grauenvoll er singt. Unter den Gewerbetreibenden brechen Machtkämpfe aus. Werner Faymann selbst kommt ja auch aus dem gallischen Dorf. Erinnert er nicht irgendwie an Asterix, den kleinen, gewitzten Gallier, dem die Trickfilmer, warum auch immer, eine charakteristisch fiepsende Stimme verpasst haben? Asterix verlässt sich ganz auf seinen väterlichen Freund Miraculix. Der alte Druide, er könnte gut von Onkel Hans Dichand verkörpert werden: ein Buchstabenmagier, der seinem Schützling auf jedes Abenteuer ein Fläschchen zauberkräftiger Schlagzeilen mitgibt.
Für die österreichische Sozialdemokratie geht es in Wien ums Überleben. Man stelle sich die SPÖ ohne Wien vor: Im Westen inexistent, in Salzburg regiert eine entzauberte Schaumschlägerin, in Oberösterreich ist ein bizarrer Populist gescheitert, in Kärnten zerfleischen sich die roten Reste selbst, in der Steiermark verpasst sich ein ehemaliger Eishockeyspieler täglich schwere Bodychecks, im Burgenland wird ein Biedermann sein Amt erhalten, in Niederösterreich kennt man "SP" nur als Stickmonogramm auf den Hemden des ÖVP-Vizekanzlers.
Es geht um alles im belagerten Hauptstadtdorf. Wen wundert es, dass Majestix, der Chef, sich für einen Kopfsprung in den Zaubertrank entschieden hat?

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