• 18.12.2009, 18:07:41
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"Die Presse" - Leitartikel: Der Prophet der Klimareligion, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 19.12.2009

Wien (OTS) - Jetzt wissen wir, was "Deus ex Machina" heißt: Barack
Obama stieg in Kopenhagen aus seiner Maschine.

Wann genau aus der Umweltbewegung eine Weltreligion geworden ist,
lässt sich schwer sagen. Schon in ihren Anfängen wurde sie jedenfalls
maßgeblich von Menschen mitgetragen, deren Engagement religiöse
Motive hatte. "Bewahrung der Schöpfung" hieß das Motto dieser grünen
Christen oder christlichen Grünen. Sie wagten in den 70er-Jahren den
Aufstand gegen die Mullahs der Technikgläubigkeit, deren Autorität
durch den Ölschock von 1973 ins Wanken geraten war.
Zunächst war also die Umweltbewegung eine Bewegung der Skeptiker.
Statt mit einer neuen Offenbarung aufzuwarten, stellte sie die
herrschenden Dogmen von der technischen Machbarkeit von allem und
jedem infrage. So, wie das Christentum nicht von Beginn an
Staatsreligion und Herrschaftsapparatur gewesen ist, begnügten sich
auch die frühen Anhänger der Umweltbewegung damit, sich um die
Interessen der Benachteiligten und Unterdrückten zu kümmern. Ihre
Klientel waren die Anrainer stinkender Fabriken, die menschlichen und
tierischen Opfer der Agrarindustrie, die Verlierer im globalen
Wettlauf um natürliche Ressourcen.
Wie viele Erneuerungsbewegungen vor ihr hat die Umweltbewegung
begriffen, dass es von Vorteil ist, neue Ideen mit alten Machtmitteln
zu verbreiten.

Den entscheidenden Schritt in Richtung Weltreligion machte die
Umweltbewegung also erst dann, als sie sich nach einer ausgiebigen
Antitechnikphase darauf besann, was das entscheidende Machtinstrument
der von ihr bekämpften Technikgläubigkeit gewesen war: die
Wissenschaft. Erst als der apokalyptische Gaia-Kult, der seine
Anhänger mit kräftigen Bildern von Racheakten der geschundenen
Erdgöttin in Form von Sintfluten, Schlammlawinen und Dürrewüsten
versorgte, sich mit den sogenannten exakten Naturwissenschaften
verband, konnte das Dogmengebäude Gestalt annehmen, das heute so
prachtvoll vor uns steht: Jeder katholische Moraltheologe muss vor
Neid erblassen, wenn er sieht, wie exakt sich in der neuen
Klimaweltreligion ein Zusammenhang zwischen Sünden und Strafen
berechnen lässt. Dass unter den Würdenträgern der Klimareligion nicht
wenige zu finden sind, die gleichzeitig die Katholiken dafür geißeln,
dass sie nichts gegen die Umwandlung der "Frohbotschaft" des
Evangeliums in die "Drohbotschaft" der Amtskirche unternehmen, ist
eine ziemlich feine ideengeschichtliche Ironie.
Jeder Gott hat seinen Propheten. Und seit Freitagfrüh haben wir auch
eine zeitgenössische Interpretation dessen, was "Deus ex Machina"
heißen könnte: Da stieg Barack Obama, der Präsident der Vereinigten
Staaten, aus seinem Flugzeug, um im Namen der Erdgöttin ans
Erlösungswerk zu schreiten. Und er sagte doch tatsächlich: "Ich bin
gekommen, um zu handeln." Wer das Glück hatte, in seinem
Religionsunterricht in der Bibel zu lesen statt Steven Spielbergs
Filmografie zu studieren, hat eine Ahnung davon, welche Bedeutung der
Satz "Ich bin gekommen, um . . ." hat.

Wer auf den parareligiösen Charakter der gegenwärtigen Klimadebatte
hinweist, setzt sich natürlich dem Verdacht aus, zu jenen Spinnern zu
gehören, die den Klimawandel an sich oder auch nur den anthropogenen
Anteil an der Erderwärmung der letzten 20 Jahre leugnen (vielleicht
erleben einige von uns ja auch noch den Erlass eines
Klimawandelleugnungsverbotsgesetzes). Er muss damit rechnen, wie ein
Häretiker behandelt zu werden. Auch hier hat sich das Repertoire
nicht wirklich verändert. Am wirkungsvollsten ist es, den Häretikern
vorzuwerfen, im Interesse einer fremden politischen Macht zu agieren.
Welcher, ist nicht so wichtig: Erdöllobby, Autolobby, Atomlobby, geht
alles ganz gut.
Ginge es nicht tatsächlich um die Bewahrung unserer natürlichen
Lebensgrundlagen, könnte man getrost warten, bis die Klimareligion
den Weg aller Machtreligionen geht: den der dogmatischen
Verknöcherung. So, wie irgendwann niemand mehr geglaubt hat, dass ein
Priester weiß, durch wie viele Rosenkränze der Makel eines unkeuschen
Gedankens von der Seele gewaschen werden kann, wird irgendwann auch
keiner mehr glauben, dass die Klimaforscher wissen, wie viele
Autofahrten es braucht, um die Sintflut auszulösen.
Es wäre schade, wenn das einen Pendelschlag zurück zur gedankenlosen
Energieverschwendung auslöste, denn der wäre für uns alle
lebensgefährlich. In Kopenhagen wird kein neuer Klimakatechismus
verabschiedet werden. Gut so: Auch die Klimareligion wird erst nach
einer Phase der Säkularisierung mit einer liberalen Demokratie
kompatibel sein.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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