Jugendskihelme und -brillen im "Konsument"-Test: Schlechterer Schutz als für Erwachsene

Die größten Kritikpunkte: Reißfestigkeit der Riemen, Durchdringungsfestigkeit, UV-Schutz und Schadstoffe

Wien (OTS/VKI) - Die Skihelmpflicht für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 15. Lebensjahr ist in den meisten Bundesländern beschlossene Sache. Doch was hilft eine Helmpflicht, wenn der Helm letztlich nicht schützt? Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat zwölf Skihelme und darüber hinaus 16 Skibrillen für Jugendliche auf ihre Qualität hin getestet - und sieht Anlass zu Kritik.

"Unser Vergleich zeigt, dass Skihelme und -brillen für Jugendliche leider schlechter abschneiden als jene für Erwachsene. Man sollte sich vor Augen halten, dass diese kein Kinderspielzeug oder nur ein Lifestyleprodukt sind, sondern vorrangig zum Schutz dienen", kritisiert Ing. Franz Floss, VKI-Geschäftsführer und Leiter des Bereichs Untersuchung. "Die Körperproportionen und die schwächere Muskulatur machen Kinder und Jugendliche bei Unfällen meist zu Verlierern. Die Augen wiederum sind für UV-Strahlung besonders anfällig. Umso besser sollte der Schutz sein - was im Moment offensichtlich nicht der Fall ist."

Die größten Kritikpunkte im Überblick: Die viel zu hohe Reißfestigkeit der Riemen bei den Helmen birgt hohe Verletzungsgefahr im Bereich von Hals und Kehlkopf. Fünf von zwölf Skihelmen gingen beim Durchdringungstest zu Bruch. Der UV-Schutz der Jugendskibrillen liegt teils unter dem Industriestandard. Dazu kommen teilweise inakzeptabel hohe Schadstoffwerte: Bei zwei Skihelmen im Innenfutter und insbesondere bei den Skibrillen im Schaumstoff.

Jugend- und Erwachsenenmodelle im Vergleich

Zwölf Jugendskihelme im Preisbereich von 60 bis 80 Euro wurden einer technischen, praktischen und einer Schadstoffprüfung unterzogen. Im Einzelnen waren unter anderem die Stoßdämpfung und Durchdringungsfestigkeit, die Festigkeit der Riemen, die Anpassung des Helms, das Gewicht und die Geräuschwahrnehmung Bestandteil des Tests. Das Ergebnis: 2 gut, 9 durchschnittlich und 1 weniger zufriedenstellend. Testsieger ist der Giro Slingshot um 70 Euro. Die Ausgangsbasis für den Vergleich ist der Test zu 15 Erwachsenenskihelmen aus "Konsument" 12/2009 mit folgendem Ergebnis:
6 gut, 9 durchschnittlich.

Bei den Skibrillen wurden 16 Schlechtwettermodelle für Jugendliche (Kategorie 1 bis 2) getestet: 4 gut, 8 durchschnittlich, 3 weniger zufriedenstellend, 1 nicht zufriedenstellend. Testsieger ist Smith Scope Graphic um 75 Euro. Generell fielen die Ergebnisse des Tests zu 17 Schönwetter-Skibrillen für Erwachsene ("Konsument" 1/2009) etwas besser aus: 10 gut, 4 durchschnittlich, 2 weniger zufriedenstellend, 1 nicht zufriedenstellend.

Bei der praktischen Prüfung bewerteten Schüler der Skihauptschule Lilienfeld als geübte Skifahrer die Bedien- und Handhabungsfunktionen der Skihelme und -brillen.

Zu reißfester Riemen

Die Reißfestigkeit der Riemen bei den Helmen für Jugendliche ist um ein Vielfaches zu hoch, was in einer Notsituation zu Verletzungen an Hals und Kehlkopf führen kann. Nur ein Skihelm kann hier punkten:
der Casco Snow Shield. Zumindest durchschnittliche Werte bei der Reißfestigkeit der Riemen erreichen drei Helme, darunter auch der Testsieger Giro Slingshot. Dagegen gaben beim SH+ Flash die Riemen erst bei einer Belastung von 187 Kilogramm nach. Zum Vergleich: Bei den Erwachsenenskihelmen fielen elf von 15 Helmen durch. Der Höchstwert lag bei 185 Kilogramm. "In der Regel sollten die Riemen aber bereits bei einer Belastung von 50 bis 100 Kilogramm reißen", erklärt Franz Wallner, Leiter der Skihelmtests.

Mangelnde Durchdringungsfestigkeit

Bei der technischen Prüfung ging die Helmschale von fünf Jugendskihelmen zu Bruch: Carrera Top Fun, Cratoni Chip, R.E.D. Trace Grom, Alpina Carat und Atomic Punx+. Nahezu die Hälfte erfüllte damit die Vorgaben der Tester nicht. Bei den Erwachsenenmodellen war das hingegen nur bei zwei Helmen der Fall: Casco Powder und R.E.D. Avid.

Anders die Lage bei den getesteten Jugendskibrillen: Keine einzige Brille ging zu Bruch. Dennoch kam keine bei der Prüfung der Schlagfestigkeit über ein "durchschnittlich" hinaus. In allen Fällen ergab sich ein - leichter - Kontakt zwischen Brilleninnenscheibe und Auge. "Um Augenverletzungen möglichst zu vermeiden, sollte man auf jeden Fall eine Brille mit Doppelscheibe wählen. Eine Wölbung des Glases erhöht zudem die Festigkeit", rät Konrad Brunnhofer, Testleiter bei den Skibrillen. Den "Sitztest" überstanden drei der Brillen nicht.

Unnötige Schadstoffe

Der Atomic Punx+, der im Test insgesamt schlechteste Helm, erzielte inakzeptabel hohe Schadstoffwerte beim Innenfutter - unter anderem beim Flammschutzmittel Tris-Dichlorpropylphosphat (TDCPP), das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Zudem wurde der Weichmacher Diisobutylphthalat im Helm gefunden. Nicht ganz so hoch, aber ebenso unnötig, ist der festgestellte Phthalat-Gehalt beim Scott Shadow III Youth. Bei allen Erwachsenenhelmen wiederum lagen die Schadstoffwerte im unbedenklichen Bereich.

Auch die Skibrillen für Jugendliche schneiden bei der Schadstoffbelastung schlechter ab als die Modelle für Erwachsene. Lediglich eine einzige ist frei von Schadstoffen. Bei den Erwachsenen-Skibrillen waren es vier von 17. Der größte Giftcocktail fand sich bei der Casco Powder Jr. Im Schaumstoff wurde ein extrem hoher Wert des Weichmachers DEHP nachgewiesen, außerdem PVC im Brillenrahmen. "Die Jugendmodelle enthalten paradoxerweise mehr Schadstoffe als die Brillen für Erwachsene. Da sie direkt mit der Haut in Kontakt kommen, sollten aber überhaupt keine schädlichen Stoffe vorhanden sein", fordert Brunnhofer.

UV-Schutz teils nicht Standard

Bei einigen Skibrillen lässt der UV-Schutz zu wünschen übrig. Obwohl die Firmen einen 100-prozentigen UV-Schutz bis 400 Nanometer (nm) zusichern, wurde dieser in fünf Fällen unterschritten. "Meist nur leicht, aber da ein vollständiger Schutz bis 400 nm heute Industriestandard - und bei den Erwachsenenmodellen gang und gäbe -ist, sollte so etwas der Vergangenheit angehören", gibt sich Konrad Brunnhofer verärgert. Eindeutig zu hoch ist die UV-Durchlässigkeit bei der SH+ Shadow - sie lässt 50 Prozent der Strahlung durch. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist das heikel. Daher sollten sie als Schutz vor UV-Strahlen bei jedem Wetter eine - zuverlässige -Skibrille tragen. Die Scheibenfarbe gibt jedoch keinen Aufschluss darüber, ob eine Brille gut gegen UV-Strahlung schützt.

Tragekomfort mit Lücken

Zwar nicht mit Verletzungsgefahr verbunden, aber unangenehm bei starkem Schneefall und tiefen Temperaturen ist, dass sich die Belüftungsöffnungen der Jugendskihelme mit einer Ausnahme - Scott Shadow III Youth - nicht verschließen lassen. Schieberegler und Noppenvlies zum Verschließen der Öffnungen sind bei den Erwachsenen -im "Konsument"-Test - dagegen die Regel.

Die Seh- und Trageeigenschaften der Skibrillen sind im Großen und Ganzen in Ordnung. Auch bei der Passform der Helme gaben die Schüler der Skihauptschule Lilienfeld mehrheitlich gute Noten. Weniger überzeugen konnte aber der Casco Snow Shield, der innerhalb kürzester Zeit unangenehme Druckstellen an den Schläfen und am Hinterkopf hervorrief. Leichte Druckstellen verursachte auch der einzige Vollschalenhelm (SH+ Flash) im Test, der zudem die Geräuschwahrnehmung unangenehm trübt. Für lange Tage auf der Piste sind, wie der Test zeigt, daher Halbschalenhelme die bessere Lösung.

Damit der Helm gut sitzt, verfügen die meisten Modelle über eine Kopfband-Schnellverstellung. Diese ist mit Ausnahme der -ausgerechnet - beiden "guten" Jugendskihelme auch mit Handschuhen gut zu bedienen. "Ein Garant für gute Passform ist die Kopfbandschnellverstellung aber nicht. Sie sollte nicht dazu verleiten, den Helm eine Nummer größer zu kaufen und darauf zu warten, dass das Kind hineinwächst. Was andernfalls beim Sparen hilft, verringert hier die schützende Wirkung. Außerdem ändert sich die Kopfgröße ohnehin nicht so schnell wie die Körpergröße", erklärt Franz Wallner, Leiter des Skihelmtests, abschließend.

"Konsument"-Kauftipps für Skihelm und -brille:

+ Gewicht: Auf das Gewicht des Helmes achten, denn 100 Gramm mehr oder weniger können einen wesentlichen Unterschied machen. Zu den leichteren Modellen zählen auch die beiden "guten" Jugendskihelme im Test.

+ Passform: Eine gute Passform ist das Wichtigste. Beim Kauf am besten eine Umtauschmöglichkeit vereinbaren, für den Fall, dass der Helm schlecht sitzt oder drückt. Die Skibrille sollte rund um die Augen nicht drücken und zum Helm hin keinen Spalt für den Fahrtwind freilassen. Beim Kauf am besten in Kombination - Skihelm und -brille - probieren.

+ Scheibenwahl für Schlechtwetterbrillen: Um die Skibrille mit der optimalen Tönung zu finden, sollte man sie aufsetzen und in eine dunkle Ecke schauen. Sieht man mehr als mit dem bloßen Auge, hat sie eine aufhellende Wirkung und kann in die engere Auswahl genommen werden.

+ Pflege: Das Brillenglas - insbesondere auf der Innenseite - nie mit Handschuh oder Jacke abwischen, um es nicht zu zerkratzen. Der Helm sollte am besten in einem Stoffsack lichtgeschützt aufbewahrt und nach drei bis fünf Jahren getauscht werden, da er durch UV-Strahlung altert.

Rückfragen & Kontakt:

Verein für Konsumenteninformation/Testmagazin "Konsument"
Mag. Andrea Morawetz, Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 01/588 77 - 256
amorawetz@vki.at
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