- 16.12.2009, 11:21:56
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Nach witterungsbedingter Rekordernte fordern EU-Rübenbauern Zuckerexport
Rübenbauern-Karpfinger betont Sinnhaftigkeit und Unbedenklichkeit einmaliger Ausfuhren
Wien (OTS/aiz) - Europas Zuckerwirtschaft steht nach der nahezu
abgeschlossenen Zuckerrübenernte 2009 vor einem unverschuldeten
Überschussproblem: Extrem günstige Wetterbedingungen bescherten den
wichtigsten Produktionsgebieten in West- und Mitteleuropa noch nie
dagewesene Rekorderträge und damit einen Zuckerberg, der die
Produktionsquoten in der EU um 2,4 Mio. t überragt. So üppig ließ die
Natur heuer aber nicht überall auf der Welt den Zucker gedeihen. Am
Weltmarkt herrscht 2009/10 ein Zuckerdefizit von 7,2 Mio. t. Diese
Unterversorgung ließ den Weltmarktpreis für Weißzucker seit
Jahresbeginn um bis zu mehr als 60% auf Spitzen von über EUR 420,-
pro t in die Höhe schnellen - das ist deutlich mehr als der von der
EU-Zuckermarktordnung ab Oktober 2009 festgelegte Referenzpreis für
Quotenzucker von EUR 404,40 pro t. Die EU hat zwar bereits Exporte
innerhalb der von der Welthandelsorganisation WTO verordneten
Obergrenze für Quotenzuckerausfuhren von 1,374 Mio. t freigegeben.
Die europäischen Rübenbauern appellierten nun aber bei ihrer kürzlich
in Brüssel abgehaltenen Tagung ihres Verbandes CIBE an die
Verantwortlichen in der EU, nunmehr auch weitere Exportlizenzen für
den außerhalb der Quote angefallenen Zucker zu erteilen. "Wenn wir
Ware anbieten können und dafür Nachfrage besteht, sollten wir diese
nach meinem Verständnis von Marktwirtschaft auch bedienen dürfen", so
der Präsident des österreichischen Mitgliedsverbandes der CIBE, Die
Rübenbauern, Ernst Karpfinger, gegenüber aiz.info.
Karpfinger betonte, diese Forderung nach Zuckerexporten "ist
absolut sinnvoll, notwendig, mit den WTO-Regeln vereinbar und für den
EU-Agrarhaushalt mit keinerlei Kosten verbunden". Das Hoch des
Zucker-Weltmarktpreises erlaube nämlich, den Zucker aus der EU ohne
jegliche Exportstützungen zu exportieren und falle daher auch nicht
unter die Restriktionen der WTO. Denn, so Karpfinger, "die WTO
deckelt ja nur die Menge von Zuckerausfuhren, deren Preis mit
Exporterstattungen auf einen unter dem EU-Preisniveau liegenden
Weltmarktpreis herabgestützt wird. Somit sind diese erstattungsfreien
Exporte zu Marktpreisen völlig legal."
Exporte bei 7,2 Mio. t Unterversorgung des Weltmarktes bedenkenlos
Auch zerstreut Karpfinger Bedenken, die rein aus einer
witterungsbedingten Ausnahmesituation heraus geforderten
Zuckerexporte der EU könnten Produzenten in Dritte-Welt-Ländern aus
dem Markt drängen. "Wir haben am Weltmarkt eine Unterversorgung von
7,2 Mio. t Zucker. Das heißt, die Nachfrage übersteigt das Angebot.
Diese Nachfrage zu bedienen hat nichts Anrüchiges an sich und schadet
keinem Mitbewerber oder verursacht irgendein Preisdumping."
Dies sehe man laut dem Rübenbauern-Präsidenten auch sehr deutlich
daran, dass die Einfuhren von Zucker aus den ärmsten
Entwicklungsländern der Welt, den LDC, und aus den
afrikanisch-karibisch-pazifischen Zuckerländern der AKP-Gruppe in die
EU in den letzten Monaten sehr deutlich zurückgegangen seien. "Diese
Entwicklungsländer sind zurzeit nicht auf die Entwicklungsinitiative
der EU angewiesen, bevorzugt und zollfrei Zucker in die EU liefern zu
dürfen. Sie brauchen den Zucker entweder selber oder können ihn
momentan zu geringeren Frachtkosten ertragreicher in nähergelegene
Märkte exportieren."
Zurückhaltung von Angebot löst spekulative Preisanstiege aus
Im Gegenteil, Karpfinger sieht sogar eine Verpflichtung der EU,
den Zuckerexport freizugeben, wenn man den Anspruch ernst nehme, auf
funktionierende Märkte zu setzen. "Ich erinnere an die Situation vor
zwei Jahren, als sich die Getreidepreise explosionsartig
vervielfachten. Ausgehend von schlechten Ernten und einer
Unterversorgung des Weltmarktes begannen damals die Getreidepreise
rapid zu steigen. Den Turbo für die Bildung der wirklichen
blasenartigen Preishausse zündeten aber erst einige Getreide
exportierende Staaten, indem sie mit Exportbeschränkungen oder
Exportzöllen das Angebot am Weltmarkt zusätzlich künstlich
verknappten. Diese Markteingriffe wurden damals zu Recht als eine Art
von Staatsspekulation kritisiert. Die EU sollte diesen Fehler nun
nicht auch selber begehen und wieder eine künstliche Preisblase
erzeugen, die letztlich den Konsumenten auf den Kopf fällt", warnt
Karpfinger.
Europäischer Zuckerüberschuss 2009 einmalige Folge einer Laune der
Natur
Karpfinger betonte schließlich auch, dass die von den europäischen
Rübenbauern geforderten Exporte "ja nicht die viel kritisierte
Entsorgung von Überschüssen aus einer strukturellen Überproduktion
darstellen, sondern eine vernünftige Reaktion auf eine einmalige,
nicht planbare Rekordernte als Folge der Launen der Natur". Die
großen Zuckerproduzenten Europas wie Frankreich oder Deutschland
hätten heuer - ohne die Anbauflächen spürbar auszuweiten -
Spitzenerträge weit höher als in sonstigen guten Rübenjahren erzielt.
"Wir wissen genau, dass eine derartige Ertragslage einmalig ist
und angesichts der starken Volatilität der Preise der Weltmarktpreis
in Zukunft auch wieder stark nachgeben kann. Daher fordern wir von
der EU auch kein dauerhaftes Exportregime und empfehlen den
heimischen Rübenbauern für den Anbau 2010 auch dringend, die
Rübenflächen nicht auszuweiten, um nicht eine wirklich strukturelle
Überschussproblematik auszulösen", sagte Karpfinger weiters.
Österreich 2009 mit guter Rübenernte weit weg von Rekordjahr -
Cercospera drückt Ertrag
Die österreichischen Rübenerträge sind 2009 laut dem Präsidenten
mit rund 10 t Weißzucker pro ha und einem Gesamtertrag von 3,05 Mio.
t Rüben beziehungsweise 430.000 t Weißzucker übrigens zwar gut
ausgefallen, aber weit weg von einem Rekordjahr. Normalerweise liegt
Österreich nahe am europäischen Spitzenfeld der Zuckererträge pro ha.
Dem war aber heuer nicht so. Den heimischen Rübenbauern macht zurzeit
die Blattpilz-Krankheit Cercospera in ihren Pflanzenbeständen schwer
zu schaffen. Die dadurch verursachten Ertragsausfälle beziffern sich
heuer auf geschätzte EUR 10 Mio.
Aber auch Österreich wird 2009/10 rund 80.000 t über seine Quote
von 351.027 t Weißzucker hinaus erzeugten Zucker entweder als
Industriezucker für den Non-Food-Bereich vermarkten oder exportieren
müssen.
(Schluss) pos
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