• 09.12.2009, 13:33:39
  • /
  • OTS0190 OTW0190

Irren ist menschlich: Strategien zur Erhöhung der Patientensicherheit und Fehlervermeidung in der Medizin 2

Checkliste: Sicherheitsnetz im OP

TeilnehmerInnen an der Pressekonferenz

Wien (OTS) - Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Weiterer
wichtiger Aspekt für die Patientensicherheit ist die Sicherheit im
Operationssaal. Eine Arbeitsgruppe der Plattform Patientensicherheit
hat auf Basis der "Surgical Safety Checklist" der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine österreichische Variante
erarbeitet. "Die Checklisten fungieren als Sicherheitsnetz im
Operationssaal und sind mittlerweile ein internationales Gütesiegel.
Alle Beteiligten sind dadurch angehalten, ihre berufsspezifischen
Sicherheitsaspekte zu überdenken. Ihnen steht ein Gerüst zur
Verfügung, das sie an ihre Situation anpassen können", so die Obfrau
der Plattform Patientensicherheit, Brigitte Ettl.

Die Checkliste kann gratis über die Plattform Patientensicherheit
bezogen werden. Für deren tatsächliche Anwendung ist allerdings die
persönliche Überzeugung, Vorbildwirkung und Umsetzung durch obere
Stellen, wie die Abteilungsleitung, entscheidend. Ettl: "Wir können
als Plattform nur eine Empfehlung aussprechen, umsetzen müssen es die
Krankenhäuser selbst. Als Ärztliche Direktorin weiß ich aus
Erfahrung, wie wichtig es für ein funktionierendes Risikomanagement
ist, dass die obersten Stellen hinter den Maßnahmen stehen.
Maßgeblicher Pfeiler für den Erfolg sind aber die Mitarbeiter selbst.
Es gilt, ihre Erfahrung und ihr Wissen einfließen zu lassen.
Gemeinsam lassen sich Visionen und neue Ideen realisieren."

Komplikationen um mehr als ein Drittel vermindert

Wie sehr Checklisten die Sicherheit bei Operationen beeinflussen,
untersuchte die WHO in einer großen Studie, die Anfang 2009
veröffentlicht wurde. Dabei testete sie deren Anwendung in
verschiedensten Spitälern der Welt bei unterschiedlichen Operationen.
Jährlich werden weltweit 234 Millionen Operationen durchgeführt.
Dabei kommt es nach Schätzungen bei sieben Millionen Patienten zu
operationsbedingten Komplikationen, wobei die Hälfte davon einfach
vermieden werden könnten. Laut vorliegenden Daten wird mit Hilfe
einer korrekten Anwendung der Checklisten die Patientensicherheit
signifikant erhöht. So konnten im zeitlichen Umfeld eines
chirurgischen Eingriffs (bis 30 Tage nach der Operation)
Seitenverwechslungen, chirurgische Infektionen, Komplikationen und
Todesfälle um mehr als ein Drittel vermindert werden. Nach
Implementierung der Checkliste fiel die Rate schwerer Komplikationen
von elf auf sieben Prozent, die Mortalitätsrate großer Operationen
von 1,5 auf 0,8 Prozent.

Punkt für Punkt zu mehr Sicherheit

Diese Ergebnisse sind so signifikant, dass weltweit Checklisten als
Methode zur Stärkung der Patientensicherheit empfohlen werden - so
auch in Deutschland, der Schweiz und jetzt auch in Österreich. Dazu
der Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe und Abteilungsleiter für
Klinisches Risikomanagement an der Universitäts-Frauenklinik am AKH
Wien, Norbert Pateisky: "Genauso wie ich mir im Privaten einen
Einkaufszettel schreibe, um keine Lebensmittel zu vergessen, stellt
das Abarbeiten der Checkliste sicher, dass alle sicherheitsrelevanten
Informationen immer aktiv abgefragt werden, allen Beteiligten bekannt
sind und nichts vergessen wird. Das dreiteilige Briefingverfahren
führt darüber hinaus zu einer verbesserten Kommunikation und
verstärkter Teamarbeit. Vorraussetzung für ein gutes Funktionieren
ist allerdings eine entsprechende Schulung und laufendes Training."
Zwar werden bereits jetzt in vielen Krankenhäusern Checklisten
angewendet, doch nur wenige Teams würden alle Checks durchgehend
durchführen. Die Verwendung der empfohlenen Checkliste garantiere die
lückenlose Anwendung aller Sicherheitsschritte.

Die erarbeitete Checkliste ist klar, einfach und leicht verständlich.
Durch das Punkt-für-Punkt-Durchgehen der wenigen Sicherheitsfragen
werden die häufigsten lebens- und gesundheitsbedrohenden vermeidbaren
Risiken ausgeschlossen. Sie ist bewusst allgemein und kurz gehalten,
sodass sie an die lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse angepasst und
erweitert werden kann und soll. Sie besteht aus drei Phasen, kommt
bei allen Eingriffen an Patienten zum Einsatz und richtet sich an
alle daran beteiligten Berufsgruppen im OP-Team - also vom Operateur,
Anästhesist bis hin zum technischen Personal. Verbesserungen werden
erreicht, ohne massive Kosten zu verursachen oder unerfüllbare
Zeitressourcen zu benötigen. Pateisky: "Unser dringlicher Wunsch ist
es jetzt, dass sich die Checkliste rasch verbreitet und angewandt
wird. Die Plattform Patientensicherheit steht für Fragen und
Unterstützung natürlich zur Verfügung."

Keine "Gurtenmuffel" im OP

Ein wesentlichster Aspekt für den Erfolg der Checkliste ist die
gleichberechtigte Einbeziehung aller im OP tätigen Berufsgruppen.
"Auch OP-Fachgehilfen können diejenigen sein, die einen Fehler gerade
noch rechtzeitig entdecken", so Manfred Zottl, Risikomanager im
Wiener Krankenhaus Hietzing. Die OP-Pflege könne ihre
Sicherheitsroutinen sehr gut in das Prozedere der Checkliste
integrieren. Sinn, Nutzen und Wirksamkeit ihrer Anwendung stehen
außer Zweifel. Zottl: "Es ist ein wenig wie bei den Sicherheitsgurten
im Auto. Gurtenmuffel im OP sind aus meiner Sicht fehl am Platz."
Wenn weitere Überzeugungsarbeit nötig ist, so sollte diese auch von
den betroffenen Behörden, Kammern, Berufsverbänden und
Fachgesellschaften nachhaltig geleistet werden.

Auch die Ärztekammer befürwortet das Checklisten-Verfahren in
Österreichs OPs. "Internationale Daten zeigen, dass es wichtig ist,
sich hier aktiv zu beteiligen", so Vize-Präsident Wechselberger
abschließend. (Schluss) jg

Rückfragehinweis:
Pressestelle der Österreichischen Ärztekammer
Mag. Martin Stickler
Tel.: (++43-1) 513 18 33-14

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NAE

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel