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"Die Presse"-Leitartikel: Das neue Weltthema Klimaschutz, von Martin Kugler

Ausgabe vom 9.12.2009

Wien (OTS) - Der Klimawandel versammelt die gesamte Menschheit an
einem Tisch. Das könnte derzeit kein anderes Thema.

Die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen sprengt alles bisher Dagewesene.
Mit rund 15.000 Teilnehmern ist sie definitiv die größte
internationale Konferenz, die jemals in Europa, wenn nicht sogar auf
der Welt, stattgefunden hat. Das Treffen von 193 Staaten ist zudem so
imposant inszeniert wie keine diplomatische Konferenz zuvor. Geht man
durch Kopenhagen und durch das ausgedehnte Konferenzareal, wähnt man
sich in einem großen Happening. Alles ist bunt, marktschreierisch,
emotional, jedenfalls riesig aufgezogen. Einen nüchternen, rationalen
Zugang hat kaum jemand. Es geht um starke Interessen, und da ist
jedes Mittel recht, um sich gute PR zu verschaffen.
Dass der Klimaschutz zu einem so dominanten Thema werden wird, hätte
sich vor 20 Jahren wohl keiner der Wissenschaftler vorstellen können,
die vor den Gefahren eines ungebremsten CO2-Ausstoßes gewarnt hatten.
Das Thema wurde mit der Zeit immer größer: Erst wurde es von
einzelnen Staaten entdeckt, dann von der UNO und von den Medien,
schließlich auch von Populisten. Es bekam eine ungeheure
Eigendynamik, heute brennt das Thema Klimawandel unter den Nägeln
unzähliger Menschen auf der ganzen Welt.
Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Erstens die Sache selbst. Man mag
zu den wissenschaftlichen Argumenten und Ergebnissen stehen, wie man
will, man mag sie glauben oder nicht: Selbst eine kleine Möglichkeit,
dass die Welt zu einem ungemütlichen, vielleicht sogar
lebensfeindlichen Planeten wird, betrifft jeden Menschen; ja, trifft
jeden im Innersten. Noch viel wichtiger ist aber ein anderer Faktor:
Der Klimaschutz eignet sich ausgezeichnet dazu, andere Probleme zu
thematisieren - aber unter einer anderen Überschrift.
Der wichtigste dieser Aspekte ist die Sicherheit der
Energieversorgung: Die nächste russische Gaskrise und der nächste
Konflikt mit arabischen Ölstaaten kommen bestimmt, daher sind die
Förderung einheimischer, erneuerbarer Energiequellen und damit die
Verringerung der Importabhängigkeit ein Gebot der Stunde.
Auch die Art und Weise, wie wir wirtschaften, ob unser
Wirtschaftssystem nachhaltig und globalisierbar ist, lässt sich unter
dem Gesichtspunkt des CO2-Ausstoßes trefflich abhandeln. Und nicht
minder wichtig ist noch ein dritter Themenkomplex: die Bekämpfung der
weltweiten Armut. Diese ist in den Augen vieler Experten untrennbar
mit dem Klimaschutz verknüpft: Der Klimawandel trifft arme Staaten am
stärksten und behindert deren Entwicklung, ohne Wohlstand können sie
sich aber Klimaschutz nicht leisten.
Die Umweltpolitik im engeren Sinn tritt beim Klimaschutz dagegen in
den Hintergrund. Ja, noch mehr: Umweltpolitik in einer umfassenden
Bedeutung - dass Luft, Wasser, Boden, Vogelwelt usw. geschützt werden
- hat sich aus der öffentlichen Wahrnehmung und aus der Politik
verabschiedet. In einer Art Scheuklappenblick geht es derzeit nur
mehr um das Klima.
Faktum ist jedenfalls, dass der Klimaschutz zum neuen Weltthema
geworden ist. Das, was früher einmal der Kalte Krieg oder der
Welthandel war, ist nun der Klimawandel. Selbst die globale Finanz-
und Wirtschaftskrise bringt keine so breite Beteiligung mit sich. Und
auch keine so große Betroffenheit, obwohl die Auswirkungen Millionen
Menschen unmittelbar betreffen - und das beim Klimawandel erst in 20
oder 50 Jahren der Fall sein wird.

Dieses neue Thema bringt die Welt an einen Tisch - mehr als 110
Staats- und Regierungschefs reisen nächste Woche nach Kopenhagen. Ob
es dort auch zu einer Einigung kommen wird, steht freilich auf einem
anderen Blatt. Die Vorstellungen der Staatengruppen liegen weit
auseinander, mehr als politische Willensbekundungen werden bei der
Konferenz wohl nicht herauskommen. Die UNO und der dänische Vorsitz
geben sich alle Mühe, zumindest zwei Dinge unter Dach und Fach zu
bekommen: langfristige CO2-Reduktionsziele und eine
Finanzierungsstruktur, die arme Länder beim Klimaschutz wirksam
unterstützt.
Die Verhandler stehen unter einem hohen Erfolgsdruck. In jüngster
Zeit wurde für die Kopenhagener Klimakonferenz eine riesige
Erwartungshaltung aufgebaut. Seit zwei Jahren wird auf das jetzige
Treffen, das immer wieder "Entscheidungskonferenz" genannt wird,
hingearbeitet. Das äußert sich schließlich auch in der riesenhaften
Inszenierung. Wenn man bedenkt, wie langwierig und mühevoll
internationale Verhandlungen sind, dann ist das vielleicht auch der
einzige Weg, damit wirklich Fortschritte erzielt werden können.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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