• 04.12.2009, 18:15:35
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"Die Presse" - Leitartikel: Klimapolitik in Geiselhaft, von Michael Prüller

Ausgabe vom 05.12.2009

Wien (OTS) - Die Bevormunder dieser Welt haben den Klimawandel zu
ihrem Kampfross gemacht - das muss sich ändern.

"Als entsprungene Katholikin verabscheue ich Dogmen auf jedem
Gebiet", hat die linke, grün wählende, amerikanische
Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia über die globale Erwärmung
geschrieben - und für ziemlichen Wirbel gesorgt. Ihre These: Es bilde
sich so etwas wie eine Glaubensgemeinschaft heraus, als ob die
Menschen, "nachdem sie die organisierte Religion zu einer
nichtwertenden Wohlfühltherapie abgeschliffen haben, hungrig sind
nach apokalyptischen Visionen".
Da ist was dran. Die Neigung des Menschen, sich in ein universelles
ethisches System einzuordnen, das Gutes von Bösem und Gute von Bösen
unterscheidbar macht, dem Erleuchteten Macht gibt und den Irrenden
mit Drohungen auf den rechten Weg zurückzuführen imstande ist, ist
nach dem Niedergang der Religionen nur ungenügend durch den modernen
Gesundheitswahn befriedigt worden. Der bietet zwar ausreichend
Autorität, sich selbst zu kasteien, aber - wenn man von der
Raucherfrage absieht - nicht für das lustvolle Spiel, andere zum
selben Lebensstil zu verpflichten.
Der Kampf gegen die globale Erwärmung ist hingegen ein
Ordnungsprinzip, das aktive Teilnahme einfordert. Er bietet damit die
Legitimation, die Maßstäbe für ein Leben als "guter Bürger"
verpflichtend zu machen, Zensuren zu verteilen und überhaupt den
Blockwart raushängen zu lassen. Das Ganze im Namen des Überlebens der
Menschheitsfamilie. Sogar die alte Nord-Süd-Geschichte lässt sich
damit moralisch neu aufmunitionieren. Denn das angejahrte Argument
der Kolonialzeitsünden, die der Norden mit Geld abbüßen müsse, findet
hier eine neue Schuld-und-Sühne-Linie.

Diese Faszination der Globalen-Erwärmungs-Kiste als strenges und
erstmals die ganze Weltfamilie vereinendes Sittengesetz hat
allerdings der Sache nicht gutgetan. So haben die leidenschaftlichen
Regelaufsteller dieser Welt jenen Teil als allein selig machend
postuliert, der für Anführernaturen die schönsten Möglichkeiten
bietet: die Vermeidung von CO2-Emissionen. Hier kann man wunderbar
mit Geboten, Verboten und Lenkungsausschüssen agieren und die
Verbraucher (also Sie und mich) endlich einmal so richtig erziehen.
Wissenschaftler, die den vom Menschen nicht beeinflussbaren Teil der
Erderwärmung betonten, wurden als Ketzer abgedrängt. Sie hätten ja
Politiker und Publizisten dazu bringen können, sich mit Strategien
zur Anpassung an den unvermeidlichen Teil des Klimawandels zu
verzetteln. Anpassung funktioniert ja vielfach durch Eigeninitiative
- mageres Futter für Fans kollektiven Handelns, total unsexy. So
wurde wertvolle Zeit verloren; in der Wissenschaft breitete sich ein
Ungeist der Parteilichkeit aus - spürbar in der zugespitzten
Darstellungsweise, bei der nicht selten Annahmen als Fakten und
Worst-Case-Szenarien als sichere Prognosen verkauft werden.
Auf der anderen Seite hat die Vereinnahmung der Sache durch die
Weltverbesserer auch noch zu einer prekären Gegenreaktion der
Individualisten und Libertären geführt. Sie haben richtig die
Gefahren einer neuen säkularen Heilsbewegung erkannt - aber daraus
geschlossen, dass die ganze Erderwärmung nicht so heiß ist, wie uns
vorgemacht wird. Aber nur, weil die Bevormunder sich draufgesetzt
haben, ist der Treibhauseffekt kein Schwindel. Nur weil die
Agitatoren mit dem Material der Wissenschaft ihre Gängelbänder
knüpfen, ist die Wissenschaft noch nicht getürkt.

Es besteht aber Hoffnung, dass sich die ideologischen Verhärtungen
der Debatte lockern. Nachdem gehackte Forscher-E-Mails ein eher
unsympathisches Bild der Parteilichkeit von Wissenschaftlern
gezeichnet haben, könnte dort künftig wieder mit mehr unbefangener
Neugier und weniger politisch korrektem Alarmismus geforscht und
diskutiert werden. Auch der harte Kern echter Leugner des
menschengemachten Klimawandels ist schon klein geworden. Wenn von
beiden Seiten mehr Realismus ausgeht, würde das die weltpolitischen
Entscheidungsgrundlagen verbessern, die ja auf dem Vertrauen zu
Prognosen und Diagnosen der Wissenschaft beruhen.
So könnte Kopenhagen vielleicht eine Wendezeit einläuten. Hin zu
einer Vernunftkultur, die sich nüchterner den Herausforderungen
stellt, die eine in Verlauf und Auswirkungen zwar nicht ganz klare,
aber potenziell hochgefährliche Klimaentwicklung mit sich bringt. Ein
Indiz für künftig größeren Pragmatismus ist, dass immer mehr
Unternehmen den Klimawandel als Umsatzbringer erkennen. Wenn erst
einmal die Wirtschaft die Sache vorantreibt, dann redet der
Geschäftssinn mit, und der ist bei all seinen Schwächen immer noch
effizienter und erträglicher als die Umerziehungslager-mentalität
vieler Weltverbesserer.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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