- 24.11.2009, 18:30:06
- /
- OTS0359 OTW0359
"Die Presse" Leitartikel: Schweißperlen im Treibhaus, von Jürgen Langenbach
Ausgabe vom 25.11.2009
Wien (OTS) - Im Vorfeld der Klimakonferenz in Kopenhagen legen
Klimabesorgte und -skeptiker nach.
Um "bis zu sieben Grad" werden die Temperaturen bis zum Ende des
Jahrhunderts steigen, prognostizierten Klimaforscher am Dienstag in
weltweiten Pressekonferenzen, die schlimmsten Befürchtungen seien
übertroffen, das Eis schwinde rascher, der Meeresspiegel erhöhte sich
dramatischer als in der letzten Prognose des UN-Klimabeirats IPCC
befürchtet. Überhaupt nichts werde steigen, entgegnen ebenso weltweit
im Internet Erwärmungsskeptiker, der Klimawandel sei eine Erfindung
von Klimatologen, nun sei es bewiesen, durch E-Mails innerhalb der
Klimatologen-Community, die durch Hacker ans Licht gebracht wurden:
Missliebige Daten würden unterdrückt oder so lange zurechtgebogen,
bis sie zum Wunsch- respektive Schreckbild der Erwärmung passen.
Das Publikum gerät ins Schwitzen und sucht zunächst Orientierung an
den Fakten, über die Konsens herrscht: Seit Beginn der
Industrialisierung ist der Gehalt der Atmosphäre an Kohlendioxid
(CO2) um 40 Prozent gestiegen, im Lauf von 100 Jahren sind die
Temperaturen um 0,8 Grad gestiegen. Auch die Meere stiegen, in den
letzten 15 Jahren um mehr als fünf Zentimeter. Die globalen
Temperaturen allerdings sind in den letzten zehn Jahren überhaupt
nicht gestiegen. Und Land ist auch noch nicht von steigenden Meeren
überspült worden, keine Insel, kein Delta. Doch, Deltas sind
verwundbarer geworden, man hat es etwa beim Hurrikan Katrina in St.
Louis gesehen. Aber hier beginnen die Tücken der Details: Die Flut
kam nicht deshalb, weil das Meer gestiegen ist, sondern weil das Land
gesunken ist, nicht von selbst, sondern durch Eingriffe des Menschen,
durch Bohrungen nach Öl und Wasser etwa. s
Das ist das eine Problem am Klimawandel, ihm wird alles Erdenkliche
zugerechnet, viele andere Umweltsünden, sogar für die Bürgerkriege in
Afrika soll er neuerdings verantwortlich sein. Das zweite Problem ist
natürlich das der Interpretation: Dass es seit zehn Jahren global
nicht wärmer geworden ist, ist für manche schlicht unwahr, andere
halten den kurzen Zeitraum für nicht aussagekräftig, die Dritten sind
über die Ursachen uneins: Ein Lager sieht Klimaphänomene am Werk, die
temporär die Erwärmung überdecken, das andere deutet zur Sonne.
Entschieden ist es nicht. Aber entschieden werden muss, politisch,
demnächst in Kopenhagen. Wie soll in einer so unsicheren Situation
entschieden werden? Für gewöhnlich ruft man Neutrale zu Hilfe, die
Wissenschaft. Aber die ist zum einen eben uneins bis zerstritten und
will zum anderen gerade deshalb das Bild einer geschlossenen
Autorität bieten; gegen Dissidenten geht es nicht fein zu, wie die
gehackten E-Mails zeigen, da geht es um Unterdrückung von Daten (in
Großbritannien ist das strafbar) und abweichende Meinungen.
Immerhin, es kam heraus, durch einen kriminellen Akt, man könnte es
auch Notwehr nennen oder Selbstkorrektur der Wissenschaft, die nun
einmal davon lebt, dass nichts geheim bleibt. Man kann auch
Interessen vermuten, irgendwer wird die Hacker schon bezahlt haben.
Aber Interessen haben alle, auch Klimaforscher brauchen Geld. Die
nötige Aufmerksamkeit holen sie sich - riskant, das Publikum kann
ermüden - mit immer neuen Katastrophenszenarien bzw. deren
drastischer Formulierung: Die eingangs erwähnten "bis zu sieben Grad"
sind ein rein theoretischer Wert - so viel Energie ist dann in der
Atmosphäre -, sie werden nicht kommen, die Natur hat viele
Rückkoppelungen. Aber dafür ist in Presseverlautbarungen wenig Zeit
und in Zeitungsspalten wenig Raum.
Sieben Grad also, oder vier, ganz gleich, in solchen Zahlen liegt die
nächste Simplifikation, die für manche fürchterlich werden kann: Die
Rede ist immer vom Globalen, regional kann es viel dicker kommen, am
deutlichsten zeigt es sich in der Arktis, sie schmilzt dahin (man
kann das, Zusatzkomplikation, je nach Interesse auch begrüßen, die
Schifffahrt etwa profitiert).
Was sollen sie also in dieser verworrenen und vielfach gebrochenen
Lage in Kopenhagen entscheiden? Auch das ist eine theoretische Frage,
man weiß heute schon, dass nichts entschieden wird, zu
unterschiedlich sind die Ausgangspositionen. Und selbst wenn man
etwas festlegte - minus x Prozent CO2 für Industrieländer, minus y
für Entwicklungsländer -, man müsste es auch realisieren können. Erst
dort beginnt das wirkliche Problem, wir hängen am Tropf der fossilen
Energien und haben die große Alternative noch nicht. Wir werden sie
so rasch auch nicht haben.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






