- 23.11.2009, 18:02:08
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"Die Presse"-Leitartikel: Der Letzte seiner Art, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 24.11.2009
Wien (OTS) - Heinz Fischer kandidiert wieder als Bundespräsident
und wird auch gewählt werden. Aber was kommt dann?
Das Internet, dieses Teufelsding, macht also auch vor der Hofburg
nicht halt. Heinz Fischer hat seine Wiederkandidatur für das Amt des
Bundespräsidenten mit einer Videobotschaft im Internet angekündigt.
Auf www.heinzfischer.at sah man den Bundespräsidenten an seinem
Schreibtisch. Drei Äpfel, eine Packung Manner-Schnitten, ein
Babyfoto, das Enkerl. Fischer spricht ungefähr so spontan wie der
Sprachautomat eines Teleshoppingcallcenters den Text, der 15 Minuten
später auch als Aussendung an die Redaktionen geht.
So sieht das aus, wenn sich die Berater eines österreichischen
Politikers einbilden, sie müssten die Facebook-Welt erobern.
Der Neuigkeitswert der Nachricht von der Wiederkandidatur Fischers
ist begrenzt. Niemand hat je angenommen, dass jemand, dem die
Ausübung seines Amtes so erkennbar große Freude macht, auf eine
Fortsetzung verzichtet. Er wäre wohl auch dann angetreten, wenn Erwin
Pröll nicht von den verängstigten Massen der Landesuntertanen am
mutwilligen Verlassen seines wohlgeordneten Donaureiches gehindert
worden wäre.
Statt sich von der "Kronen Zeitung" dazu drängen zu lassen, seine
Kandidatur frühzeitig anzukündigen, um Hans Dichands Wunschkandidaten
Erwin Pröll das nötige Momentum zu verschaffen, tat er, was er sein
ganzes politisches Leben lang getan hat: warten.
Heinz Fischer hat immer gewartet, bis die Gefahr vorbei ist. In
innerparteilichen Auseinandersetzungen genauso wie in den
Wechselspielen sozialpartnerschaftlicher Gewichtsverschiebungen,
durch die die österreichische Politik in all den
Nachkriegsjahrzehnten, in denen Fischer Teil dieses Systems war,
geprägt wurde. Würde man mithilfe eines hochkomplexen Algorithmus
herausfinden wollen, wo genau die Grenze zwischen Feigheit und
Klugheit verläuft, so würde der dafür gebaute Supercomputer immer
dasselbe Ergebnis ausspucken: Diese Grenze befindet sich immer dort
auf der politischen Landkarte, wo sich Heinz Fischer gerade befindet.
Das hat ihm im Laufe seiner politischen Karriere viel berechtigte
Kritik eingebracht - Bruno Kreiskys Diktum, dass Heinz Fischer immer
dann, wenn man ihn gerade einmal brauche, am Klo anzutreffen sei,
gehört zum Kernbestand des österreichischen Anekdotenschatzes. Es
wäre freilich falsch, Heinz Fischer vorzuwerfen, dass er keinen
erkennbaren ideologischen Standpunkt habe, im Gegenteil: Im
Unterschied zur derzeitigen Führungsschicht seiner Partei war er
immer ein Vertreter der sozialistischen Orthodoxie. Fischer hat nur
immer besser als alle anderen gewusst, dass ein zu exzessives
Ausleben von Risikobedürfnissen zum Amtsverlust führen kann. Seine
spezifische Form der Askese hat sich für ihn immer bezahlt gemacht.
Zu Recht: Wie soll man denn die Welt zum Besseren verändern, wenn man
kein Amt mehr hat?
Fischers politische Grundhaltung des Durchlavierens ist in Österreich
mehrheitsfähig. Die Österreicher lieben den Sozialismus, solange man
ihn nicht Sozialismus nennt, sondern besonderes Engagement für die
Schwachen, Miteinander, Solidarität, Ausgleich und Abwägung. Auch aus
dieser Perspektive ist Heinz Fischer die Idealbesetzung für das Amt
des österreichischen Bundespräsidenten.
Man wird sehen, ob sich die anderen Parteien bemüßigt fühlen, einen
Pro-forma-Kandidaten aufzustellen, um sich öffentlich präsent und die
jeweils eigenen Funktionäre bei Laune zu halten. Sinnvoll ist ein
solcher Wahlkampf nicht. In diesem besonderen Fall nicht, aber auch
nicht im Allgemeinen: Warum sollte man eine öffentliche
Auseinandersetzung um ein Amt führen, das sich im Verständnis der
weit überwiegenden Mehrheit gerade dadurch auszeichnet, dass sein
Inhaber keine inhaltliche Position bezieht, die über die gemessene
Absonderung von Gemeinplätzen hinausgeht?
Vielleicht kann man die zweite Amtszeit Heinz Fischers dazu nützen,
sich über Inhalt und Wahlmodus des höchsten Amts im Staate Gedanken
zu machen. Das Amt des Bundespräsidenten ist zwar nicht das
wichtigste, aber eben auch ein Symptom dafür, dass das
österreichische Institutionengefüge nicht wirklich auf der Höhe der
Zeit ist.
Heinz Fischer ist, das kann ihm keiner nehmen, bei aller Kritik, die
man an ihm äußern mag, ein sehr respektabler Politiker von Bildung
und Format. Und er ist der ideale Bundespräsident für das
gegenwärtige Österreich. Aber er ist auch, im Guten wie im
Schlechten, der Letzte seiner Art.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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