- 06.11.2009, 19:59:48
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DER STANDARD - Kommentar "Apparatschiks im Herzen" von Gerald John
Die Studentenproteste entlarven die "Bürgernähe" der Politiker als Lebenslüge - Ausgabe vom 7./8. November 2009
Wien (OTS) - Sie baden in der Menge. Im Arbeitsmantel inspizieren
sie Werkshallen, im Steirerjanker dirigieren sie Blaskapellen, in
Gummistiefeln waten sie durchs Hochwasser. Hände werden geschüttelt,
Bierfässer angestochen, Omas gedrückt, bis diese mit feuchten Augen
schwärmen: "Jö, der Herr Minister versteht unsere Sorgen halt!"
Soweit das Selbstbild jener Politiker, die "Bürgernähe" für die
höchste aller Tugenden halten. Selten wurde diese Lebenslüge so
eindrucksvoll entlarvt wie in den vergangenen Wochen. Geschafft haben
das couragierte Studierende, die Hörsäle besetzen und auf den Straßen
für bessere Unis demonstrieren - erst am Donnerstag zogen wieder
Tausende durch Wien. Ein derart lebhaftes Volk behagt dessen
Vertretern nicht. Verunsichert, nervös und ängstlich reagieren die
Regierenden, retten sich in Ausflüchte, verteilen Placebos. Nur das
Naheliegende kommt ihnen nicht in den Sinn: Mit den Studenten einfach
einmal zu sprechen.
Da ist etwa der Wissenschaftsminister, der sich gerne als liberaler
Freigeist stilisiert. In Interviews glänzt er mit philosophischen
Bonmots, doch will ein Teil der künftigen intellektuellen Elite seine
Politik diskutieren, ist er plötzlich schmähstad. Tagelang fiel
Johannes Hahn nur ein, mit wem er nicht reden wolle. In knapp drei
Wochen lässt sich Herr Kommissar in spe nun zu einem "Dialog" herab.
Hinauszögern bis nach seinem Abflug nach Brüssel konnte er den Termin
dann doch nicht.
Verklemmt zeigt sich auch der Kanzler. Werner Faymann achtet sogar
bei der Urlaubsplanung darauf, nicht abgehoben zu wirken, aber auf
ein Bier mit ein paar Studenten im Audimax schafft er es nicht. Da
könnte am Ende ja sogar der eine oder andere Pfiff ertönen - und von
der Kronen Zeitung wiedergegeben werden.
Selbst der sonst so joviale Vizekanzler scheut den Auftritt ohne
Netz. Statt sich mit (politisch) schmuddeligen Hörsaalbesetzern
herumzuschlagen, wählt Josef Pröll seinen Quotenjugendlichen via
Internet lieber selbst aus, um ihn als "Superpraktikant" mit auf Tour
zu nehmen. Irgendein adretter Nachwuchsschwarzer, der schon mit 20
alt ist, wird sich finden lassen.
Warum sollte es anders laufen? Auch Politiker können selten aus der
eigenen Haut heraus. Generationen von ihnen sind in den
traditionellen Kaderschmieden von SPÖ und ÖVP aufgewachsen, in den
Vorfeldorganisationen oder den Hinterzimmern der Sozialpartnerschaft.
Jeder Kämmerer, jeder Gewerkschafter findet bei ihnen ein offenes Ohr
- da kann er die Regierung noch so oft abgewatscht haben.
Jene hingegen, die sich außerhalb der alten Umlaufbahnen bewegen,
haben viele Politiker auch im 21. Jahrhundert nicht auf dem Radar.
Dort entstehen immer größere Lebenswelten, von denen sie wenig
verstehen. Zu Studenten und anderen jungen Menschen ist der Kontakt
fast schon abgerissen. Lobbys in den Parteien haben diese keine.
Die blinden Flecken spiegeln sich in der Politik wider. Die aktuelle
Regierung ist stark, wenn sie in den eingefahrenen Bahnen navigieren
kann. Die Krise bekämpft sie mit Bauprogrammen, Verschrottungsprämie
und kreativer Arbeitsmarktpolitik - handwerklich sauber und mit
einigem Erfolg. Doch Fantasie, Verständnis und Wille für
zukunftsträchtigere Investitionen fehlen. Während der Betonmischer
auf Hochtouren läuft, wird bei der Bildung jeder Cent zweimal
umgedreht. Das spüren nicht nur die Unis. An den Pflichtschulen, wo
soziale Sorgenkinder auf überforderte Lehrer treffen, ticken
Zeitbomben.
Er sehe "keine Veranlassung, noch etwas Weiteres zu machen", sagte
Hahn am Freitag, nachdem er einen Notgroschen von 34 Millionen
lockergemacht hatte. Es ist zu befürchten, dass der Minister das
wirklich glaubt.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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