- 04.11.2009, 18:15:59
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Totalschaden für Merkel" von Andreas Schnauder
GM kratzt mit U-Turn die Kurve und lässt Berlin das Opel-Debakel ausbaden - Ausgabe vom 5.11.2009
Wien (OTS) - Das war schon ein ziemlicher Affront: Die Verbeugung
Angela Merkels vor dem US-Kongress wurde noch beklatscht, da holte
Amerika schon zum Tiefschlag aus. Der von der US-Regierung
kontrollierte Autokonzern General Motors zog im Verkaufspoker um Opel
die Notbremse und blies den Verkauf an Magna und die russische
Sberbank ab.
Auch wenn nun heftig spekuliert werden mag, inwieweit Präsident
Barack Obama in das Manöver eingebunden war - dass die US-Regierung
die strategisch ebenso entscheidende wie politisch brisante
Kehrtwende zumindest duldete, davon darf man ausgehen. Jetzt steht
Merkel vor einem riesigen Schrotthaufen, den sie auch noch selbst zu
verantworten hat. Die Opel-Arbeitsplätze, deren weitgehende Rettung
die Kanzlerin im Wahlkampf versprochen hatte, wackeln mehr denn je.
General Motors mag sich in dem Match zwar aufgeführt haben wie der
Elefant im Porzellanladen, doch letztlich hat der Konzern gute Gründe
für seine Entscheidung. Da wäre die Erkenntnis, dass Opel für GM dank
der Kompetenzen im Kleinwagenbau und auf dem technologischen Sektor
vom Klotz am Bein zum Juwel der Gruppe mutieren könnte; die Angst vor
der Stärkung des russischen Automobilsektors mit US-Know-how spielte
ebenso eine Rolle; und da wäre noch die erhoffte Gesundung des einst
weltgrößten Autobauers nach der Insolvenz, wenngleich diese derzeit
lediglich auf staatlichen Kapital- und Konjunkturspritzen beruht.
Der Sinneswandel kommt nicht ganz überraschend, wenngleich das
Ergebnis eindeutiger ausfiel als erwartet. Schon bei den letzten
Beratungen gab es ein hartes Ringen im GM-Verwaltungsrat. Bisher
konnte Fritz Henderson den Widerstand gegen die Magna-Lösung noch in
Grenzen halten. Doch der Konzernchef gehört der alten GM-Garde an,
die seit der Teilverstaatlichung und dem Einzug von in Washington
auserwählten Managern in das Board zusehends schwächer wird. Mit der
Entscheidung dokumentiert Detroit deutlich, dass sich General Motors
auch künftig als global aufgestellte Gruppe betrachtet.
Die Amerikaner nutzten überdies die Schwächen der Berliner Politik
und des Magna-Konzeptes für sich. Deutschland verkalkulierte sich mit
den Opel-Staatshilfen gleich doppelt - einerseits die Genehmigung
durch die EU-Wettbewerbshüter betreffend, andererseits in puncto
Aufteilung der Subventionen unter den Staaten mit Standorten der
europäischen GM-Töchter. Das Risiko, dass Magna mit Opel Achsenbruch
erleidet und Detroit als Minderheitsaktionär das alte Problem aufs
Neue am Hals hat, ist nun auch vom Tisch. Dann schon lieber gleich
selbst das Lenkrad in die Hand nehmen.
Noch eine Kurve kratzen die USA mit dem spektakulären U-Turn: Die
Verantwortung für die drohende Opel-Pleite wird elegant über den
großen Teich geschoben. Entweder Berlin gewährt neue Staatshilfen
(und fordert die alte nicht zurück), oder die Europa-Aktivitäten
fahren in die Insolvenz. Beide Varianten können Detroit recht sein.
Deutschland und die anderen EU-Staaten bleiben erpressbar, solange
sie Standort- mit Scheckbuchpolitik verwechseln. Und dadurch nicht
nur die Steuerzahler belasten, sondern auch gesunde Konkurrenten
gefährden.
Die Opel-Belegschaft wäre gut beraten, sich auf die neuen
Verhältnisse einzustellen. Auch wenn die Beziehungen zur Mutter
beschädigt sind: Der Verbleib bei GM bringt nach sachlichen Kriterien
die besseren Aussichten als das Abenteuer Magna. Tiefe Einschnitte
sind in beiden Varianten unabdingbar. Möglicherweise werden deutsche
Standorte von GM nun weniger geschont als von Magna. Aus Merkels
Panne würde dann ein Totalschaden.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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