• 02.11.2009, 14:43:07
  • /
  • OTS0214 OTW0214

Menschenwürdige Arbeit in Österreich: Fortschritte, Defizite und weiterer Handlungsbedarf

Wien (OTS/WIFO) -

Österreich ist neben Brasilien, Malaysia, Tansania und der Ukraine
eines von fünf Pilotländern, in denen auf Initiative der
Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ein neues Konzept zur
systematischen Erfassung von Fortschritten in Hinblick auf
menschenwürdige Arbeit ("decent work") erprobt wird. Das nun
vorliegende Länderprofil für Österreich hat die Internationale
Arbeitsorganisation in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für
Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, den österreichischen
Sozialpartnern und Statistik Austria veröffentlicht; das WIFO
bearbeitete die inhaltliche Analyse. Die Länderprofile geben für elf
Teilbereiche - vom Zugang zu Beschäftigung über angemessene Löhne und
soziale Sicherheit bis hin zum sozialen Dialog einen Überblick über
die Entwicklung der letzten zehn Jahre. Neben statistischen
Indikatoren liefern sie Informationen zum rechtlichen und
institutionellen Rahmen.

Der Länderbericht für Österreich weist für die vergangenen zehn
Jahre in einer Reihe von Bereichen Fortschritte im Sinne der "Agenda
für menschenwürdige Arbeit" der Internationalen Arbeitsorganisation
(ILO) aus. In einigen Bereichen diagnostiziert das vorliegende
Länderprofil jedoch Defizite und weiteren Handlungsbedarf.

Österreich erzielte einen substanziellen Fortschritt in Bezug auf
die Erhöhung der Erwerbstätigenquote, insbesondere durch die Zunahme
der Frauenbeschäftigung. Ein Aufholprozess ist auch bezüglich der
Erwerbsintegration von Älteren festzustellen - wenn auch das
Lissabon-Ziel einer Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen von 50% noch
weit entfernt scheint. Das Beschäftigungswachstum beruht allerdings
zu einem wesentlichen Teil auf einer Ausweitung der
Teilzeitbeschäftigung. Darüber hinaus entstehen in Österreich
vermehrt atypische Beschäftigungsformen. Besondere Herausforderungen
liegen in einem langfristigen Rückgang der Nachfrage nach
geringqualifizierten Arbeitskräften sowie den Schwierigkeiten im
Erwerbszugang für Jugendliche.

Im Hinblick auf angemessene Löhne und produktive Arbeit wurden
insgesamt in den letzten zehn Jahren graduelle Fortschritte erzielt.
Insbesondere wurden die durchschnittlichen Reallöhne leicht
gesteigert und die Armutsgefährdung von Erwerbstätigen etwas
verringert. Hingegen erhöhte sich der Anteil der Niedriglohnempfänger
und insbesondere der Niedriglohnempfängerinnen merklich. Trotz der
Fortschritte besteht weiterhin Handlungsbedarf im Bereich der
berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildung und der Absicherung nach
unten (Vorbeugung von Armutsgefährdung, Prekarisierung).

Die im Länderprofil diskutierte Entwicklung der Arbeitszeit zeigt
unterschiedliche Tendenzen. Die signifikante Zunahme der
Teilzeitarbeit gab einerseits vielen Frauen die Möglichkeit, am
Arbeitsmarkt zu partizipieren, andererseits sind
Teilzeitarbeitsplätze häufig mit geringeren Karriere- und
Einkommenschancen verbunden. Nach wie vor arbeitet in Österreich ein
relativ großer Anteil der Erwerbstätigen (2008: 16,1%; insbesondere
Männer) mehr als 48 Stunden pro Woche und hat damit nach
ILO-Definition eine unangemessen lange Arbeitszeit.

Durch verschiedene Maßnahmen haben sich die Rahmenbedingungen für
die Vereinbarkeit von familiären Verpflichtungen und Beruf im
vergangenen Jahrzehnt verbessert, wenngleich weiterhin Defizite in
der außerhäuslichen Kinderbetreuung und Pflege bestehen. Betroffen
sind immer noch vorwiegend Frauen: In Hinblick auf eine
gleichmäßigere Verteilung der informellen Betreuungs- und
Pflegearbeit zwischen Frauen und Männern wurde kein nennenswerter
Fortschritt erzielt.

Die Stabilität der Beschäftigung veränderte sich in den
vergangenen zehn Jahren für Stammbelegschaften wenig. Gleichzeitig
wurden allerdings instabile und prekäre Beschäftigungsverhältnisse
ausgeweitet. Damit ist der österreichische Arbeitsmarkt von einer
steigenden Segmentation geprägt. Um diese Effekte etwas
auszugleichen, wurden vor allem die sozialrechtlichen Bedingungen für
atypisch Beschäftigte verbessert. Im Bereich der Arbeitssicherheit
wurden graduelle Fortschritte erzielt. Insbesondere nahm die
Häufigkeit von Arbeitsunfällen ab.

Österreich hält eine im internationalen Vergleich umfassende
soziale Sicherung aufrecht. Die Sozialausgaben stabilisierten sich
auf hohem Niveau. Grundlegend verändert wurde das österreichische
Pensionssystem - in erster Linie mit dem Ziel, seine nachhaltige
Finanzierbarkeit zu sichern. In Bezug auf Chancengleichheit und
Gleichbehandlung wurden mit einer Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von
Frauen und von älteren Arbeitskräften graduelle Fortschritte erzielt.
Jedoch ist das Verdienstgefälle zwischen Männern und Frauen im
europäischen Vergleich unverändert groß, der Anteil von Frauen in
Führungspositionen unverändert gering. Darüber hinaus sind Frauen und
Männer, die im Ausland geboren wurden, immer noch deutlich weniger in
den Arbeitsmarkt integriert und vor Arbeitslosigkeit und Armut
geschützt als in Österreich Geborene.

Der Wandel der Wirtschaftsstruktur und der Arbeitswelt ging in
Österreich nicht spurlos an den Gewerkschaften und der
Sozialpartnerschaft vorüber. Die Sozialpartnerschaft hat nach wie vor
einen hohen Stellenwert. Der Rückgang der gewerkschaftlichen
Organisationsdichte und der Zahl der Betriebsräte ist jedoch Ausdruck
einer wachsenden Vertretungslücke auf der betrieblichen und der
Branchenebene. Vor allem Arbeitnehmerinnen, atypisch Beschäftigte und
jüngere Arbeitskräfte - auf die ein Großteil des
Beschäftigungswachstums zurückgeht - sind davon betroffen. Zugleich
gelang es in Österreich besser als in anderen europäischen Ländern,
eine hohe Abdeckung durch Kollektivverträge aufrechtzuerhalten.

Das Länderprofil "Menschenwürdige Arbeit in Österreich" wurde am
Rande der Festveranstaltung des Bundesministeriums für Arbeit,
Soziales und Konsumentenschutz zum 90. Jahrestag der Internationalen
Arbeitsorganisation in Wien erstmals aufgelegt
(http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?fid=23923&id=37262&typeid=8&
display_mode=2,
http://www.ilo.org/integration/themes/mdw/lang--en/index.htm).

Rückfragehinweis:

DDr. Ulrike Mühlberger
   Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
   Tel. +43 1 798 26 01-294 * Fax. +43 1 798 93 86
   mailto:[email protected]
   
   Mag. Rainer Eppel
   Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
   Tel. +43 1 798 26 01-328 * Fax. +43 1 798 93 86
   mailto:[email protected]
   
   Dr. Helmut Mahringer
   Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
   Tel. +43 1 798 26 01-405 * Fax. +43 1 798 93 86
   mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | WFO

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel