Menschenwürdige Arbeit in Österreich: Fortschritte, Defizite und weiterer Handlungsbedarf

Wien (OTS/WIFO) - Österreich ist neben Brasilien, Malaysia, Tansania und der Ukraine eines von fünf Pilotländern, in denen auf Initiative der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ein neues Konzept zur systematischen Erfassung von Fortschritten in Hinblick auf menschenwürdige Arbeit ("decent work") erprobt wird. Das nun vorliegende Länderprofil für Österreich hat die Internationale Arbeitsorganisation in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, den österreichischen Sozialpartnern und Statistik Austria veröffentlicht; das WIFO bearbeitete die inhaltliche Analyse. Die Länderprofile geben für elf Teilbereiche - vom Zugang zu Beschäftigung über angemessene Löhne und soziale Sicherheit bis hin zum sozialen Dialog einen Überblick über die Entwicklung der letzten zehn Jahre. Neben statistischen Indikatoren liefern sie Informationen zum rechtlichen und institutionellen Rahmen.

Der Länderbericht für Österreich weist für die vergangenen zehn Jahre in einer Reihe von Bereichen Fortschritte im Sinne der "Agenda für menschenwürdige Arbeit" der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus. In einigen Bereichen diagnostiziert das vorliegende Länderprofil jedoch Defizite und weiteren Handlungsbedarf.

Österreich erzielte einen substanziellen Fortschritt in Bezug auf die Erhöhung der Erwerbstätigenquote, insbesondere durch die Zunahme der Frauenbeschäftigung. Ein Aufholprozess ist auch bezüglich der Erwerbsintegration von Älteren festzustellen - wenn auch das Lissabon-Ziel einer Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen von 50% noch weit entfernt scheint. Das Beschäftigungswachstum beruht allerdings zu einem wesentlichen Teil auf einer Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung. Darüber hinaus entstehen in Österreich vermehrt atypische Beschäftigungsformen. Besondere Herausforderungen liegen in einem langfristigen Rückgang der Nachfrage nach geringqualifizierten Arbeitskräften sowie den Schwierigkeiten im Erwerbszugang für Jugendliche.

Im Hinblick auf angemessene Löhne und produktive Arbeit wurden insgesamt in den letzten zehn Jahren graduelle Fortschritte erzielt. Insbesondere wurden die durchschnittlichen Reallöhne leicht gesteigert und die Armutsgefährdung von Erwerbstätigen etwas verringert. Hingegen erhöhte sich der Anteil der Niedriglohnempfänger und insbesondere der Niedriglohnempfängerinnen merklich. Trotz der Fortschritte besteht weiterhin Handlungsbedarf im Bereich der berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildung und der Absicherung nach unten (Vorbeugung von Armutsgefährdung, Prekarisierung).

Die im Länderprofil diskutierte Entwicklung der Arbeitszeit zeigt unterschiedliche Tendenzen. Die signifikante Zunahme der Teilzeitarbeit gab einerseits vielen Frauen die Möglichkeit, am Arbeitsmarkt zu partizipieren, andererseits sind Teilzeitarbeitsplätze häufig mit geringeren Karriere- und Einkommenschancen verbunden. Nach wie vor arbeitet in Österreich ein relativ großer Anteil der Erwerbstätigen (2008: 16,1%; insbesondere Männer) mehr als 48 Stunden pro Woche und hat damit nach ILO-Definition eine unangemessen lange Arbeitszeit.

Durch verschiedene Maßnahmen haben sich die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von familiären Verpflichtungen und Beruf im vergangenen Jahrzehnt verbessert, wenngleich weiterhin Defizite in der außerhäuslichen Kinderbetreuung und Pflege bestehen. Betroffen sind immer noch vorwiegend Frauen: In Hinblick auf eine gleichmäßigere Verteilung der informellen Betreuungs- und Pflegearbeit zwischen Frauen und Männern wurde kein nennenswerter Fortschritt erzielt.

Die Stabilität der Beschäftigung veränderte sich in den vergangenen zehn Jahren für Stammbelegschaften wenig. Gleichzeitig wurden allerdings instabile und prekäre Beschäftigungsverhältnisse ausgeweitet. Damit ist der österreichische Arbeitsmarkt von einer steigenden Segmentation geprägt. Um diese Effekte etwas auszugleichen, wurden vor allem die sozialrechtlichen Bedingungen für atypisch Beschäftigte verbessert. Im Bereich der Arbeitssicherheit wurden graduelle Fortschritte erzielt. Insbesondere nahm die Häufigkeit von Arbeitsunfällen ab.

Österreich hält eine im internationalen Vergleich umfassende soziale Sicherung aufrecht. Die Sozialausgaben stabilisierten sich auf hohem Niveau. Grundlegend verändert wurde das österreichische Pensionssystem - in erster Linie mit dem Ziel, seine nachhaltige Finanzierbarkeit zu sichern. In Bezug auf Chancengleichheit und Gleichbehandlung wurden mit einer Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und von älteren Arbeitskräften graduelle Fortschritte erzielt. Jedoch ist das Verdienstgefälle zwischen Männern und Frauen im europäischen Vergleich unverändert groß, der Anteil von Frauen in Führungspositionen unverändert gering. Darüber hinaus sind Frauen und Männer, die im Ausland geboren wurden, immer noch deutlich weniger in den Arbeitsmarkt integriert und vor Arbeitslosigkeit und Armut geschützt als in Österreich Geborene.

Der Wandel der Wirtschaftsstruktur und der Arbeitswelt ging in Österreich nicht spurlos an den Gewerkschaften und der Sozialpartnerschaft vorüber. Die Sozialpartnerschaft hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. Der Rückgang der gewerkschaftlichen Organisationsdichte und der Zahl der Betriebsräte ist jedoch Ausdruck einer wachsenden Vertretungslücke auf der betrieblichen und der Branchenebene. Vor allem Arbeitnehmerinnen, atypisch Beschäftigte und jüngere Arbeitskräfte - auf die ein Großteil des Beschäftigungswachstums zurückgeht - sind davon betroffen. Zugleich gelang es in Österreich besser als in anderen europäischen Ländern, eine hohe Abdeckung durch Kollektivverträge aufrechtzuerhalten.

Das Länderprofil "Menschenwürdige Arbeit in Österreich" wurde am Rande der Festveranstaltung des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz zum 90. Jahrestag der Internationalen Arbeitsorganisation in Wien erstmals aufgelegt
(http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?fid=23923&id=37262&typeid=8&
display_mode=2,
http://www.ilo.org/integration/themes/mdw/lang--en/index.htm).

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