• 06.10.2009, 18:41:47
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Parlament: Festveranstaltung zum 100. Geburtstag von Hertha Firnberg Fischer: Firnberg verdient bleibende Anerkennung

Wien (PK) - Hertha Firnberg war nicht nur die erste
sozialdemokratische Ministerin, sondern auch die erste Ministerin für
Wissenschaft und Forschung Österreichs. Sie baute im Auftrag von
Bundeskanzler Bruno Kreisky das Ressort auf, das sie danach beinahe
13 Jahre leiten sollte, und war maßgeblich für die Reorganisation und
Demokratisierung der österreichischen Universitäten sowie die
Forcierung der Wissenschaftspolitik verantwortlich. Im September
dieses Jahres hätte sie ihren 100. Geburtstag gefeiert.

Aus diesem Anlass lud Nationalratspräsidentin Barbara Prammer heute
Abend gemeinsam mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn unter dem
Titel "Wissenschaft und Forschung im Aufbruch" zu einer hochkarätig
besetzten Festveranstaltung ins Parlament. Dabei ging es nicht nur um
eine Würdigung der Ausnahmepolitikerin, sondern auch um aktuelle
Herausforderungen in der Wissenschafts- und Forschungspolitik.
Hauptredner war dabei Bundespräsident Heinz Fischer, der zwischen
1983 und 1987 selbst Wissenschaftsminister gewesen war. Zu den
weiteren Laudatoren und Diskutanten zählten neben Prammer und Hahn
der Industrielle Hannes Androsch und der Grazer Universitätsprofessor
Helmut Konrad.

Nationalratspräsidentin Prammer unterstrich in ihrer Begrüßungsrede,
Hertha Firnberg sei eine Frau gewesen, die das Leben vieler
Österreicherinnen und Österreicher nachhaltig geprägt habe. Sie
selbst sei 16 Jahre alt gewesen, als Firnberg Wissenschaftsministerin
wurde und würde als ältestes Kind einer Arbeiterfamilie ohne die
Politik Firnbergs heute vermutlich nicht hier stehen, meinte sie.
Bereits frühzeitig sei Chancengleichheit für alle oberstes Ziel
Firnbergs gewesen: weder das Geschlecht noch die Brieftasche der
Eltern dürften für den Zugang zu Bildung ausschlaggebend sein. In
diesem Zusammenhang erinnerte Prammer etwa an die Einführung von
Gratis-Schulbüchern, die Schülerfreifahrt und die Abschaffung der
Studiengebühren.

Firnberg habe "Bildung an und für sich" als Wert gesehen, betonte
Prammer, und davor gewarnt, Bildung ausschließlich auf
wirtschaftliche Interessen hinzuorientieren. Auch erachtet sie viele
der damals aktuellen Themenkreise als bis heute relevant und brisant.
So würden soziale Hierarchien nach wie vor Bildungschancen und
Bildungsgrad beeinflussen, die frühe Trennung der Schülerinnen und
Schüler zementiere soziale Ungleichheiten.

Besonders hob Prammer auch das frauenpolitische Engagement der
"lösungsorientierten Realpolitikerin" Firnberg hervor und erinnerte
daran, dass zwei der wesentlichsten Reformen in den siebziger Jahren
auf die Bemühungen Firnbergs zurückgegangen seien: die
Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durch die
Fristenregelung und die Gleichstellung der Geschlechter durch die
Familienrechtsreform. Firnberg sei überzeugt davon gewesen, dass es
"keine Befreiung der Menschheit ohne Gleichstellung der Geschlechter"
gebe.

Wissenschaftsminister Johannes Hahn ließ die Entwicklung auf dem
Hochschulsektor zwischen 1970 und 2008 Revue passieren. Damals seien
von den rund 56.000 Studierenden nur 26 Prozent Frauen gewesen. Am
Ende von Firnbergs Amtszeit sei der Prozentsatz bereits auf 42
Prozent angewachsen gewesen, heute betrage er fast 54 Prozent von den
rund 240.000 Studierenden, so Hahn. Es gelte, auch heute dafür Sorge
zu tragen, dass die Bildungschancen für alle gleich seien, es gelte,
die vorhandenen Potentiale entsprechend zu fördern, denn gerade in
ökonomisch schwierigen Zeiten sei eine gute Ausbildung unabdingbar.

Mit ihren Vorarbeiten, wie etwa dem Universitätsgesetz 1975, habe
Firnberg wichtige Grundlagen für die heimischen Studienarchitektur
gelegt, auf denen heute eine moderne Hochschulpolitik aufgebaut
werden könne, betonte der Minister. Hahn erinnerte in diesem
Zusammenhang an die seit 1. Oktober geltende Novelle zum
Universitätsgesetz, wonach eine 40-prozentige Frauenquote für
sämtliche Uni-Gremien festgeschrieben ist. Das sei mit Sicherheit ein
wichtiger und notwendiger Schritt, um die Chancen für Frauen im
Universitätsbereich nachhaltig auszubauen und die schrittweise
Erhöhung des Frauenanteils zu beschleunigen, betonte Hahn, der sodann
auf aktuelle wissenschaftliche Herausforderungen einging, wobei er
meinte, es wäre spannend, den nötigen wissenschaftlichen Diskurs mit
einer Persönlichkeit wie Hertha Firnberg zu führen.

Bundespräsident Heinz Fischer erinnerte eingangs seiner Ausführungen
an das grundlegende Werk von Georgi Plechanow, "Die Rolle der
Persönlichkeit in der Geschichte", in welchem dieser die These
vertreten habe, dass das historische Geschehen kaum von Personen,
sondern von einer Vielzahl anderer Faktoren abhänge. Man bekomme
aber, so Fischer, immer wieder bewiesen, wie sehr es auf den
subjektiven Faktor, auf das Wollen und Wirken Einzelner ankomme, und
das bekomme man auch im Falle Hertha Firnbergs zu spüren.

Der Präsident sprach davon, dass jeder sein persönliches Bild von
Firnberg in seinem Bewusstsein habe. Er, Fischer, habe sie 1962 im
Parlament kennengelernt als eine Frau, die vielseitig interessiert
gewesen sei und auch im Europarat bereits eine wichtige Rolle
gespielt habe. Firnberg sei im Finanz-, im Unterrichts-, im
Justizausschuss und im Außenpolitischen Ausschuss, dessen
stellvertretende Vorsitzende sie gewesen sei, hoch aktiv gewesen und
zählte ab 1967 mit Karl Waldbrunner, Hannes Androsch, Leopold Gratz,
Rudolf Häuser und Anton Benya zu den wesentlichen Stützen Bruno
Kreiskys.

Der Präsident ließ die Jahre vor 1970 Revue passieren, welche die
sozialistische Fraktion als eine Zeit erlebt habe, in der es eine
höchst intensive parlamentarische Arbeit gegeben habe, bei der
Firnberg federführend war. Anschließend durchleuchtete Fischer die
Vorgänge rund um die Gründung des Wissenschaftsministeriums und die
anschließende 13-jährige Amtstätigkeit Firnbergs in diesem Ressort,
das sie, so Fischer, erhobenen Hauptes, mit Festigkeit und manchmal
auch mit der nötigen Strenge geführt habe. In diesem Zusammenhang
verwies Fischer aber auch auf die anderen politischen Aktivitäten
Firnbergs, so etwa auf die Debatte rund um die Fristenlösung.

1983 habe Firnberg ihr Amt an ihn, Fischer, übergeben und sich aus
der Politik verabschiedet. Sie sei gleichwohl bis zuletzt aktiv
geblieben, wobei sie sich aber niemals aufgedrängt habe. Vieles blieb
von ihrem Wirken erhalten, sie verdiene, so schloss der Präsident,
darob bleibende Anerkennung.

Im Anschluss wurden Filmdokumente zu Hertha Firnberg gezeigt. Hannes
Androsch, Helmut Konrad und SPÖ-Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl
diskutierten mit den Gästen über Hertha Firnbergs Vermächtnis:
Wissenschafts- und Forschungspolitik für das 21. Jahrhundert.

Leben und Wirken Hertha Firnbergs

Hertha Firnberg wurde am 18. September 1909 als Tochter eines Arztes
und einer Beamtin geboren. Sie besuchte in Hernals ein Gymnasium, wo
sie sich 1926 den sozialdemokratischen Mittelschülern (VSM)
anschloss, deren stellvertretende Vorsitzende sie bald wurde. Nach
der Matura bezog sie mit ihrer Schwester ein Siedlungshaus in
Favoriten und begann an der Universität Wien Jus zu studieren. Später
wechselte sie auf die philosophische Fakultät und promovierte nach
einem Studienaufenthalt an der Uni Freiburg in Wien zum Thema
"Lohnarbeit im Mittelalter".

Die Zeit der Diktaturen überstand Firnberg unbeschadet. Sie arbeitete
für einen Modeverlag als Buchhalterin, wobei sie bald zur Prokuristin
aufstieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat sie der SPÖ bei und
wechselte in die Arbeiterkammer, wo sie bald führende Funktionen
innehatte. 1959 wurde sie in den Bundesrat entsandt, vier Jahre
später in den Nationalrat gewählt. 1967 folgte sie Rosa Jochmann als
Vorsitzende der sozialistischen Frauen, eine Funktion, die sie bis
1981 innehatte.

Nach dem Wahlsieg Bruno Kreiskys bei den Nationalratswahlen 1970
avancierte Firnberg zur Bundesministerin. Sie baute das
Wissenschaftsressort auf, das sie bis zum April 1983 leiten sollte.
Mit dem Ende der Ära Kreisky zog sich auch Hertha Firnberg aus dem
aktiven politischen Leben zurück. Sie starb am 14. Februar 1994 in
Wien. (Schluss)

HINWEIS: Fotos von der Festveranstaltung finden Sie - etwas
zeitverzögert - auf der Website des Parlaments im Fotoalbum:
www.parlament.gv.at.

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
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