- 02.10.2009, 10:34:21
- /
- OTS0087 OTW0087
Jugendkriminalität: Nachlese zur KfV-Präventionsfachtagung
Vertreter von Justiz, Exekutive, Jugendarbeit, Wissenschaft, Medien und Prävention diskutierten "Jugendkriminalität - Jugend im Fokus des öffentlichen Blickes".
Wien (OTS) - 64.173 Jugendliche wurden im Jahr 2008 aufgrund
gerichtlich strafbarer Handlungen angezeigt, 14- bis 20-Jährige
machten mehr als ein Viertel aller Tatverdächtigen aus. Doch: Nicht
die Zahl jugendlicher Straftäter hat zugenommen, vielmehr sei die
Anzeigenbereitschaft gestiegen. Auch die Anforderungen an Jugendliche
hätten sich verändert, sodass die Polizei oft auch dann gerufen wird,
wenn Jugendliche gar keine Straftat begehen, gab Dr. Richard Krisch
vom Verein der Wiener Jugendzentren anlässlich der zweiten
Präventionsfachtagung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) zu
bedenken. Jugendlichen wird öfter Gewalt und kriminelles Verhalten
unterstellt, weshalb es häufiger zu Anzeigen kommt. Die Zahl der
tatsächlichen Verurteilungen ist laut Experten in den vergangenen
Jahren jedoch konstant geblieben.
Kriminalität ist kein Jugendphänomen, sondern ein
gesamtgesellschaftliches
Jugendkriminalität wird oft als Phänomen gewaltbereiter Jugendlicher
dargestellt. Jugendliche sind aber keine homogene Gruppe, vielmehr
werde oft übersehen, dass Jugendliche der Spiegel der Gesellschaft
sind und ihr Verhalten nicht unabhängig von jenem Erwachsener gesehen
werden dürfe, erklärte HR Mag. Christa Wagner-Hütter, Leiterin der
Wiener Jugendgerichtshilfe. Materielle Güter werden immer wichtiger,
während Werte wie Gerechtigkeit in den Hintergrund rücken. Große
Bedeutung kommt hier der Familie zu, die jedoch aufgrund
unterschiedlicher Umstände oft keine Vorbildfunktion übernehmen kann.
Viele Jugendliche lernen keine adäquaten Möglichkeiten, Konflikte
gewaltfrei zu lösen. Eine Studie des Österreichischen Instituts für
Jugendforschung zeigt, dass Gewalt zumeist als "sich wehren" oder
"notwendige Verteidigung" bezeichnet wird. Alternativen zu Gewalt
sind wenig bekannt. Hier setzt die Kriminalprävention der Wiener
Polizei an. Mit Vorträgen und Projekten wird z.B. in Schulen mit
Jugendlichen gearbeitet, um Kompetenzen zum gewaltfreien
Konfliktlösen zu stärken. Ziel der Polizei ist es, Ansprechpartner
für Jugendliche zu sein und Berührungsängste abzubauen. Das sei
insofern nicht einfach, sagte Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner von der
Universität Tübingen, als dass es die Polizei ist, die mit Anzeigen
bzw. Festnahmen direkt auf die Straffälligkeit Jugendlicher reagieren
muss.
Was passiert mit straffälligen Jugendlichen?
Zunehmend an Bedeutung gewinnen Diversionen, d.h. es wird versucht,
statt einem Gerichtsverfahren andere Strafmöglichkeiten anzuwenden.
Dazu zählt u.a. der Außergerichtliche Tatausgleich oder gemeinnützige
Arbeit, die laut Dr. Beate Matschnig, Leiterin des Landesgerichts
Wien, sehr gut angenommen wird. Derzeit läuft ein Pilotprojekt der
teilbedingten Freiheitsstrafe. In enger Zusammenarbeit mit der
Bewährungshilfe müssen Jugendliche nur einen Teil ihrer Haftstrafe,
maximal ein Drittel, verbüßen. Der Rest der Strafe wird zu Bewährung
mit Probezeit. Dazu liegt bereits ein Gesetzentwurf beim
Justizministerium, dessen Umsetzung laut Matschnig wünschenswert
wäre. Die einzige österreichische Jugendhaftanstalt in Gerasdorf ist
derzeit überfüllt. Dadurch kommt es zu Unterbringungen in anderen
Justzianstalten, die nicht auf die Bedürfnisse jugendlicher
Straftäter ausgerichtet sind, sodass die für die spätere
Reintegration in die Gesellschaft notwendige Beschäftigung nicht
umsetzbar ist. Erfreulich sei laut Matschnig, dass die Zahl der
jugendlichen Untersuchungshäftlinge stark zurückgegangen sei. Derzeit
gibt es in Österreich 30 Jugendliche in Untersuchungshaft.
"Harte" Strafen nicht die beste Variante
Laut Studien von Prof. Kerner sind drei bis fünf Prozent der
jugendlichen Straftäter für schwere Delikte und für 35 bis 40 Prozent
der Delikte ihres Jahrgangs verantwortlich. Deshalb sei es besonders
wichtig, bei dieser Gruppe anzusetzen. Allerdings stellte Kerner
fest, dass "harte" Strafen nicht immer zu besseren Erfolgen führen.
Er spricht sich im Zweifel für ein geringeres Strafmaß aus. Zwar
zeigen Studien, dass die Strafe von den Jugendlichen als der Tat
angemessen empfunden werden muss, um wirken zu können - eine
"gerechte" Strafe sei aber nicht gleichzusetzen mit einer möglichst
"schweren" Sanktion. In der Öffentlichkeit kommen "milde" Strafen
jedoch nicht so gut an, weshalb Kerner ein Umdenken fordert. Für
Lerneffekte sei es wichtiger, dass Sanktionen rasch erfolgen, nicht
aber dass sie besonders "hart" ausfallen.
Medien haben großen Einfluss auf Jugendliche
Das breite Bekanntmachen von Straftaten ist durch die modernen
Massenmedien, besonders durch das Internet so groß wie nie zuvor. Dr.
Florian Klenk, stellvertretender Chefredakteur des "Falter", sprach
davon, dass Jugendliche nicht nur wie nie zuvor Zugang zu Medien
hätten, sie haben vor allem auch einen starken Anteil an der
Gestaltung von Medien. Durch soziale Netzwerke wie Facebook oder
Twitter können Jugendliche selbst Videos, Fotos und Texte
veröffentlichen. Das trifft auch auf den Bereich der Kriminalität zu.
Klenk nannte das Beispiel von Amokläufen, bei denen Opfer und Täter
die Tat filmten und veröffentlichten. Dadurch wird der in der
Jugendphase vorherrschenden Suche nach Anerkennung und Selbstwert
entsprechend gehandelt, erklärte Dr. Christopher Schlembach vom KfV.
Für Jugendliche ist es unmöglich, sich den Massenmedien und den darin
vorgegebenen Wertvorstellungen zu entziehen. Die Konfrontation mit
nicht erreichbaren materiellen Werten oder Idealen führt zur Suche
nach einem Ersatz, um Anerkennung zu finden. Dieser kann auch in der
Kriminalität und der Selbstdarstellung in digitalen Medien gefunden
werden. "Jugendkriminalität ist ein entwicklungsbedingtes Phänomen,
dem mit Grenzerfahrungsangeboten begegnet werden muss, anstatt mit
der Kriminalisierung einer ganzen Generation", schließt Mag. Birgit
Zetinigg, Leiterin des Bereichs Eigentum & Feuer im KfV.
Rückfragehinweis:
Kuratorium für Verkehrssicherheit , Marketing & Kommunikation
Bakk.phil. Elisabeth Gerstendorfer
Tel.: 05 77 0 77-1906
mailto:[email protected]
www.kfv.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | KVS






