Jugendkriminalität: Nachlese zur KfV-Präventionsfachtagung

Vertreter von Justiz, Exekutive, Jugendarbeit, Wissenschaft, Medien und Prävention diskutierten "Jugendkriminalität - Jugend im Fokus des öffentlichen Blickes".

Wien (OTS) - 64.173 Jugendliche wurden im Jahr 2008 aufgrund gerichtlich strafbarer Handlungen angezeigt, 14- bis 20-Jährige machten mehr als ein Viertel aller Tatverdächtigen aus. Doch: Nicht die Zahl jugendlicher Straftäter hat zugenommen, vielmehr sei die Anzeigenbereitschaft gestiegen. Auch die Anforderungen an Jugendliche hätten sich verändert, sodass die Polizei oft auch dann gerufen wird, wenn Jugendliche gar keine Straftat begehen, gab Dr. Richard Krisch vom Verein der Wiener Jugendzentren anlässlich der zweiten Präventionsfachtagung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) zu bedenken. Jugendlichen wird öfter Gewalt und kriminelles Verhalten unterstellt, weshalb es häufiger zu Anzeigen kommt. Die Zahl der tatsächlichen Verurteilungen ist laut Experten in den vergangenen Jahren jedoch konstant geblieben.

Kriminalität ist kein Jugendphänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches

Jugendkriminalität wird oft als Phänomen gewaltbereiter Jugendlicher dargestellt. Jugendliche sind aber keine homogene Gruppe, vielmehr werde oft übersehen, dass Jugendliche der Spiegel der Gesellschaft sind und ihr Verhalten nicht unabhängig von jenem Erwachsener gesehen werden dürfe, erklärte HR Mag. Christa Wagner-Hütter, Leiterin der Wiener Jugendgerichtshilfe. Materielle Güter werden immer wichtiger, während Werte wie Gerechtigkeit in den Hintergrund rücken. Große Bedeutung kommt hier der Familie zu, die jedoch aufgrund unterschiedlicher Umstände oft keine Vorbildfunktion übernehmen kann. Viele Jugendliche lernen keine adäquaten Möglichkeiten, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Eine Studie des Österreichischen Instituts für Jugendforschung zeigt, dass Gewalt zumeist als "sich wehren" oder "notwendige Verteidigung" bezeichnet wird. Alternativen zu Gewalt sind wenig bekannt. Hier setzt die Kriminalprävention der Wiener Polizei an. Mit Vorträgen und Projekten wird z.B. in Schulen mit Jugendlichen gearbeitet, um Kompetenzen zum gewaltfreien Konfliktlösen zu stärken. Ziel der Polizei ist es, Ansprechpartner für Jugendliche zu sein und Berührungsängste abzubauen. Das sei insofern nicht einfach, sagte Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner von der Universität Tübingen, als dass es die Polizei ist, die mit Anzeigen bzw. Festnahmen direkt auf die Straffälligkeit Jugendlicher reagieren muss.

Was passiert mit straffälligen Jugendlichen?

Zunehmend an Bedeutung gewinnen Diversionen, d.h. es wird versucht, statt einem Gerichtsverfahren andere Strafmöglichkeiten anzuwenden. Dazu zählt u.a. der Außergerichtliche Tatausgleich oder gemeinnützige Arbeit, die laut Dr. Beate Matschnig, Leiterin des Landesgerichts Wien, sehr gut angenommen wird. Derzeit läuft ein Pilotprojekt der teilbedingten Freiheitsstrafe. In enger Zusammenarbeit mit der Bewährungshilfe müssen Jugendliche nur einen Teil ihrer Haftstrafe, maximal ein Drittel, verbüßen. Der Rest der Strafe wird zu Bewährung mit Probezeit. Dazu liegt bereits ein Gesetzentwurf beim Justizministerium, dessen Umsetzung laut Matschnig wünschenswert wäre. Die einzige österreichische Jugendhaftanstalt in Gerasdorf ist derzeit überfüllt. Dadurch kommt es zu Unterbringungen in anderen Justzianstalten, die nicht auf die Bedürfnisse jugendlicher Straftäter ausgerichtet sind, sodass die für die spätere Reintegration in die Gesellschaft notwendige Beschäftigung nicht umsetzbar ist. Erfreulich sei laut Matschnig, dass die Zahl der jugendlichen Untersuchungshäftlinge stark zurückgegangen sei. Derzeit gibt es in Österreich 30 Jugendliche in Untersuchungshaft.

"Harte" Strafen nicht die beste Variante

Laut Studien von Prof. Kerner sind drei bis fünf Prozent der jugendlichen Straftäter für schwere Delikte und für 35 bis 40 Prozent der Delikte ihres Jahrgangs verantwortlich. Deshalb sei es besonders wichtig, bei dieser Gruppe anzusetzen. Allerdings stellte Kerner fest, dass "harte" Strafen nicht immer zu besseren Erfolgen führen. Er spricht sich im Zweifel für ein geringeres Strafmaß aus. Zwar zeigen Studien, dass die Strafe von den Jugendlichen als der Tat angemessen empfunden werden muss, um wirken zu können - eine "gerechte" Strafe sei aber nicht gleichzusetzen mit einer möglichst "schweren" Sanktion. In der Öffentlichkeit kommen "milde" Strafen jedoch nicht so gut an, weshalb Kerner ein Umdenken fordert. Für Lerneffekte sei es wichtiger, dass Sanktionen rasch erfolgen, nicht aber dass sie besonders "hart" ausfallen.

Medien haben großen Einfluss auf Jugendliche

Das breite Bekanntmachen von Straftaten ist durch die modernen Massenmedien, besonders durch das Internet so groß wie nie zuvor. Dr. Florian Klenk, stellvertretender Chefredakteur des "Falter", sprach davon, dass Jugendliche nicht nur wie nie zuvor Zugang zu Medien hätten, sie haben vor allem auch einen starken Anteil an der Gestaltung von Medien. Durch soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter können Jugendliche selbst Videos, Fotos und Texte veröffentlichen. Das trifft auch auf den Bereich der Kriminalität zu. Klenk nannte das Beispiel von Amokläufen, bei denen Opfer und Täter die Tat filmten und veröffentlichten. Dadurch wird der in der Jugendphase vorherrschenden Suche nach Anerkennung und Selbstwert entsprechend gehandelt, erklärte Dr. Christopher Schlembach vom KfV. Für Jugendliche ist es unmöglich, sich den Massenmedien und den darin vorgegebenen Wertvorstellungen zu entziehen. Die Konfrontation mit nicht erreichbaren materiellen Werten oder Idealen führt zur Suche nach einem Ersatz, um Anerkennung zu finden. Dieser kann auch in der Kriminalität und der Selbstdarstellung in digitalen Medien gefunden werden. "Jugendkriminalität ist ein entwicklungsbedingtes Phänomen, dem mit Grenzerfahrungsangeboten begegnet werden muss, anstatt mit der Kriminalisierung einer ganzen Generation", schließt Mag. Birgit Zetinigg, Leiterin des Bereichs Eigentum & Feuer im KfV.

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