- 23.09.2009, 18:16:45
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DER STANDARD-Kommentar "Kombiticket in den Abgrund" von Luise Ungerboeck
Ohne Kurswechsel wird die ÖBB noch teurer und schlechter // Ausgabe vom 24.9.2009
Wien (OTS) - Eisenbahner müsste man sein. Am besten in einer der
zahlreich vorhandenen Chefetagen und oberen Chargen. Dort hat man
Narrenfreiheit. Man kann im Staatsfunk ungefragt Fakten verdrehen,
man kann auch schlicht die Unwahrheit sagen, es bleibt ohne
Konsequenzen.
Ein Musterbeispiel an Unverfrorenheit - man könnte auch sagen
Frechheit - bietet die ÖBB-Führung. Vorstandschef Peter Klugar
schwört Stein und Bein, vom Skandal um illegal gespeicherte
Krankenakten nie informiert worden zu sein. Selbst in vier Jahren an
der Spitze der ÖBB-Infrastruktur-Betrieb-AG, die sich beim
widerrechtlichen Sammeln von Diagnosedaten als besonders frivol
hervorgetan hat, habe er leider nichts mitgekriegt. Daher denke er
auch nicht an Rücktritt.
Der für Kontrolle zuständige Vorsitzende des
ÖBB-Holding-Aufsichtsrates, Horst Pöchhacker, ist nicht besser. Er
deckt die unhaltbaren Schutzbehauptungen des Managements und
verharmlost die untragbaren Zustände als Notwehr gegen notorisch
faule Eisenbahner, derer sich das Bahnmanagement nicht erwehren haben
können. Wären Arbeitgeber ihrer an Tachinose leidenden Belegschaft
tatsächlich so hilflos ausgeliefert, wie von Klugar und Pöchhacker
dargestellt, wäre die westliche Industrie längst zusammengebrochen.
Das Einschalten des Staatsanwalts ist auch nur ein Placebo, weil
Datenmissbrauch kein strafrechtlicher Tatbestand ist.
Es ist doch vielmehr so, dass die in politischem und
gewerkschaftlichem Gleichschritt installierten Günstlinge schlicht
nicht fähig sind, einen Konzern wie die ÖBB zu führen, geschweige
denn zu sanieren. Könnten sie es, wären sie nicht bei der ÖBB. Was
sie hingegen können, ist laut nach Subventionen zu schreien. Wo immer
bessere Verkehrsverbindungen eingemahnt werden, wo immer Bedarf an
Dienstleistungen angemeldet wird (die diesen Namen auch verdienen),
wird die Hand um Geld des Steuerzahlers aufgehalten. Sacharbeit?
Brauch ma net.
Das zeigt sich auch am umstrittenen ÖBB-Sanierungskonzept
eindrücklich. Um Ergebnislücken im Güterverkehr zu schließen, wird
nicht der aufgeblähte Mittelbau abgespeckt, sondern die Fracht auf
Lkws verladen, weil die billiger fahren als der Zug auf der Schiene.
Um die Bilanz zu verschönern, werden der Fahrdienst der Bahn auf den
Kopf gestellt und die Lokomotiven zwischen den Gesellschaften
verschoben - alles, um die "gute Substanz" darzustellen, von der
Pöchhacker noch immer schwärmt. Dass dabei der Personenverkehr auf
der Strecke bleibt, kratzt niemanden. Den subventioniert der
Steuerzahler über sogenannte gemeinwirtschaftliche Leistungen ja
sowieso.
Mit Verlaub, wenn die um sündteures Geld gebaute Infrastruktur keiner
braucht, weil die ÖBB lieber Postbus fährt als mit dem Zug, dann
braucht Österreich auch keine Bahn, die jährlich sieben Milliarden
Euro verschlingt. Selbst wenn es nur 3,5 Milliarden Euro wären, wie
Verkehrsministerin Doris Bures beteuert. Verschwendung ist das
allemal.
Ausdruck dieses völlig fehlgeleiteten Systems ist auch das
Schließungskonzept für 1700 Neben- und Regionalbahnen. Was macht die
ÖBB-Eigentümerin im Verkehrsministerium? Sie jammert, vergibt aber
für die bedrohten Linien keine Konzessionen an Verkehrsbetreiber, die
es besser können als die ÖBB. Auch das hat System. Denn damit wird
der ÖBB-Busverkehr vor Wettbewerb geschützt.
Auf der Strecke bleiben wieder einmal die Steuerzahler. Sie werden
für ein mieses Angebot zur Kasse gebeten und müssen für verwaiste
Bahnhofspaläste, teure Schienen und Tunnels, den Transit und tausende
überzählige, unkündbare Eisenbahner aufkommen.
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