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"Die Presse" Leitartikel: Friedhof Afghanistan - auch für die Nato?, von Burkhard Bischof
Ausgabe vom 22.09.2009
Wien (OTS) - Ein "revolutionärer" Strategiewechsel ist wohl die
letzte Chance, um ein Desaster am Hindukusch zu vermeiden.
Acht Jahre nachdem der damalige US-Präsident George W. Bush Truppen
nach Afghanistan geschickt hat, um dem Terrornetzwerk al-Qaida und
seiner Schutzmacht, den Taliban, den Garaus zu machen, ist die
Nato-Schutztruppe Isaf auf der Verliererstraße. Haben die Taliban vor
sechs Jahren nur noch 30 der 364 Bezirke Afghanistans kontrolliert,
sind es jetzt wieder 160. Dies, obwohl die Nato inzwischen rund
100.000 Soldaten am Hindukusch stationiert hat. Über 1400 westliche
Soldaten sind seit 2001 in Afghanistan gefallen, darunter 837
US-Soldaten.
Mit jedem getöteten Nato-Soldaten aber steigt das Missbehagen über
diesen Krieg in der Öffentlichkeit der Truppenentsenderstaaten. Das
steigt genauso, wenn die Nato-Kommandanten im Einsatzgebiet Härte
zeigen. Wehe, wenn dann Nato-Bomben auf Taliban-Ziele auch Zivilisten
töten, wie jüngst in Kunduz. Inzwischen sind laut einer Umfrage auch
58 Prozent der US-Bevölkerung gegen diesen Krieg, während ihn noch 39
Prozent befürworten.
Von "Sackgasse" bis "Desaster" reichen die derzeitigen Einschätzungen
der Militäranalytiker über den Nato-Einsatz in Afghanistan. Und
Taliban-Führer Mullah Omar streut noch genüsslich Salz in die
klaffenden Wunden der Nato-Staaten und verkündet stolz, Afghanistan
sei "schon immer ein Friedhof der Kolonialtruppen" gewesen, und auch
dieses Mal würden die "ausländischen Invasoren" vertrieben.
Die Geschichte spricht für Mullah Omar und seine Taliban; man beachte
in der neueren Geschichte nur die britische Besatzung (1839 bis 1919)
und die sowjetische (1979 bis 1989). Beide endeten mit einem
demütigenden Abzug der Invasoren.
Soll sich also auch die Nato rasch vom Hindukusch zurückziehen - je
eher, desto besser? Wenn wir schon bei historischen Lehren sind:
Gerade das sowjetische Beispiel zeigt, dass ein überstürzter Abzug
nur der Auftakt zu einer noch größeren Katastrophe wäre. Dem
Sowjetabzug folgte ein jahrelanger blutiger Bürgerkrieg, dann der
Sieg der Taliban, die Errichtung eines islamistischen Terrorregimes,
welches die Entstehung einer Terroristenbrutstätte zuließ. Bei einem
Abzug der Nato-Schutztruppe würde sich dieses Szenario wiederholen,
es wäre nur noch blutiger.
Denn die Taliban, die die amerikanischen "Teufel" und ihre
europäischen "Hilfsteufel" vertreiben konnten, würden jegliches Maß
verlieren. Nicht nur in Afghanistan gäbe es eine grausame Abrechnung
mit allen, die mit der Nato kooperiert hatten. Die Taliban würden den
Atomstaat Pakistan zu erobern und seine Kernwaffen zu kapern
versuchen, sie würden die Muslime in Indien, China und Russland zum
Kampf gegen die Regierungen anstacheln, sie würden Afghanistan wieder
zu einem Nest für Terroristen aus aller Welt machen. Jeder, der jetzt
laut den sofortigen Abzug der Nato-Truppen fordert, muss sich solcher
Konsequenzen bewusst sein.
Nur, heißt das, dass die Nato-Schutztruppe einfach in Afghanistan
bleiben und "weiterwursteln" soll wie bisher? Dass sie halt die Zahl
der eigenen Gefallenen und der Opfer unter der afghanischen
Zivilbevölkerung möglichst gering halten soll? Dass sie dem "Regenten
über Kabul", dem Präsidenten Karzai, gut zureden soll, dass er,
bitte, nicht so korrupt sein soll?
Sicher ist: "Weiterwursteln" führt ebenso ins Desaster, wenn auch
zeitverzögert. Was nötig ist, da hat der neue US-Oberbefehlshaber
Stanley McChrystal hundertprozentig recht, ist nichts anderes als ein
"revolutionärer Wechsel" der gesamten westlichen
Afghanistan-Strategie: weg von der konventionellen Kriegsführung,
möglichst viele Taliban auszuschalten, hin zu jeder Anstrengung, um
die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Nur sie
kann die Taliban besiegen. Nur wenn die Sympathien der
Zivilbevölkerung für die Aufständischen austrocknen, können sich die
Taliban nicht mehr wie Fische im Wasser bewegen.
Die Unterstützung der Bevölkerung aber wird die Nato nur gewinnen,
wenn sich diese sicherer fühlt, wenn ihr keine Nato-Bomben mehr auf
den Kopf fallen, wenn sie nicht mehr das Gefühl hat, dass die
ausländischen Soldaten nur einer korrupten Clique in Kabul ihre Macht
absichern, wenn die Menschen allmählich Verbesserungen in ihrem
Alltag sehen.
Das alles ist nichts wirklich Neues. Aber General McChrystal scheint
eben kein "Weiterwurstler" zu sein, sondern ein General der Tat.
Präsident Obama und die Nato sollten ihm freie Hand für die Umsetzung
seiner strategischen Vorstellungen geben. Es ist möglicherweise die
letzte Chance, ein Desaster zu vermeiden.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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