DER STANDARD-Kommentar "Gefährlicher Lehman-Mythos" von Andreas Schnauder

Statt einer Entschuldung wird eine weltweite Kreditspirale in Gang gesetzt

Wien (OTS) - Nach Lehman ist vor Lehman. Tatsächlich scheint sich die Finanzwelt seit dem Zusammenbruch der Investmentbank vor einem Jahr kaum verändert zu haben. Die Kurse steigen wieder, mit ihnen die Boni, und die Investmentbanken scheffeln mit Umstrukturierungen oder Anleihe-emissionen kräftig Geld. Die Staatengemeinschaft hat zwar jede Menge Absichtserklärungen produziert, doch echte Reformen sind weit und breit nicht zu erkennen.
Was läuft falsch an der Aufarbeitung des Kollapses an der Wall Street? Vieles, und es beginnt schon bei der Analyse. Die Pleite von Lehman Brothers zum Sündenfall der Wirtschaftsgeschichte schlechthin hochzustilisieren gilt zwar in ökonomischen Debatten als schick, ist aber verkehrt: Die Konjunktur befand sich in den USA bereits in den Monaten davor auf Talfahrt; die auf der Verbriefung schlecht besicherter Hauskredite basierende Subprime-Krise reicht weit ins Jahr 2007 hinein und trat mit der Schließung zweier Fonds von Bear Stearns ziemliche Schockwellen los; US- und Euro-Notenbank mussten angesichts der Liquiditätsprobleme an den Geldmärkten vor mehr als zwei Jahren mehr als 100 Milliarden Euro ins System pumpen; noch vor Lehman kollabierten die staatlich garantierten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac.
Lehman brachte ohne Zweifel den Höhepunkt der Spannungen, und der unkontrollierte Zusammenbruch war keineswegs ein Ruhmesblatt der Regierung Bush. Doch letztlich war der Fall der Investmentbank nur ein Ventil für die Überhitzung der Märkte und untragbarer Ungleichgewichte.
Dass die Lehman-Mär derart populär ist, hat recht einfache Gründe. Die Politik und die Finanzwirtschaft konnten sich dank der netten Erzählung viele lästige Fragen ersparen:_Warum wurde die Schieflage einer IKB, einer Hypo Real Estate, einer Kommunalkredit und vieler anderer Finanzinstitute, die jährlich höhere Derivat-Müllberge schaufelten, nicht viel früher erkannt? Simple Antwort: Die Geschäftsmodelle brachen erst mit der Lehman-Pleite zusammen. Die Unschuldslämmer mutierten sogleich zu Feuerwehrmännern und pumpten Billionen in Märkte, Banken und Konjunktur.
Eine detaillierte Ursachenforschung der Krise wurde und wird nicht betrieben. Die würde nämlich zutage fördern, dass die lockere Geldpolitik der Notenbanken über Jahrzehnte hinweg die Blase aufblähte. Easy Money machte die Konsumenten zu Kredit-Junkies, verhalf den Banken zu immer sagenhafteren Gewinnen.
Daran wird sich so schnell nichts ändern. Konsumenten werden zum Konsum angehalten, Unternehmen zum Investieren, Notenbanken zum Geldverleihen, um ja die Konjunktur nicht weiter abzuwürgen. Finanziert wird die neue Spirale von Staaten, die ihrerseits auf Pump und teils von den Zentralbanken leben (und Letztere von der Notenpresse). Doch die unsichtbare Geldbörse der Steuerzahler, wie der Ökonom Kenneth Rogoff in Anlehnung an Adam Smiths "invisible hand" meinte, ist leider noch nicht erfunden.
Die Staatengemeinschaft hat mit ihren Rettungsprogrammen einen Totalabsturz der Weltwirtschaft verhindert. Einer notwendigen Strukturbereinigung (Stichwort: Opel) wurde aber ebenso aus dem Weg gegangen wie einem echten Kehraus in den Bank-Bilanzen. Die jetzigen zarten Anzeichen einer Konjunkturstabilisierung basieren fast ausschließlich auf staatlicher Stützung, die nicht nachhaltig sind. Gemeinsam mit den Altlasten der Finanzwirtschaft und den sich heranbildenden neuen Spekulationsblasen ist das der Stoff, aus dem die Albträume sind.
Der Mythos Lehman hat viel dazu beigetragen, dass die Weltwirtschaft weiter über die Stränge schlagen kann.

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