• 14.09.2009, 18:28:06
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DER STANDARD-Kommentar "Gefährlicher Lehman-Mythos" von Andreas Schnauder

Statt einer Entschuldung wird eine weltweite Kreditspirale in Gang gesetzt

Wien (OTS) - Nach Lehman ist vor Lehman. Tatsächlich scheint sich
die Finanzwelt seit dem Zusammenbruch der Investmentbank vor einem
Jahr kaum verändert zu haben. Die Kurse steigen wieder, mit ihnen die
Boni, und die Investmentbanken scheffeln mit Umstrukturierungen oder
Anleihe-emissionen kräftig Geld. Die Staatengemeinschaft hat zwar
jede Menge Absichtserklärungen produziert, doch echte Reformen sind
weit und breit nicht zu erkennen.
Was läuft falsch an der Aufarbeitung des Kollapses an der Wall
Street? Vieles, und es beginnt schon bei der Analyse. Die Pleite von
Lehman Brothers zum Sündenfall der Wirtschaftsgeschichte schlechthin
hochzustilisieren gilt zwar in ökonomischen Debatten als schick, ist
aber verkehrt: Die Konjunktur befand sich in den USA bereits in den
Monaten davor auf Talfahrt; die auf der Verbriefung schlecht
besicherter Hauskredite basierende Subprime-Krise reicht weit ins
Jahr 2007 hinein und trat mit der Schließung zweier Fonds von Bear
Stearns ziemliche Schockwellen los; US- und Euro-Notenbank mussten
angesichts der Liquiditätsprobleme an den Geldmärkten vor mehr als
zwei Jahren mehr als 100 Milliarden Euro ins System pumpen; noch vor
Lehman kollabierten die staatlich garantierten Hypothekenbanken
Fannie Mae und Freddie Mac.
Lehman brachte ohne Zweifel den Höhepunkt der Spannungen, und der
unkontrollierte Zusammenbruch war keineswegs ein Ruhmesblatt der
Regierung Bush. Doch letztlich war der Fall der Investmentbank nur
ein Ventil für die Überhitzung der Märkte und untragbarer
Ungleichgewichte.
Dass die Lehman-Mär derart populär ist, hat recht einfache Gründe.
Die Politik und die Finanzwirtschaft konnten sich dank der netten
Erzählung viele lästige Fragen ersparen:_Warum wurde die Schieflage
einer IKB, einer Hypo Real Estate, einer Kommunalkredit und vieler
anderer Finanzinstitute, die jährlich höhere Derivat-Müllberge
schaufelten, nicht viel früher erkannt? Simple Antwort: Die
Geschäftsmodelle brachen erst mit der Lehman-Pleite zusammen. Die
Unschuldslämmer mutierten sogleich zu Feuerwehrmännern und pumpten
Billionen in Märkte, Banken und Konjunktur.
Eine detaillierte Ursachenforschung der Krise wurde und wird nicht
betrieben. Die würde nämlich zutage fördern, dass die lockere
Geldpolitik der Notenbanken über Jahrzehnte hinweg die Blase
aufblähte. Easy Money machte die Konsumenten zu Kredit-Junkies,
verhalf den Banken zu immer sagenhafteren Gewinnen.
Daran wird sich so schnell nichts ändern. Konsumenten werden zum
Konsum angehalten, Unternehmen zum Investieren, Notenbanken zum
Geldverleihen, um ja die Konjunktur nicht weiter abzuwürgen.
Finanziert wird die neue Spirale von Staaten, die ihrerseits auf Pump
und teils von den Zentralbanken leben (und Letztere von der
Notenpresse). Doch die unsichtbare Geldbörse der Steuerzahler, wie
der Ökonom Kenneth Rogoff in Anlehnung an Adam Smiths "invisible
hand" meinte, ist leider noch nicht erfunden.
Die Staatengemeinschaft hat mit ihren Rettungsprogrammen einen
Totalabsturz der Weltwirtschaft verhindert. Einer notwendigen
Strukturbereinigung (Stichwort: Opel) wurde aber ebenso aus dem Weg
gegangen wie einem echten Kehraus in den Bank-Bilanzen. Die jetzigen
zarten Anzeichen einer Konjunkturstabilisierung basieren fast
ausschließlich auf staatlicher Stützung, die nicht nachhaltig sind.
Gemeinsam mit den Altlasten der Finanzwirtschaft und den sich
heranbildenden neuen Spekulationsblasen ist das der Stoff, aus dem
die Albträume sind.
Der Mythos Lehman hat viel dazu beigetragen, dass die Weltwirtschaft
weiter über die Stränge schlagen kann.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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