- 10.09.2009, 18:46:56
- /
- OTS0278 OTW0278
DER STANDARD - Kommentar "Eheglück schaut anders aus" von Eric Frey
Der Opel-Zuschlag an Magna bleibt unsicher - und das mit gutem Grund Ausgabe vom 11. September 2009
Wien (OTS) - Angela Merkel kann aufatmen. Ihr Horrorszenario -
eine schmähliche Niederlage an der Opel-Front zwei Wochen vor den
Bundestagswahlen - ist abgewendet. Nach der überraschenden
Ankündigung von General Motors, man sei unter Auflagen doch bereit,
die europäische Tochter an Magna zu verkaufen, kann sie nun als
Retterin tausender Opel-Arbeitsplätze in Deutschland vor die Wähler
treten. Angesichts ihres massiven persönlichen Einsatzes für die
Magna-Option hätte jedes andere Ergebnis, ja selbst nur ein weiterer
Aufschub der Opel-Entscheidung, die Kanzlerin schwer unter Druck
gesetzt.
Aber genau deswegen bleibt es unsicher, dass Frank Stronach und sein
russischer Partner tatsächlich am Ziel sind. Die GM-Erklärung riecht
zu sehr nach einem politischen Zugeständnis an eine den Amerikanern
freundlich gesinnte, wichtige Partnerin. Wer die US-Stimmung
gegenüber dem Magna/Sberbank-Konsortium kennt und den mühsamen
Verhandlungsverlauf bedenkt, der darf sich nicht wundern, wenn die
Verhandlungen mit Magna an den offenen "Schlüsselfragen" doch noch
scheitern. Aus Sicht der Union wäre dieses Ereignis zwar ärgerlich,
aber verkraftbar, solange es erst nach dem Wahltag am 27. September
eintritt.
Tatsächlich ist es Magna in den vergangenen Monaten nicht gelungen,
die außerhalb von Deutschland weitverbreiteten Bedenken gegen ihr
Angebot zu zerstreuen. Vor allem die russische Beteiligung stößt
vielen in Detroit und Washington unangenehm auf. Das liegt weniger an
der Sorge der GM-Manager vor dem Verlust von Betriebsgeheimnissen -
so viel Hi-Tech steckt in einem Opel auch wieder nicht - als an den
schlimmen Erfahrungen anderer westlicher Konzerne mit dem Kreml als
Partner. Die Sberbank ist bekanntlich zu hundert Prozent im Eigentum
des russischen Staates, der auch gültige Verträge mit
Auslandspartnern als Verhandlungsmasse betrachtet.
Dazu kommt, dass GM_die Kontrolle über Opel nicht verlieren will und
deshalb gerne einen weniger eigenständigen Ko-Aktionär als Frank
Stronach hätte. Großbritannien, Belgien und Spanien wiederum sehen
Magna als deutschen Kandidaten und fürchten zu Recht, dass jeder
gerettete Arbeitsplatz in Bochum und Kaiserslautern auf Kosten ihrer
Werke geht.
Geändert haben sich nur die finanziellen Rahmenbedingungen - sprich
die Milliarden, die Merkels Regierung bereit ist, für ihren
Wunschkandidaten auf den Tisch zu legen. Deshalb wird, wenn
Magna/Sberbank schließlich den endgültigen Zuschlag erhält, der Preis
für den deutschen Steuerzahler sehr hoch sein - so hoch, dass dieser
Betrag dem Wähler derzeit kaum zuzumuten wäre. Kein Wunder, dass
die Einigung vom Donnerstag so vage ausgefallen ist.
Der offen zur Schau getragene Unwillen der Amerikaner über Magna und
Sberbank macht es außerdem unwahrscheinlich, dass diese Partnerschaft
je wirklich funktionieren wird. GM bleibt mit 35 Prozent der größte
Aktionär, und die Strategie des US-Riesen, dessen Restrukturierung
unter Gläubigerschutz überraschend gut vorangeht, verfolgt ganz
andere Ziele als Magna. Eheglück schaut anders aus, und die zu
erwartenden Konflikte zwischen Detroit, der Magna-Zentrale in Aurora
und Moskau werden auch den Opel-Arbeitsplätzen nicht guttun. Deshalb
ist es unverständlich, warum sich die Opel-Betriebsräte so
kompromisslos auf die Seite Magnas geschlagen haben.
Aber im Moment hängt der Himmel über Berlin und Rüsselsheim voller
Geigen: Nichts hebt die Wahlkampfstimmung mehr als eine schöne
Verlobung mit großzügiger Mitgift. Wenn diese arrangierte Ehe eines
Tages als krasses Beispiel politisch missglückter Industriepolitik
dasteht, dann sind die Wahlen längst geschlagen.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST






