Ludwig Boltzmann Institut für HTA: Aktueller Bericht zur "Schweinegrippe"

Schlüsselinformationen, Daten und Fakten zur "Neuen Influenza"

Wien (OTS) - Das Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment (HTA) nahm die gegenwärtig kursierende Angst vor der sommerlichen "Schweinegrippe" ("Neue Influenza") zum Anlass, anhand von Schlüsselinformationen, Daten und Fakten rund um das Virus eine objektive Entscheidungsgrundlage für eine nationale Pandemieplanung zu geben. Der ausführliche Bericht dazu ist als Download auf der Homepage nachzulesen: http://eprints.hta.lbg.ac.at/845
Das Influenza A H1N1-Virus ist kein unbekanntes Virus. Dieser Subtyp wurde erstmals 1918 in der Influenza-Pandemie (spanische Grippe) identifiziert und ist seit 1977 in einer sich von der neuen H1N1 unterscheidenden Variante im saisonalen Grippegeschehen weltweit jährlich involviert.

In Europa bewegt sich die Sterberate/Letalität der "Neuen Influenza" ("Schweinegrippe") in ähnlicher Höhe wie bei den saisonalen Grippewellen (in Europa 60 Todesfälle auf 38.936 bestätigt Infizierte, Stand 18. August 2009). Die kumulative Darstellung der Erkrankungen und der Todesfälle wirkt jedoch suggestiv. Objektiver wäre z.B. die Darstellung der Erkrankten (Prävalenzen) pro Woche.

Medial geschürte Angst entspricht nur bedingt realen Auswirkungen des Virus

"Das 'Neue Grippe'-Virus ist aber, so wie auch andere Influenza-Viren, durchaus ernst zu nehmen, so Dr. Claudia Wild, Autorin und Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment. "Es erweist sich nämlich gegenüber anderen zirkulierenden Influenza-Viren als sehr dominant", so Wild weiters. "Eine reaktive Politik im Umgang damit muss aber, den Fakten entsprechend, angemessen statt panisch reagieren und die Evidenz der tatsächlichen Wirksamkeit möglicher Maßnahmen prüfen, ohne diese zu überschätzen".

Der Ursprung der - auch medial verbreiteten - Angst vor der Influenza liegt in der großen genetischen Variabilität der Influenzaviren. Diese sind bedingt durch deren hohe Mutationsfrequenz und Fähigkeit des Austausches von genetischen Abschnitten von ähnlichen Influenza-Viren, die bei Vögeln, Schweinen und Menschen vorkommen können (sogenannte "Reassortierung").
Trotz der Kenntnis über die genetische Variabilität des Influenzavirus kommt alljährlich Angst hoch, die nur bedingt in einem realen Zusammenhang mit den Auswirkungen der Influenza steht. Da die Grippe in Wellen verläuft, wird in Europa die Winterwelle erst erwartet. Ob diese stärker ausgeprägt sein wird, als üblich, lässt sich schwer vorhersagen. So verlief die winterliche Grippewelle etwa in Australien, wo der Winter gerade zu Ende geht, mit dem neuen H1N1-Virus ohne größere Auswirkung als von der üblichen saisonalen Grippewelle zu erwarten gewesen wäre.

Internationale Einstufungen: Hohe Verbreitung, aber geringer Schweregrad

Das Ausmaß der Verbreitung der "Neuen Grippe" ist nach der World Health Organisation/ WHO auf 6 (von 8) und nach dem Center for Disease Control/ CDC auf 2 (von 5) eingestuft. Die WHO-Einstufung ist ein Phasenmodell und bezieht sich auf die Ausbreitung des Virus. Phase 6 bedeutet hier "globale Verbreitung" (pandemische Verbreitung). Die CDC-Kategorien orientieren sich hingegen an dem Pandemie-Schwergrad (PSI: Pandemic Severity Index), der nach der Letalität (Anzahl der Todesfälle pro Anzahl der Erkrankungsfälle) gemessen wird. Die saisonale Influenza verursacht etwa bis zu 1 Todesfall pro 1000 Erkrankte (0,1%), das entspricht einem PSI von 1. Die "Neue Grippe" weist gegenwärtig in dem am stärksten betroffenen Land (England) eine Letalität von 0,14 % auf (PSI 2).

Milde des Krankheitsverlaufs bewirkt Unterschätzung der Infizierten und Überschätzung der Letalität

Viele Fälle einer Infektion mit dem pandemischen Influenza-Virus verlaufen sehr milde bzw. asymptomatisch (30-50%), sodass diese Fälle dem Gesundheitswesen nicht bekannt werden und daher auch nicht als solche bestätigt oder gemeldet werden können. Aufgrund der vielen, milden Verläufe der "Neuen Grippe" kann das tatsächliche Ausmaß der Verbreitung unterschätzt und die tatsächliche Letalität (durch Fehlen der milden Erkrankungsfälle im Nenner) überschätzt werden.

So ist die Bedeutung der Influenza als ansteckende Erkrankung und als Todesursache - selbst in der westlichen Welt - gegenüber etwa der Tuberkulose verschwindend klein.

Prävention und Behandlung - Was wirkt, was nicht?

1) Medikamente: Gewisse, aber geringe Wirksamkeit in der Symptombehandlung (vorausgesetzt es liegen keine Resistenzen vor)

Zur ursächlichen Behandlung stehen die Neuraminidasehemmer Oseltamivir (Tamiflu(R)) und Zanamivir (Relenza(R)) zur Verfügung. Sofern keine Virus-Resistenzen vorliegen, ist von diesen antiviralen Medikamenten eine gewisse moderate Verringerung der individuellen Krankheitsdauer (ca. 1 Tag) und des Krankheitsschweregrades zu erwarten. Es liegen vereinzelte Fall-Berichte über Virus-Resistenz vor.

Generell scheinen die in Australien und Europa zirkulierenden Influenza-Virus-Stämme noch gegenüber Oseltamivir sensibel zu sein. Prophylaktisch sind antivirale Medikamente nicht empfohlen, und sollen daher nur symptomatischen PatientInnen, optimal innerhalb von 48 Stunden nach Symptombeginn, verabreicht werden. Es treten Nebenwirkungen auf und die Verabreichung an Kinder wird aufgrund der Nebenwirkungen international sehr kritisch gesehen.
Die Resistenzlage wird sich wahrscheinlich- etwa durch inadäquat häufige Verwendung - verschlechtern. Wie rasch, kann man derzeit nicht vorhersagen, muss aber auch in Österreich streng und genau überwacht werden. Ob beim Höhepunkt der Influenzasaison die Medikamente überhaupt wirken können, ist unbekannt und gilt abzuwarten.

2) Impfungen: Gewisse Wirksamkeit bei Subgruppen (chronisch Kranke, Pflegende)

Nachdem die "Neue Grippe" in allen ihren bisherigen Ausprägungen als milde, der saisonalen Influenza vergleichbare Grippe zu bezeichnen ist, können die Impfpläne (Beschränkung der Impfung auf "vulnerable" Gruppen) zur Geltung kommen. Das betrifft etwa 20 -30% der Bevölkerung. Die Impfwirkung sollte aber auch hier nicht überschätzt werden. Es ist nur eine Verflachung und Verlangsamung der Erkrankungswelle, keinesfalls eine Verhinderung der epidemischen Ausbreitung der Influenza in Österreich realistisch erwartbar.

Negative Effekte auf die Wirtschaft sind nicht nachweisbar

Neben volksgesundheitlichen Bedrohungen durch Influenzawellen wird die volkswirtschaftliche Bedeutung durch Arbeitsplatz-Absenzen betont. Gesundheitsexperte und Co-Autor des Berichts, Dr. Franz Piribauer, MPH: "Auch dafür liegt trotz Analysen keine Evidenz vor, dass wirtschaftliche Einbußen durch milde oder moderate Influenza-Pandemien nachweisbar sind. Wirtschaftliche Bedeutung könnten aber schon medial verbreitete Epidemiewarnungen von privater Seite haben, die z.B. zu einem Rückgang etwa im Tourismus führen. Solche Phänomene wurden in der Vergangenheit beim Auftreten anderer Infektionskrankheiten tatsächlich in Österreich beobachtet".

Evidenzbasierte Pandemie-Risiko-Kommunikation durch KoordinatorIn wäre kosteneffektiv

Da Politik "aktivitätsgetrieben" ist, ist ein "vernünftiger" und kosteneffektiver Umgang mit der "Schweinegrippe-Pandemie" angeraten. Dringend zu empfehlen ist: ein/e Industrie- und lobbyfreie/r Pandemiekoordinator/in, dessen Aufgabe es ist, am letzten Stand der internationale Evidenz zu sein, daraus politische Empfehlungen zu formulieren und auch evidenzbasierte Risikokommunikation gegenüber den Medien zu pflegen. Auch werden eine Überarbeitung des österreichischen Pandemieplans und ein Überdenken der Anlehnung an das CDC-Schweregradmodell, statt an das WHO-Phasenmodell empfohlen.

"Neue Influenza (Schweinegrippe) - Daten, Fakten zur Entscheidungsunterstützung" DSD Nr. 35 online verfügbar unter http://eprints.hta.lbg.ac.at/845

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