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"Die Presse"-Leitartikel: Die Blutlüge und die Meinungsfreiheit, von Christian Ultsch
Ausgabe vom 25.08.2009
Wien (OTS) - Israel liegt falsch, wenn es von Schwedens Regierung
eine Entschuldigung für einen Zeitungsartikel verlangt.
Das schwedische Revolverblatt "Aftonbladet" hat unlängst eine
erbärmlich recherchierte Geschichte mit Anklängen an den alten
antisemitischen Ritualmordtopos veröffentlicht. Der freie Journalist
Daniel Boström stellt in seinem Artikel den Vorwurf in den Raum,
israelische Soldaten hätten Palästinensern Organe entnommen und damit
Handel getrieben. Beweise liefert er nicht. In wilder Manier
verbindet der Schreiber Gerüchte, die seit Jahren unter
Palästinensern kursieren, mit einer Organhandelaffäre, die jüngst in
den USA aufgeflogen ist und in die Juden verwickelt sind. Und eine
eigene Beobachtung mischt er auch noch unter sein wüstes Potpourri:
1992 habe er die Leiche eines Palästinensers fotografiert, den
Israels Armee an die Hinterbliebenen übergeben habe. Der leblose
Körper sei an Brust und Bauch vernarbt gewesen, also offenbar
obduziert worden.
Es ist nur allzu verständlich, dass jüdische Bürger wütend auf das
Pamphlet reagieren. Denn Widerlicheres hätte man der israelischen
Armee und damit auch dem Staat Israel kaum unterstellen können. Die
unbewiesene Buchstabensuppe, die Daniel Boström zusammengebraut hat,
weckt bei Juden Assoziationen zur mittelalterlichen Blutlüge: Um das
Jahr 1200 tauchte in Frankreich erstmals die Anschuldigung auf, Juden
hätten Christenkinder ermordet, um deren Blut fürs Pessach-Fest zu
verwenden. Ein Pogrom gegen Juden, das erste in Frankreich, war die
Folge. In den Jahrhunderten danach wurden in ganz Europa immer wieder
Judenverfolgungen mit derlei Hirngespinsten gerechtfertigt.
"Aftonbladet" hätte den Artikel, dessen unbewiesene Behauptungen
antisemitische Ressentiments schüren, besser nicht abgedruckt. Die
Redaktion hätte mehr Feingefühl zeigen und mehr journalistische
Sorgfalt walten lassen müssen.
Dennoch ist die Reaktion der israelischen Regierung auf das windige
Elaborat völlig überzogen. Der Artikel war auf einer der hinteren
Seiten der schwedischen Zeitung platziert. Er wäre, wie Lena Posner,
die Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Schwedens in der israelischen
Zeitung "Haaretz" angemerkt hat, wohl kaum einer breiteren
Öffentlichkeit aufgefallen, wenn die israelische Regierung nicht so
harsch darauf geantwortet hätte.
Als Erster schoss Israels Vize-Außenminister übers Ziel: Er verlangte
eine offizielle Entschuldigung der schwedischen Regierung. Diese
Forderung verrät ein etwas eigenartiges Demokratieverständnis:
Politiker sind nicht verantwortlich für das, was in unabhängigen
Zeitungen steht. Deshalb wäre es auch absurd, wenn sie dafür um
Verzeihung bäten.
Die Vorgangsweise der israelischen Rechtsrabauken-Regierung erinnert
an den sogenannten Karikaturenstreit vor vier Jahren. Damals wollten
islamische Staaten die dänische Regierung drohend zu einer
Entschuldigung für die Mohammed-Karikaturen drängen, die in der
Zeitung "Jyllands-Posten" erschienen waren.
Wer so agiert, hebt das Thema auf eine völlig neue Ebene. Es geht
dann nicht mehr um Islamophobie oder Antisemitismus, sondern um
Meinungsfreiheit. Ab dem Moment, als Israels Regierung die
Angelegenheit zu einer Staatsaffäre machte, kam es zu einem
Schulterschluss in Schweden. Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt und
Außenminister Carl Bildt wiesen völlig zu recht darauf hin, dass
freie Meinungsäußerung ein unentbehrlicher Bestandteil einer
Demokratie sei. Und da hat der Staat nun einmal unabhängigen Medien
nicht vorzuschreiben oder zu verbieten, was sie veröffentlichen
sollen und was nicht.
Israels Premier Benjamin Netanjahu meinte zuletzt, Schwedens
Regierung müsse sich gar nicht entschuldigen. Es reiche, wenn sie den
Artikel in "Aftonbladet" verurteile. Aber auch da sitzt er einem
Missverständnis auf. Staatsfunktionären obliegt es nicht, wie
Punkterichter die Qualität von Medienbeiträgen zu bewerten.
Als ungeeignet für das Amt eines Außenministers erwies sich einmal
mehr Avigdor Lieberman. Er verglich die passive Haltung Schwedens mit
dessen Non-Intervention im Zweiten Weltkrieg. Dabei unterschlug er,
dass es gerade Schweden wie Wallenberg und Bernadotte waren, die
tausenden Juden das Leben gerettet haben.
Der Schaden ist angerichtet, schon kursieren Petitionen für einen
Ikea-Boykott. Israels Regierung sollte den Streit nicht mit der
schwedischen Regierung, sondern mit der Zeitung selbst ausfechten,
und zwar vor einem Gericht. Wobei sich der Unsinn, den Daniel Boström
über den angeblichen Organhandel verzapft hat, eigentlich selbst
richtet.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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