- 12.08.2009, 18:10:51
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Neue Sachlichkeit gefragt" von Petra Stuiber
Im Fall Kampusch gibt es noch viel aufzuklären - besser ohne mediale Provokationen - Ausgabe vom 13.8.2009
Wien (OTS) - Die Mitglieder der "Kampusch-Evaluierungskommission"
haben recht: Sie haben tatsächlich keine Befugnisse, Natascha
Kampusch hochoffiziell vor einer Gefährdung durch mögliche Mittäter
Wolfgang Priklopils zu warnen. Die Kommission ist weder Exekutive
noch Judikatur. Die Kommission soll Akten durchforsten,
interpretieren, Empfehlungen an die Staatsanwaltschaft aussprechen -
und sie kann etwaige Widersprüche aufzeigen und dafür öffentliches
Bewusstsein schaffen. Letztere Aufgabe hat sie, unter dem Vorsitz des
ehemaligen VfGH-Präsidenten Ludwig Adamovich, zur Genüge erfüllt.
Zum Teil leider in fragwürdigem Stil: Mit der Interpretation,
Kampusch sage wohl deshalb nicht die ganze Wahrheit, weil es ihr beim
Entführer, im Vergleich zu daheim, relativ gut ergangen sei, hat sich
der früher so zurückhaltende Adamovich selbst keinen Gefallen getan -
und seiner rechtlich auf tönernen Füßen stehenden Kommission erst
recht nicht. Es fragt sich, was er damit bezwecken wollte: dass ein
schwer traumatisiertes Opfer mit einer solchen Provokation aus der
Reserve gelockt wird und wunschgemäß Verbrecher ans Messer liefert?
Und was meinte, kurz danach, der ehemalige OGH-Präsident Johann
Rzeszut, als er in einem Massenblatt schrieb, Kampusch sei in akuter
Lebensgefahr? Was sollte das bringen - außer etwaige Mittäter auf
Ideen?
Trotz dieser medialen Entgleisungen ist es freilich unangebracht,
Adamovich und Co als geltungsbedürftige Senioren zu diffamieren, die
ihre Pension nicht verkraften können. Der "Fall Kampusch" birgt immer
noch den Stoff, aus dem Legenden sind. Denn aufzuklären gäbe es
genug. Dass Natascha Kampusch acht Jahre verschwunden blieb, hat sehr
wahrscheinlich mit fatalen Ermittlungspannen zu tun. Hinweise wurden
nicht oder nur halbherzig verfolgt, Zeugen wurde nicht geglaubt,
Spuren nicht nachgegangen. Und als sich das Opfer aus seiner
Gefangenschaft befreien konnte, hat die Staatsanwaltschaft den Akt
mit mysteriöser Schnelligkeit geschlossen. Kampuschs (zum Teil sehr
fragwürdige) Betreuer bekamen wichtige Einvernahmeprotokolle
ausgehändigt, alle Recherchen wurden eingestellt - im Namen eines
Opferschutzes, an den man sich, spät genug, wieder erinnerte.
Der Fall Kampusch ist freilich nicht nur eine Frage des
Opferschutzes: Der Rechtsstaat muss jedes Interesse daran haben,
etwaige Mittäter und Mitwisser auszuforschen, einen möglichen
Kinderporno-Ring auszuheben und aufzudecken, ob - was vonseiten
mancher Ermittler immer wieder angedeutet wurde - auch etwaige
hochgestellte Persönlichkeiten dabei waren. Und, so unpopulär und
heikel das auch sein mag: ob Natascha Kampusch selbst die Wahrheit
sagt oder wichtige Details ihrer Entführung wissentlich oder
unwissentlich verschweigt.
Sie selbst lässt über ihren Anwalt übrigens ausrichten, sie sei an
einer Aufklärung höchst interessiert und stehe jederzeit zur
Verfügung. Das tat Kampusch schon bisher - sie hat noch nie eine
Befragung verweigert. Dass sie dabei befriedigende, plausible
Antworten gab, ist damit noch nicht gesagt.
In einem Punkt ist Kampusch zuzustimmen: Es ist an der Zeit, dass man
aufhört, sich Unfreundlichkeiten über Medien auszurichten. Einer der
dubiosesten Kriminalfälle Österreich verlangt nach Aufklärung - im
Interesse des Rechtsstaats und im Interesse des Opfers. Ohne eine
neue Sachlichkeit, auf beiden Seiten, wird das wohl nicht möglich
sein. Wenn die "Soko Kampusch" unter Leitung des Grazer
Oberstaatsanwalts Thomas Mühlbacher nicht endlich transparent macht,
was damals geschah, werden Spekulationen und Verschwörungstheorien
wohl noch Jahrzehnte weiter blühen.
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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