• 24.07.2009, 18:30:06
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"Die Presse"-LEITARTIKEL: Das Spiel der Mutlosen, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 25.07.2009

Wien (OTS) - Man möchte wissen, wann wieder jemand
Salzburg-Intendant wird, der mehr will, als seinen Job machen.

Das diesjährige Generalthema der Salzburger Festspiele lautet "Das
Spiel der Mächtigen". Daniel Kehlmann wird dazu einiges zu sagen
haben, aus literarischer und aus philosophischer Sicht. Vielleicht
auch aus politischer Sicht, wenngleich er zu den wenigen Autoren von
Rang gehört, die der Versuchung widerstehen, der Welt unaufgefordert
zu erklären, wie sie eigentlich zu sein hätte.

Man könnte meinen, es handle sich bei der Wahl dieses Festspielmottos
um einen Anfall von Selbstironie seitens des Festspieldirektoriums.
Nach herkömmlicher Lesart ist das, was jetzt in Salzburg rund um den
vorzeitigen Abgang des Intendanten Jürgen Flimm passiert, ein
klassischer Fall von "Spiel der Mächtigen": Kommunale, föderale und
nationale Kleingeistpolitik trifft auf einen etwas angejahrten
Kunstbetriebsfuchs, der doch gern zu Hause als Kunstmanager in
Pension gehen möchte. Ein Stück, in dem Heinz Schaden, Gabi
Burgstaller, Claudia Schmied, Helga Rabl-Stadler und Jürgen Flimm die
Hauptrollen spielen, könnte nicht einmal der Opernregisseur Jürgen
Flimm fad inszenieren, obwohl er das an sich ganz gut kann.

Wenn man sich das aktuelle "Spiel der Mächtigen" anschaut, fällt
einem zugleich auf, wie relativ der Machtbegriff im politischen
Kontext geworden ist. Klar können die genannten Herrschaften formal
Entscheidungen treffen. Aber sie erweisen sich als Getriebene, als
Zauderer, als Desinteressierte, letztlich als Zuschauer eines Spiels,
das sie eigentlich leiten sollten. Machtlos in einem formalen Sinn
sind sie also nicht, aber es ist ein Spiel der Mutlosen, und ohne Mut
ist die formale Macht nur ein leeres Gefäß. Es tönt hohl, wenn man es
an- oder gar umstößt.

Die Salzburger Festspiele waren immer schon so etwas wie eine
seismografische Station zur Ermittlung der gesellschaftlichen und
politischen Bebenlage: Unter Karajan konnte man die
Unerschütterlichkeit eines bürgerlichen Selbstbewusstseins
feststellen, unter Mortier die allseitige Erregungsbereitschaft einer
Avantgarde, die sich wacker mühte, das zeitgenössische Alphabet rauf-
und runterzubuchstabieren. Den sich da und dort einstellenden Mangel
an künstlerischer Erregungskapazität glich man politisch aus. Der
antifaschistische Karneval, bei dem sich die Wohlgesinnten selbst
feierten, war auf dem Höhepunkt.

Der jetzt abtretende Jürgen Flimm ist, wenn man so will, einer der
Spitzenvertreter des Mittelmaßes. Er kann, wenn es sein muss,
politisch mit jedem. Mit Wolfgang Schüssel, dessentwegen Gérard
Mortier zur Not auch seinen öffentlichen Selbstmord zur Rettung der
Welt vor dem Neofaschismus angekündigt hätte, ist er auf bestem Fuß.
Kein Wunder: Die Kombination aus katholischem Jazzmessenreformertum
und Machtinstinkt, die Schüssel verkörpert, und das
Alt-68er-Kulturbetriebsmechanikergeschick, das Flimm auszeichnet,
sind die ideale Voraussetzung für ein gefahrloses Gespräch unter
Nichtgesinnten.

Die künstlerische Beurteilung von Salzburg-Intendanzen ließ sich nie
von den politischen Interessen trennen, die die Mächtigen zum
Zeitpunkt der Bestellung hatten. Zumindest, solange es in diesem Land
so etwas wie Kulturpolitik gab. Die Konservativen hatten ein
Interesse, bürgerliche Repräsentationskunst auf Weltniveau zu bieten.
Die Linken waren auf der Suche nach Kulturmanagern, die bereit waren,
auch einfach nur schlechte Inszenierungen als notwendigen Kampf der
Avantgarde gegen das Lodenjankersumpertum zu präsentieren. Jedenfalls
wollte man Salzburg "neu erfinden", will heißen, dem Bürgertum
entreißen.

Man kann das eine mögen oder das andere, das Ergebnis waren in der
Regel Dinge, über die man streiten konnte. Seit es in diesem Land
keine Kulturpolitik mehr gibt, ist ein Minidiskurs über die
Berechtigung des Begriffs "Netrebko-Show" das Höchste der Gefühle.
Nur das "Mozart 22"-Projekt im Jubiläumsjahr 2006 ragt aus den
letzten Jahren wirklich heraus. Kein Wunder: Es galt zunächst als
"verrückt" und "undurchführbar".

Gérard Mortier hätte vermutet, dass sein vorzeitiger Abgang
mindestens eine Großintrige des Weltnazitums darstellte. Jürgen Flimm
meint in "News", er habe wohl jemandem den Parkplatz verstellt. Und:
"Ich habe meinen Job gemacht, mit mehr oder weniger Erfolg, aber
immer mit guten finanziellen Ergebnissen. Das müsste die doch
interessieren."

Nein, "die", die so genannten Mächtigen, interessiert genau nichts.
Aber uns würde interessieren, wann wieder jemand den Mut haben wird,
als Salzburg-Intendant mehr zu machen als nur seinen Job.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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