"Die Presse" Leitartikel: Obamas Waldorf-Ansatz für die islamische Welt, vob Christian Ultsch

Ausgabe vom 05.06.2009

Wien (OTS) - Barack Obama will den USA wieder zur Rolle eines ehrlichen Maklers im Nahen Osten verhelfen.

Es war eine schöne Rede, die Barack Obama in Kairo gehalten hat. Im ersten Teil zog er alle rhetorischen Register, um der islamischen Welt seine Achtung zu bekunden. Er erinnerte freundlicherweise an deren schon etwas länger zurückliegende zivilisatorische Errungenschaften wie Algebra, bemühte sich um die korrekte Aussprache arabischer Wörter und hob seinen Mittelnamen, Hussein, sowie seine multikulturelle Kindheit in Indonesien hervor.

Seine Zuhörer in der Al-Azhar-Universität fühlten sich offenbar geschmeichelt. Man merkte es an ihrem Applaus, der jedes Mal aufbrandete, wenn der amerikanische Gast den Koran zitierte. Als Zuschauer vor dem Fernseher in Wien beschlichen einen in diesem Moment ernsthafte Befürchtungen, dass Obama diesmal nicht nur seinen Biografieschmäh auspackt, sondern auch völlig unverbindlich über die schöngefärbten Gemeinplätze des Dialogs der Zivilisationen tänzelt.

Doch dann zitierte Obama neuerlich den Koran: "Sprecht immer die Wahrheit", sagte der US-Präsident. Und als er begann, dieser Aufforderung gerecht zu werden und auch Spannungsfelder beim Namen zu nennen, wurde seine Ansprache interessant. Sieben Herausforderungen schnitt er an, die der Westen und die islamische Welt gemeinsam meistern müssten: den Terror, den israelisch-palästinensischen Konflikt, Irans Nuklearprogramm sowie den Mangel an Demokratie, Frauenrechten, religiöser Freiheit und wirtschaftlicher Entwicklung im Nahen Osten. Dabei verfiel der meisterhafte Redner jedoch nie in einen anklagenden oder belehrenden Ton.

Den größten Eindruck wird Obama vermutlich mit seiner Haltung im zentralen Nahost-Konflikt hinterlassen haben: Er stellte zwar gleich zu Beginn klar, dass Amerikas Bande zu Israel unverbrüchlich seien. Gleichzeitig bezeichnete er jedoch die Lage des palästinensischen Volkes als untragbar und legte ein Bekenntnis zu einer Zwei-Staaten-Lösung ab. Israel forderte er neuerlich auf, den Bau von Siedlungen in besetzten Gebieten zu stoppen. An die Palästinenser appellierte er, sich an friedlichen, gewaltlosen Freiheitsbewegungen ein Beispiel zu nehmen.

Nach acht Jahren Bush, der Israel in allen Belangen unkritisch und parteiisch unterstützte, ist Obama fest entschlossen, den USA wieder zur Rolle eines ehrlichen Maklers zu verhelfen. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Doch nur so kann Amerika in der arabischen Welt wieder an Boden gewinnen. Und bisher hat sich bemerkenswerterweise kein Mitglied der so oft beschworenen jüdischen Lobby in den USA öffentlich darüber beschwert, dass Obama nun einen härteren Kurs gegenüber der israelischen Hardliner-Regierung unter Benjamin Netanjahu fährt.

0bama mischt in seiner Außenpolitik Realismus und Idealismus neu ab. Einerseits schreckt er nicht vor pathetischen Visionen zurück. Dank seiner blendenden Rhetorik vermag er es, mitreißende Träume von einer besseren Welt erstehen zu lassen: einer Welt, in der es keine Atomwaffen gibt - und Frieden, Demokratie und wirtschaftlichen Aufschwung im Nahen Osten sowieso. Andererseits verzichtet Obama in Anknüpfung an den realistischen Traditionsstrang amerikanischer Außenpolitik darauf, diktatorische Alliierte der USA mit öffentlicher Kritik vor den Kopf zu stoßen. Vor allem dadurch unterscheidet er sich fundamental von seinem Vorgänger, der zumindest in seiner ersten Amtszeit den Anspruch erhob, diverse "Achsen des Bösen" zu brechen und Leuchttürme der Freiheit im Nahen Osten zu installieren, allerdings mit militärischen Mitteln.

Der neue US-Präsident setzt gleichsam auf andere pädagogische Methoden. Er will nicht mit Drohungen und Strenge führen wie sein Vorgänger, sondern mit gutem Beispiel vorangehen. Niemand weiß, ob und welche Konsequenzen dieser antiautoritäre Waldorf-Ansatz haben wird. Bekannt ist nur, dass Bushs Stil durchwegs kontraproduktive Auswirkungen hatte.

Obama wird die arabische Welt nicht allein durch gutes Zureden verändern. Mit Reden wie in Kairo kann es der US-Präsident diversen arabischen Despoten jedoch schwerer machen, den Westen und insbesondere Israel für alles Übel der Welt verantwortlich zu machen. Jetzt müssen Taten folgen - aber nicht nur in Washington. Die Araber sollten sich auch selbst fragen, wie sie ihre Lebenssituation verbessern können. Denn letztlich müssen die arabischen Bürger - und nicht die USA oder Israel - selber dafür sorgen, dass ihre Staaten nicht länger in Analphabetismus, Ungleichheit und korrupter Rückständigkeit versinken.

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