"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Gewicht des Nicht-Gesagten" (Von MICHAEL SPRENGER)

Ausgabe vom 13. Mai 2009

Innsbruck (OTS) - Die Erwartungshaltung vor der Rede des Papstes
in Yad Vashem war groß. Er konnte sie nicht erfüllen.
Nein, Papst Benedikt XVI. hat auf seiner Reise ins Heilige Land nichts Falsches gesagt. Doch dies ist keine Leistung. Seine Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hätte der Höhepunkt dieser heiklen Mission werden sollen. Doch der Papst entschied sich für die kontrollierte Zurückhaltung, nicht für die große Geste. Sein strenges Festhalten am Manuskript verhinderte eine historische Rede. Zu viel wurde ausgeklammert.
Dass der Papst aus Deutschland den Holocaust und seine Leugner an diesem Ort verurteilte, ist gelinde gesagt eine moralische Selbstverständlichkeit. Für einen Intellektuellen, und dieser ist Papst Benedikt XVI. zweifelsohne, kein Grund, um ihn hierfür zu loben. Wenn er, der selbst ein Hitlerjunge war, den Antisemitismus geißelt, aber die Täter der sechs Millionen ermordeten Juden nicht beim Namen nennt und mit keinem Wort die Aufhebung der Exkommunikation der Piusbruderschaft erwähnt, so verpufft seine Kritik, weil sie zu oberflächlich ist. Denn immerhin ermöglichte der Papst mit seinem Schritt dem Holocaust-Leugner Richard Williamson die Rückkehr in die katholische Kirche. Und wenn der Papst zudem die Rolle der Kirche im Zusammenhang mit der Judenverfolgung ausspart, dann hat er es verabsäumt, ein weiteres Zeichen der Versöhnung zwischen Juden und Christen zu setzen.
Der Papst und die Seinen wussten, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird. Vielleicht - um die Schlagzeilen der jüngeren Vergangenheit zu verhindern, entschied er sich für eine zu vorsichtige Rede. Doch auch Worte, die nicht gesagt werden, wiegen schwer.

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