• 28.04.2009, 15:21:48
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Mexikanische Grippe: Turbulenzen auf Agrarmärkten überzogene Schockreaktion

WHO und OIE: Ausschließlich Humaninfektion - Experten sehen rasche Erholung

Wien (AIZ) - Die von Mexiko und den USA ausgehende Grippeepidemie
ließ zu Wochenbeginn zusätzlich zur aktuellen Krise und dem ohnehin
gedämpften Preisniveau für Agrarprodukte weitere negative
wirtschaftliche Folgen befürchten. Rund um den Globus verfielen am
Montag Preise und Notierungen zahlreicher Rohstoffe von Aktien,
Metallen und Rohöl bis hin zu agrarischen Rohstoffen. Dies könnte
aber zumindest auf den Märkten für Agrarrohstoffe eine nur
kurzfristige, überzogene Schockreaktion gewesen sein. Die Verluste
blieben letztlich hinter den Befürchtungen zurück und eine zunehmende
Zahl von Experten rechnet mit einer raschen Erholung der Agrarpreise
- zumal weil es sich bei der in der Öffentlichkeit als
"Schweinegrippe" gehandelten Epidemie laut Institutionen wie
Weltgesundheitsorganisation WHO, Weltorganisation für Tiergesundheit
OIE, Europäischer Kommission und anderer um keine Tierseuche, sondern
um eine ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragene, medikamentös
gut behandelbare Humaninfektion handle.

Tatsächlich erholten sich am Montag, dem ersten Handelstag seit
dem Bekanntwerden der Infektionswelle, die meisten Notierungen
agrarischer Rohstoffe wieder von ihren dramatischen Einbrüchen im
Frühhandel und schlossen letztlich in "abwartender Stimmung" mit nur
moderaten Verlusten. Im Frühhandel des Dienstags grenzten sich die
Verluste weiter ein, wobei Experten davon sprachen, "die
Schweinegrippe ist nun eingepreist, sollte nicht eine dramatische
Ausweitung auf eine Pandemie folgen". Die Fähigkeit der Märkte, sich
so rasch wieder von dem ersten Schock zu erholen, legt nahe, dass man
die schlimmsten Folgen der Missverständnisse um den Verursacher der
Krankheit schon gesehen habe.

Asiatische Entwicklungsbank: SARS-Epidemie 2003 auch nur mit
begrenzten Folgen

Die Experten verweisen dabei auf die wirtschaftlichen Folgen der
viralen Lungenkrankheit SARS 2003 in Ostasien. Auch hier hätte sich
die Wirtschaft nach einer kurzen Schockphase schnell wieder erholt.
Einer Studie der Asiatischen Entwicklungsbank zufolge habe der
Ausbruch der Lungenseuche damals das Wirtschaftswachstum der Region
um lediglich 0,6% verringert. Davon sei vor allem nur die
Reise-Tourismusbranche betroffen worden. Ähnlich wie damals erwartet
nun eine zunehmende Anzahl von Analysten nur kurzfristige
Auswirkungen auf die Agrarmärkte und eine baldige Erholung, wenn sich
der Fokus wieder auf fundamentale Marktdaten richtet.

Bearishes Sentiment nicht nachhaltig - Link zu Getreideverbrauch
"psychologisch"

Laut dem Nachrichtendienst Dow Jones News sieht etwa der
US-Analyst Duane Lowry von Market News Inc. die erste Reaktion des
Marktes auf die Influenzaepidemie als "bearish", der "Nachhaltigkeit
solcher negativer Auswirkungen fehlt aber die Wirkungskraft". Dow
Jones News erinnert an die Meldung des ersten BSE-Falles in den USA
kurz vor Weihnachten 2003. Als Reaktion fielen die Maisnotierungen an
der Börse in Chicago (CBOT) fast ins Limit-down (größtmöglicher
Kursverlust an einem Handelstag) auf ein Fünf-Wochen-Tief. Zum
Neujahrstag waren die Kursverluste aber zur Gänze wieder aufgeholt.
Auch JP Morgan sieht den Preisdruck auf die Mais- und Sojanotierungen
nur als "temporär". Die Angst um den Nachfrageeinbruch werde von den
schwachen Produktionsaussichten in Südamerika und der Verzögerung der
US-Frühjahrsaussaat aufgewogen. JP Morgan bezeichnet den Zusammenhang
zwischen "Schweinegrippe" und Nachfrage nach Futtergetreide als
"schwach und weitgehend psychologisch", weil deren Ausbruch nichts
mit dem Konsum von Schweinefleisch zu tun habe.

BRD-Agrarressort: Name "Schweinegrippe" irreführend - richtig:
"Mexikanische Grippe"

Das deutsche Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) in Berlin
spricht mittlerweile von "Schweinegrippe" als irreführende
Bezeichnung und nennt die Humaninfektion "Mexikanische Grippe",
berichtet die Fachzeitung Ernährungsdienst (ED). Die "mexikanische
Grippe" ist nach Angaben des BMELV auch nicht vergleichbar mit der im
Volksmund als "Vogelgrippe" bezeichneten Aviären Influenza, die durch
den Erreger H5N1 ausgelöst wird und als Tierseuche eingestuft ist.
Die "Mexikanische Grippe" könne dagegen als Humaninfektion - ohne
Kontakt zu Schweinen - von Mensch zu Mensch weitergegeben werden, so
das BMELV. Da das Virus nur Ähnlichkeiten mit H1N1-Viren aufweist,
die bei Schweinen vorkommen, wird es jetzt als Schweinegrippe
bezeichnet. Das Virus sei noch nie bei Schweinen nachgewiesen worden,
betont das BMELV. Deswegen bestünde kein Ansteckungsrisiko beim
Kontakt mit Schweinen, beim Verzehr von Schweinefleisch oder daraus
hergestellten Produkten. Schließlich weist das Ministerium auch
darauf hin, dass es auch keinen Zusammenhang zwischen der Erkrankung
"Schweinepest" und der "Mexikanischen Grippe" gebe: Schweinepest
werde zwar auch durch Viren übertragen, aber eben nicht durch
Influenzaviren.

Trotz Entwarnung zahlreiche Handelsbarrieren errichtet -
protektionistische Motive vermutet

Trotz der Entwarnung durch die WHO, dass es keinerlei Anzeichen
dafür gebe, die Mexikanische Grippe könne durch Kontakt mit Schweinen
oder den Verzehr von Schweinefleisch übertragen werden, reagierten
einige Staaten mit Handelsrestriktionen. Russland stoppte
vorübergehend sämtliche Fleischimporte aus Mexiko und einigen
US-Bundesstaaten sowie von Schweinefleisch aus drei weiteren
lateinamerikanischen Ländern. China, die Ukraine und die Philippinen,
Thailand, Kasachstan und die Vereinigten Arabischen Emirate bannten
die Einfuhr von Lebendschweinen und Schweinefleisch aus Mexiko und
zumindest Teilen der USA. Hinter der Errichtung von Handelsbarrieren
dürften aber in Fällen wie Russland durchaus auch andere Motive wie
die Protektion der eigenen Produktionssparten vor ausländischer
Konkurrenz stecken, vermuten Beobachter. Russland nahm 2008 10% der
US-Schweinefleischexporte im Wert von USD 476 Mio. (EUR 362,67 Mio.)
auf.

Vom Verfall der Kurse der Agrarrohstoffe waren an den
internationalen Leitbörsen in Chicago (CBOT und CME) im Frühhandel am
Montag vor allem Schweinehälften und Ferkel betroffen. In der Folge
gaben wegen der Angst um einen Rückgang der Nachfrage nach
Futtermitteln auch der Sojakomplex und Mais nach. Der unmittelbare
Zusammenhang zwischen dem Absatzpotenzial von Schweinen und jenem von
Futtergetreide ist klar: Die 114 Mrd. in den USA 2008 geschlachteten
Schweine konsumierten 31,75 Mio. t Mais und 8,16 Mio. t Sojabohnen.
Allein der mit 900.000 t Importen fünftgrößte Schweinefleischkunde
der USA steht dabei für einen Maisverbrauch von 2,7 Mio. t Mais und
1,2 Mio. t Sojabohnen.

Weizen und Rindfleisch weniger betroffen - EU: Weizen und
Schweinekassamärkte stabil

Weniger betroffen waren der Rindfleischsektor und der Weizenmarkt.
Die Weizenfutures an der CBOT behielten dabei mehr die Fundamentals
wie die Verzögerung des Frühjahrsanbaus in den USA im Blickwinkel. In
Europa folgte die Euronext.Liffe in Paris dem Trend in den USA.
Starke Verluste zu Handelsbeginn am Montag in der Früh milderten sich
im Laufe des Handelstages und am Dienstag deutlich wieder ab. Auf die
europäischen Weizenkassamärkte habe sich die Reaktion weit schwächer
niedergeschlagen, hieß es in Paris, und auch der europäische
Weizenfutures habe mit einer zunehmend maßvolleren Betrachtung der
Dinge sein Tief wieder überwunden. "Obwohl die ersten Auswirkungen
heute schon etwas brutal waren, muss man sich vor Augen halten, dass
die Menschen, wenn sie weniger Schweinefleisch essen, dann halt mehr
Geflügel verzehren werden", zitiert Reuters einen Händler an der
Euronext. Am Dienstag gegen 14.00 Uhr hielt sich der Weizenfutures an
der Euronext.Liffe in Paris unverändert gegenüber Montag bei EUR
139,50 pro t für den vordersten Liefertermin, den Mai 2009. Der für
die neue Ernte maßgebliche Novemberweizenfutures hielt zu diesem
Zeitpunkt mit EUR 143,75 den deutlichen Preisbonus für die Ernte 2009
und spürbar über der psychologisch wichtigen Schwelle von EUR 140,-
pro t.

Der deutsche Kassamarkt für Weizen war am Montag von Abwarten auf
Anbieter und Aufkäuferseite gekennzeichnet. In Italien hatte die
"Schweinegrippe"-Berichterstattung keine Auswirkung auf die Weizen-
und Maispreise, nachdem sich diese schon vorige Woche wegen einer
verringerten Ernteerwartung erholt hatten. Ebenso wenig konnte der
erste Erkrankungsfall in Europa in Spanien der Erholung der
Weizenpreise auf der iberischen Halbinsel etwas anhaben.

An der Warenterminbörse RMX in Hannover musste der
Schlachtschweinefutures am Montag starke Kurseinbrüche unter die
psychologisch wichtige Marke von EUR 1,50 pro kg hinnehmen.
Allerdings hieß es, der Kassamarkt verlaufe weiterhin sehr positiv
und die angebotenen Schlachtschweine wären reibungslos absetzbar.
(Schluss) pos/pom

Rückfragehinweis:
aiz.info - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst
Tel.: 01/533 18 43
Fax: 01/535 04 38
Web: aiz.info
mailto: [email protected]

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