Mexikanische Grippe: Turbulenzen auf Agrarmärkten überzogene Schockreaktion

WHO und OIE: Ausschließlich Humaninfektion - Experten sehen rasche Erholung

Wien (AIZ) - Die von Mexiko und den USA ausgehende Grippeepidemie ließ zu Wochenbeginn zusätzlich zur aktuellen Krise und dem ohnehin gedämpften Preisniveau für Agrarprodukte weitere negative wirtschaftliche Folgen befürchten. Rund um den Globus verfielen am Montag Preise und Notierungen zahlreicher Rohstoffe von Aktien, Metallen und Rohöl bis hin zu agrarischen Rohstoffen. Dies könnte aber zumindest auf den Märkten für Agrarrohstoffe eine nur kurzfristige, überzogene Schockreaktion gewesen sein. Die Verluste blieben letztlich hinter den Befürchtungen zurück und eine zunehmende Zahl von Experten rechnet mit einer raschen Erholung der Agrarpreise - zumal weil es sich bei der in der Öffentlichkeit als "Schweinegrippe" gehandelten Epidemie laut Institutionen wie Weltgesundheitsorganisation WHO, Weltorganisation für Tiergesundheit OIE, Europäischer Kommission und anderer um keine Tierseuche, sondern um eine ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragene, medikamentös gut behandelbare Humaninfektion handle.

Tatsächlich erholten sich am Montag, dem ersten Handelstag seit dem Bekanntwerden der Infektionswelle, die meisten Notierungen agrarischer Rohstoffe wieder von ihren dramatischen Einbrüchen im Frühhandel und schlossen letztlich in "abwartender Stimmung" mit nur moderaten Verlusten. Im Frühhandel des Dienstags grenzten sich die Verluste weiter ein, wobei Experten davon sprachen, "die Schweinegrippe ist nun eingepreist, sollte nicht eine dramatische Ausweitung auf eine Pandemie folgen". Die Fähigkeit der Märkte, sich so rasch wieder von dem ersten Schock zu erholen, legt nahe, dass man die schlimmsten Folgen der Missverständnisse um den Verursacher der Krankheit schon gesehen habe.

Asiatische Entwicklungsbank: SARS-Epidemie 2003 auch nur mit begrenzten Folgen

Die Experten verweisen dabei auf die wirtschaftlichen Folgen der viralen Lungenkrankheit SARS 2003 in Ostasien. Auch hier hätte sich die Wirtschaft nach einer kurzen Schockphase schnell wieder erholt. Einer Studie der Asiatischen Entwicklungsbank zufolge habe der Ausbruch der Lungenseuche damals das Wirtschaftswachstum der Region um lediglich 0,6% verringert. Davon sei vor allem nur die Reise-Tourismusbranche betroffen worden. Ähnlich wie damals erwartet nun eine zunehmende Anzahl von Analysten nur kurzfristige Auswirkungen auf die Agrarmärkte und eine baldige Erholung, wenn sich der Fokus wieder auf fundamentale Marktdaten richtet.

Bearishes Sentiment nicht nachhaltig - Link zu Getreideverbrauch "psychologisch"

Laut dem Nachrichtendienst Dow Jones News sieht etwa der US-Analyst Duane Lowry von Market News Inc. die erste Reaktion des Marktes auf die Influenzaepidemie als "bearish", der "Nachhaltigkeit solcher negativer Auswirkungen fehlt aber die Wirkungskraft". Dow Jones News erinnert an die Meldung des ersten BSE-Falles in den USA kurz vor Weihnachten 2003. Als Reaktion fielen die Maisnotierungen an der Börse in Chicago (CBOT) fast ins Limit-down (größtmöglicher Kursverlust an einem Handelstag) auf ein Fünf-Wochen-Tief. Zum Neujahrstag waren die Kursverluste aber zur Gänze wieder aufgeholt. Auch JP Morgan sieht den Preisdruck auf die Mais- und Sojanotierungen nur als "temporär". Die Angst um den Nachfrageeinbruch werde von den schwachen Produktionsaussichten in Südamerika und der Verzögerung der US-Frühjahrsaussaat aufgewogen. JP Morgan bezeichnet den Zusammenhang zwischen "Schweinegrippe" und Nachfrage nach Futtergetreide als "schwach und weitgehend psychologisch", weil deren Ausbruch nichts mit dem Konsum von Schweinefleisch zu tun habe.

BRD-Agrarressort: Name "Schweinegrippe" irreführend - richtig:
"Mexikanische Grippe"

Das deutsche Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) in Berlin spricht mittlerweile von "Schweinegrippe" als irreführende Bezeichnung und nennt die Humaninfektion "Mexikanische Grippe", berichtet die Fachzeitung Ernährungsdienst (ED). Die "mexikanische Grippe" ist nach Angaben des BMELV auch nicht vergleichbar mit der im Volksmund als "Vogelgrippe" bezeichneten Aviären Influenza, die durch den Erreger H5N1 ausgelöst wird und als Tierseuche eingestuft ist. Die "Mexikanische Grippe" könne dagegen als Humaninfektion - ohne Kontakt zu Schweinen - von Mensch zu Mensch weitergegeben werden, so das BMELV. Da das Virus nur Ähnlichkeiten mit H1N1-Viren aufweist, die bei Schweinen vorkommen, wird es jetzt als Schweinegrippe bezeichnet. Das Virus sei noch nie bei Schweinen nachgewiesen worden, betont das BMELV. Deswegen bestünde kein Ansteckungsrisiko beim Kontakt mit Schweinen, beim Verzehr von Schweinefleisch oder daraus hergestellten Produkten. Schließlich weist das Ministerium auch darauf hin, dass es auch keinen Zusammenhang zwischen der Erkrankung "Schweinepest" und der "Mexikanischen Grippe" gebe: Schweinepest werde zwar auch durch Viren übertragen, aber eben nicht durch Influenzaviren.

Trotz Entwarnung zahlreiche Handelsbarrieren errichtet -protektionistische Motive vermutet

Trotz der Entwarnung durch die WHO, dass es keinerlei Anzeichen dafür gebe, die Mexikanische Grippe könne durch Kontakt mit Schweinen oder den Verzehr von Schweinefleisch übertragen werden, reagierten einige Staaten mit Handelsrestriktionen. Russland stoppte vorübergehend sämtliche Fleischimporte aus Mexiko und einigen US-Bundesstaaten sowie von Schweinefleisch aus drei weiteren lateinamerikanischen Ländern. China, die Ukraine und die Philippinen, Thailand, Kasachstan und die Vereinigten Arabischen Emirate bannten die Einfuhr von Lebendschweinen und Schweinefleisch aus Mexiko und zumindest Teilen der USA. Hinter der Errichtung von Handelsbarrieren dürften aber in Fällen wie Russland durchaus auch andere Motive wie die Protektion der eigenen Produktionssparten vor ausländischer Konkurrenz stecken, vermuten Beobachter. Russland nahm 2008 10% der US-Schweinefleischexporte im Wert von USD 476 Mio. (EUR 362,67 Mio.) auf.

Vom Verfall der Kurse der Agrarrohstoffe waren an den internationalen Leitbörsen in Chicago (CBOT und CME) im Frühhandel am Montag vor allem Schweinehälften und Ferkel betroffen. In der Folge gaben wegen der Angst um einen Rückgang der Nachfrage nach Futtermitteln auch der Sojakomplex und Mais nach. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen dem Absatzpotenzial von Schweinen und jenem von Futtergetreide ist klar: Die 114 Mrd. in den USA 2008 geschlachteten Schweine konsumierten 31,75 Mio. t Mais und 8,16 Mio. t Sojabohnen. Allein der mit 900.000 t Importen fünftgrößte Schweinefleischkunde der USA steht dabei für einen Maisverbrauch von 2,7 Mio. t Mais und 1,2 Mio. t Sojabohnen.

Weizen und Rindfleisch weniger betroffen - EU: Weizen und Schweinekassamärkte stabil

Weniger betroffen waren der Rindfleischsektor und der Weizenmarkt. Die Weizenfutures an der CBOT behielten dabei mehr die Fundamentals wie die Verzögerung des Frühjahrsanbaus in den USA im Blickwinkel. In Europa folgte die Euronext.Liffe in Paris dem Trend in den USA. Starke Verluste zu Handelsbeginn am Montag in der Früh milderten sich im Laufe des Handelstages und am Dienstag deutlich wieder ab. Auf die europäischen Weizenkassamärkte habe sich die Reaktion weit schwächer niedergeschlagen, hieß es in Paris, und auch der europäische Weizenfutures habe mit einer zunehmend maßvolleren Betrachtung der Dinge sein Tief wieder überwunden. "Obwohl die ersten Auswirkungen heute schon etwas brutal waren, muss man sich vor Augen halten, dass die Menschen, wenn sie weniger Schweinefleisch essen, dann halt mehr Geflügel verzehren werden", zitiert Reuters einen Händler an der Euronext. Am Dienstag gegen 14.00 Uhr hielt sich der Weizenfutures an der Euronext.Liffe in Paris unverändert gegenüber Montag bei EUR 139,50 pro t für den vordersten Liefertermin, den Mai 2009. Der für die neue Ernte maßgebliche Novemberweizenfutures hielt zu diesem Zeitpunkt mit EUR 143,75 den deutlichen Preisbonus für die Ernte 2009 und spürbar über der psychologisch wichtigen Schwelle von EUR 140,-pro t.

Der deutsche Kassamarkt für Weizen war am Montag von Abwarten auf Anbieter und Aufkäuferseite gekennzeichnet. In Italien hatte die "Schweinegrippe"-Berichterstattung keine Auswirkung auf die Weizen-und Maispreise, nachdem sich diese schon vorige Woche wegen einer verringerten Ernteerwartung erholt hatten. Ebenso wenig konnte der erste Erkrankungsfall in Europa in Spanien der Erholung der Weizenpreise auf der iberischen Halbinsel etwas anhaben.

An der Warenterminbörse RMX in Hannover musste der Schlachtschweinefutures am Montag starke Kurseinbrüche unter die psychologisch wichtige Marke von EUR 1,50 pro kg hinnehmen. Allerdings hieß es, der Kassamarkt verlaufe weiterhin sehr positiv und die angebotenen Schlachtschweine wären reibungslos absetzbar. (Schluss) pos/pom

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