- 03.04.2009, 18:35:45
- /
- OTS0249 OTW0249
"Die Presse"-LEITARTIKEL: Vertrauen ist gut, Misstrauen ist besser, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 4.4.2009
Wien (OTS) - Die Staaten wollten beim G 20-Gipfel in London unser
Vertrauen gewinnen. Sie haben es nicht verdient.
Vertrauen ist der Schlüsselbegriff des gegenwärtigen Krisendiskurses.
Auf allen Ebenen: Beim G 20-Gipfel in London ging es darum, durch
gemeinsames Agieren - und sei es nur auf der Überschriftenebene - das
Vertrauen der Weltbevölkerung in die Lösungskapazität der
internationalen Politik zu stärken. Die Initiative des
österreichischen Finanzministers zur Lösung der Kreditklemme durch
staatliche Garantien zielt auf die Wiederherstellung des Vertrauens
im Bankensektor. Die Verhaftung von Julius Meinl V. diente der
Stärkung des Vertrauens in die österreichische Justiz, der man seit
Langem nicht ganz zu Unrecht einen allzu entspannten Umgang mit den
Vorgängen bei Immofinanz, Meinl und Co. vorgeworfen hat. Und über
allem kreist die philosophisch-ideologische Debatte über die
"Zähmung" eines wild gewordenen Kapitalismus um die Frage, wie man
das Vertrauen der Menschen in ein System wiederherstellen könne, das
von gewissenlosen Zockern an die Wand gefahren worden ist.
Das Vertrauensbedürfnis, das die gegenwärtige Krise erzeugt, bezieht
sich auf nichts Geringeres als das Anbrechen eines neuen Zeitalters,
in dem nicht mehr die Gier und der Egoismus den Ton angeben, sondern
die Sorge um das größte Glück der größten Zahl. Dafür, heißt es,
brauche es eine Rückbesinnung auf die alten Werte, einen starken
Staat, der verhindert, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer
werden. Ein neues Regelwerk müsse her, das Steueroasen austrocknet,
Managerbezüge begrenzt und der ungezügelten Spekulation den Garaus
macht.
Die Sehnsucht nach einem neuen Zeitalter ist seit jeher mit der
Sehnsucht nach messianischen Figuren verbunden. Sie konzentriert sich
derzeit auf den amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Ihm traut
man zu, dass er das Steuer nicht nur in seinem Heimatland herumreißt.
Er soll nicht nur aus dem bösen Bush-Amerika das gute Obama-Amerika
machen, von ihm wird auch erwartet, dass er die böse Kapitalistenwelt
in eine gute Sozialarbeiterwelt verwandelt.
Er tut es nur nicht. Die bisher vorgestellten Pläne der
Obama-Administration bedeuten im Kern vor allem eines: dass die Krise
mit genau denselben Maßnahmen bekämpft wird, die die Krise
hervorgerufen haben. Die imposanten Konjunkturpakete, die jetzt in
den USA und in weiten Teilen Europas geschnürt werden, setzen
allesamt auf die kurzfristige Befriedigung des
Vertrauensbedürfnisses, das sich auf Staat und Politik konzentriert.
Langfristig werden sie möglicherweise zur Verschlimmerung der Krise
führen.
Das heißt: Vertrauen ist gut. Denken ist besser. Und Denken ist
nichts anderes als strukturiertes Misstrauen.
Schon der Blick auf die Ursachen der Krise macht klar, dass Vertrauen
nicht die Lösung ist, sondern das Problem: Die Immobilienblase, deren
Platzen die globale Finanzkrise ausgelöst hat, basierte zunächst auf
dem politischen Wunsch nach Krediten für nicht kreditwürdige Bürger,
dann auf dem Vertrauen darauf, dass sich Konsumkredite dauerhaft über
die Wertsteigerung der als Sicherheit gegebenen Immobilien
finanzieren lassen würden. Und dass das Platzen der Immobilienblase
nicht nur die Branche, sondern das globale Finanzsystem an den Rand
des Abgrunds brachte, hatte mit dem Vertrauen darauf zu tun, dass die
"Finanzinstrumente", die man mit der Umwandlung eines jeden
Schuldtitels in ein handelbares Asset geschaffen hatte, zu einer
Streuung und damit Minimierung des Risikos führen würden.
Klar, es wird und soll im Gefolge der Krise auch zu neuen Regeln
kommen, und die Überschriften, die beim Londoner Gipfel verkündet
wurden, wie etwa die stärkere Kontrolle von Hedgefonds und
Ratingagenturen, klingen vernünftig. Aber darauf zu vertrauen, dass
solche Regulative Krisen in Zukunft verhindern können, ist angesichts
der gegenwärtigen absurd: Das Hauptproblem mit den "giftigen
Papieren" haben nicht die unkontrollierten Hedgefonds, sondern der
vergleichsweise jetzt schon streng regulierte Bankensektor.
Wie sehr Misstrauen statt Vertrauen angebracht ist, zeigen auch jene
Kommentare, die den österreichischen "Fall Meinl" als Beispiel dafür
nennen, wie dringend ein neues Regelwerk wie das in London
angestoßene sei. Wie in vielen anderen Fällen auch haben wir es im
Fall Meinl nicht mit einem Mangel an Regulierung zu tun, sondern mit
einem Mangel an Bereitschaft und Mitteln, ihre Einhaltung zu
kontrollieren und Verstöße zu sanktionieren.
Das Einzige, worauf wir vertrauen sollten, ist also ein gesundes
Misstrauen.
Rückfragehinweis:
[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






